Zur Bekämpfung der Armut in Namibia fordern kirchliche Entwicklungsexperten ein bedingungsloses Grundeinkommen für die ganze Bevölkerung. Das Grundeinkommen für alle sei "ein hervorragendes Instrument, um die Würde der Menschen materiell zu sichern", sagte der Aufsichtsratsvorsitzende des Evangelischen Entwicklungsdienstes und Präses der rheinischen Kirche, Nikolaus Schneider, am Freitag auf einer Fachtagung in Wuppertal. Er verwies auf die positiven Ergebnisse eines Pilotprojekts, das seit Anfang 2008 in einem namibischen Dorf mit 1.200 Einwohner läuft.In dem Dorf 100 Kilometer östlich der Hauptstadt Windhuk seien Arbeitslosigkeit und armutsbedingte Kriminalität drastisch gesunken, hieß es in einer ersten Auswertung des Projekts. Der Anteil mangelernährter Kinder sank demnach von 42 auf 17 Prozent. Bei dem Projekt der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Namibia erhält jeder Bewohner pro Monat 100 namibische Dollar (rund acht Euro). Schneider plädierte dafür, diesen Versuch auf das ganze Land auszudehnen, um die "Alltagstauglichkeit" dieses Instruments der Armutsbekämpfung zu testen und die "ideologische Debatte" über das Thema Grundeinkommen zu beenden.
Die Unterstützer des Grundeinkommens bilden nach Angaben von Projektleiterin Claudia Haarmann von der Vereinten Evangelischen Mission (VEM) die größte soziale Bewegung in Namibia seit der Unabhängigkeit des südafrikanischen Landes. Sie plädierte zur Finanzierung eines landesweiten Grundeinkommens für ein System der Umverteilung, bei dem den Reichen etwas genommen werden solle, um es den Armen zu geben.
Der evangelisch-lutherische namibische Bischof Zephania Kameeta sagte, durch die Grundsicherung könnten die Menschen ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Er hoffe, dass das Pilotpojekt eine "Schneeball-Effekt" habe und auf ganz Namibia ausgeweitet werde. Der namibische Regierungsvertreter Peter Katjavivi begrüßte die kirchliche Initiative. Es helfe, Armut und Unterentwicklung einzudämmen, und trage zur wirtschaftlichen Entwicklung des Landes bei, sagte der Chef der Nationalen Planungskommissionauf in Namibia auf der Wuppertaler Tagung.
Im Blick auf eine Ausweitung des Projekts zeigte sich Katjavivi aber zurückhaltend: "Wir müssen sehen, ob wir die Mittel haben", sagte er. Die Ergebnisse des Pilotprojekts müssten zudem eingehend geprüft werden. Namibia brauche strukturelle Reformen, um die verbreitete Armut und Ungerechtigkeit zu bekämpfen, betonte Katjavivi. Die Einkommen und die Zahl der Arbeitsplätze müssten zunehmen, auch der Staat brauche mehr Einnahmen aus Steuern. Skeptisch beurteilen auch die Weltbank und der Internationale Währungsfonds (IWF) Überlegungen, der ganzen Bevölkerung eine Grundsicherung zu zahlen.
Das Pilotprojekt in Namibia wird von der VEM sowie der rheinischen und der westfälischen evangelischen Kirche maßgeblich unterstützt. Es soll mindestens bis 2010 laufen. Sie waren Veranstalter der Wuppertaler Tagung, auf der am Abend auch um Konzepte sozialer Grundsicherung in Deutschland gehen sollte.
epd-West igl spi