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  Ausgepowert auf Station 45
Krankenschwester Judith Lauer ist nach wenigen Berufsjahren am Ende ihrer Kräfte


Von Isabel Fannrich-Lautenschläger


Krankenschwester zu sein, ist ihr Traumberuf: Doch ist Judith Lauer (30) durch den Schichtbetrieb oft am Ende ihrer Kräfte
©epd-bild
Berlin (epd). Sieben Tage arbeiten. Ein Tag Pause. Und wieder sechs Tage ran. Morgens früh. In der Spätschicht bis nach 22 Uhr. Oder die ganze Nacht. Judith Lauer ist Krankenschwester am Berliner St. Gertrauden-Krankenhaus. Sie hat auf Station 45 für »Innere/Gastroenterologie« ihren »Traumberuf« gefunden. Doch die schlechten Arbeitsbedingungen rauben ihr die Energie: »Besonders der Arbeitsrhythmus ist heavy. Nach den Schichten bin ich ausgelaugt.« Auf der großen Demonstration am 25. September in Berlin machte sie ihrem Ärger Luft.

Sieben, eins, sechs. Dieser Arbeitstakt ist in Krankenhäusern keine Ausnahme. Als Folge der Einsparungen im Gesundheitswesen einerseits und der steigenden Kosten andererseits haben die Kliniken immer mehr Personal entlassen. Auch im St. Gertrauden-Krankenhaus mit seinen 410 Betten: Früher versorgten auf der Station 45 zwei bis drei Vollzeit-Schwestern ein Dutzend Patienten. »Heute sind wir froh, wenn zwei da sind. Häufig ist es nur eine«, erzählt Lauer. Wenn sie nachts Schicht hat, kümmert sie sich allein um 24 Menschen. Die meisten sind alt, viele dement: »Die Patienten schlafen in der Nacht schlecht. Sie sind unruhig in der fremden Umngebung.« Manchmal klettern sie aus dem Bett, ziehen sich die Hosen aus und machen das Bett voll. »Die Sturzgefahr ist wahnsinnig groß.«

Trotz der Personalengpässe sei mit weiterem Stellenabbau zu rechnen. Dienstpläne können kaum noch geschrieben werden. Es gibt Druck, nicht zu viele freie Tage einzutragen, erzählt die 30-Jährige. Jetzt sei wieder eine Kollegin schwanger. Die anderen müssen ihre Spät- und Nachtschichten übernehmen. Die Überstunden in diesem Monat sind die fehlende Arbeitszeit des nächsten Monats.

Beim Berufsstart machte sie sich über Burn-out noch keine Gedanken

Vor sechs Jahren hatte sie sich das alles ganz anders vorgestellt. Ursprünglich wollte die blonde Frau mit den blassen Sommersprossen Hebamme werden, fand aber keinen Ausbildungsplatz. Sie lernte am St. Gertrauden-Krankenhaus den Beruf der Krankenschwester und blühte auf: »Es macht Freude, hilflosen und kranken Menschen zu helfen, damit sie wieder ins Leben finden.« Dass auf der psychiatrischen Station viele Krankenschwestern mit Depression und Burn-out lagen, entzog sich damals noch ihrem Verständnis.

Die Nachtschicht hat es in sich: Einen 120-Kilo-Mann allein von links nach rechts hieven, um die Schutzhose zu wechseln. Neu eingelieferte Patienten versorgen. Die Angehörigen beruhigen. Einen Gestürzten mit Platzwunde am Kopf in die Erste Hilfe bringen. Und jeden kleinsten Schritt etwa im »Schmerzprotokoll« oder im »Sturzprotokoll« dokumentieren. Es ist wie am Fließband. »Ich habe wenig Zeit, mich zu den Patienten ans Bett zu setzen. Meistens bin ich im Schwesternzimmer«, bedauert Lauer. Im Vergleich zu früher falle heute »mindestens das Doppelte« an Telefon- und Schreibarbeiten an.

Dennoch trägt sie die absurden Auswüchse des Gesundheitssystems mit Verständnis. Sie weiß, dass die Klinik bei langen Liegezeiten von Patienten weniger Geld bekommt. Deshalb versucht Lauer, »das Ganze in fünf Tagen statt wie früher in zwei Wochen zu erledigen«.

Während manche Kollegen sich dem zunehmenden Druck entziehen und nur das Nötigste tun, hält Lauer am Sinn ihrer Arbeit fest. So bereitet sie schon für die nachfolgende Schicht Medikamente oder die Entlassung von Patienten vor. »Wenn ich das nicht tun würde, hätte ich kein gutes Gefühl.« Sie arbeite »sehr gerne« in Schichten, weil sie dann flexibler sei mit Arzt- und Ämterbesuchen oder den Chorproben zweimal die Woche.

Aber nicht nur die Pflegekräfte sind unzufrieden. Die Patienten sind es auch, ebenso die Angehörigen, obwohl die Klinik nach dem Konzept des »Primary nursing« jedem Patienten eine Krankenschwester als Hauptansprechperson zur Seite stellt. Viele der Kranken benähmen sich wie im Hotel, berichtet die Krankenschwester: »Sie denken, sie kriegen alles mit silbernen Löffeln serviert. Man tut, was man kann, und kriegt oft nicht einmal ein Dankeschön«, beklagt
Lauer.

Beim Bewältigen all der Probleme hilft nur der Austausch mit den Kollegen. »Familie und Freunde können das nicht nachvollziehen«, sagt Lauer: »Früher konnte ich sehr gut abschalten. Jetzt nehme ich den Stress mit nach Hause, und das Privatleben leidet.« Sieben, eins, sechs: Ein Tag reicht nicht, um sich zu erholen.  






 
 

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