Das Internet mit seinen interaktiven Möglichkeiten gewinnt für Menschen mit Behinderungen immer mehr an Bedeutung. Nach einer am Dienstag in Gelsenkirchen vorgestellten Studie nutzen Behinderte das sogenannte Web 2.0 überdurchschnittlich und nahezu täglich. Während der Durchschnitt der Bundesbürger 5,1 Tage pro Woche ins Netz geht, kommen die Behinderten auf 6,5 Tage in der Woche. Die von der Aktion Mensch in Auftrag gegebene Studie wurde vor über 300 Teilnehmern einer Fachtagung zum Thema "Konzepte und Zukunftsbilder für ein Barrierefreies Internet" präsentiert.
Angesichts von bis zu zehn Millionen Menschen mit einer oder mehreren Behinderungen sei es nicht nur eine Frage der gesetzlichen Verpflichtung, sondern auch der Wirtschaftlichkeit und der Kundenorientierung, Webangebote barrierefrei zu gestalten, sagte ein Sprecher der Aktion Mensch. Die Befragung zeige, dass das weltweite "Mitmach-Internet" behinderten Nutzern hilft, behinderungsbedingte Nachteile auszugleichen. Dazu gehörten vor allem Informationsbeschaffung und Kommunikationsmöglichkeiten.
Dabei wurden auch Unterschiede im Nutzungsverhalten bei den einzelnen Behindertengruppen deutlich. So nutzen Blinde und Sehbehinderte das Internet vorrangig als Informationsquelle. Schwerhörige und Gehörlose bevorzugen dagegen eher die Kommunikationsformen im Netz.
Die Untersuchung zeigt weiter, dass das Internet die Lebensqualität der Menschen mit Behinderungen deutlich verbessert. 73 Prozent der Befragten nutzen das Netz mit Hilfe assistiver Technik selbstständig. So könnten Blinde zum Beispiel alleine die Zeitung lesen, was früher nur mit Hilfe eines "Vorlesers" möglich war.
Neben den Nutzungsmöglichkeiten standen auch die Barrieren im Mittelpunkt der Untersuchung. Hier wurde deutlich, dass die Hürden auf dem Weg ins Internet auch von der jeweiligen Behinderung abhängig sind. So finden mit 69 Prozent mehr als zwei Drittel der befragten Blinden die Registrierung als Benutzer von Internetangeboten als problematisch. Häufig stellen sogenannte nichtmaschinenlesbare Grafikcodes (Captchas) eine unüberwindbare Barriere für die Lesegeräte der Blinden dar.
Gerade multimediale Auftritte im Internet, die mit Text-, Sprach- und Bildelementen arbeiten, führen immer noch zum Ausschluss Behinderter vom weltweiten Datenstrom. Für Blinde sind Videos nicht nutzbar, Gehörlose scheitern an Audiobeiträgen. Hier könnten zum Beispiel Gebärdendolmetscher Abhilfe leisten.
Als weitere Barriere erwies sich den Angaben nach die Sprache im Web. Diese Hürde ist für Menschen mit Behinderungen viel höher als bisher angenommen. So bereite unter anderem der Umgang mit Kommentarmöglichkeiten große Probleme. Vor allem Lernbehinderte und Menschen mit einer Lese/Rechtschreibschwäche hätten Probleme bei der Teilnahme an Weblogs oder Chatforen.
Diese Gruppe wird zudem durch ihre eingeschränkten finanziellen Möglichkeiten an der Nutzung des Internets gehindert, wie die Studie auch ergab. Während zum Beispiel 93 Prozent der befragten Blinden angaben, einen leistungsstarken DSL-Anschluss zu besitzen, waren es in der Gruppe Lese/Rechtschreibschwäche und Lernbehinderung/geistige Behinderung nur 63 Prozent.
Nach Angaben der Aktion Mensch handelt es sich bei der Untersuchung um die erste Grundlagenstudie zur Nutzung des Internets durch Menschen mit Behinderungen. Neben Expertengesprächen und Gruppeninterviews flossen auch die Ergebnisse einer Online-Befragung unter knapp 700 behinderten Nutzern in die Studie ein. (d52060/6.5.2008)