Plauen/Osnabrück (epd). Das Kinderhilfswerk "terre des hommes" hat eine wirksamere Bekämpfung der Kinderprostitution gefordert. Nach Schätzungen der Organisation setzen Verbrecherringe damit weltweit jährlich mehr als 5,5 Milliarden Euro um. Pro Jahr würden vermutlich rund zwei Millionen Kinder und Jugendliche in die Prostitution gehandelt, davon eine halbe Million in die EU-Länder. Besonders beliebt sei nach wie vor der "Bordellgürtel" an der deutsch-tschechischen Grenze, teilte das Kinderhilfswerk anlässlich des Weltkindertages am 20. September mit.
Als Streetworkerin Cathrin Schauer vor 13 Jahren beim Sozialprojekt Karo im sächsischen Plauen anfing, traf sie im Rotlichtmilieu hin und wieder auch minderjährige Mädchen. Doch erst nach drei Jahren begriff sie, welches Ausmaß die Kinderprostitution an der deutsch-tschechischen Grenze hatte. Damals fand die 44-jährige Sozialarbeiterin ein verletztes 15-jähriges Mädchen im Straßengraben, neben ihr stand die Freundin.
| Stichwort: Das Kinderhilfswerk terre des hommes
Osnabrück (epd). Seit 40 Jahren setzt sich das entwicklungspolitische Kinderhilfswerk "terre des hommes" weltweit für notleidende Kinder ein. Zunächst wurden verletzte Kinder aus dem Vietnamkrieg gerettet und in Deutschland versorgt. Später kamen Bildungsprogramme, Projekte gegen ausbeuterische Kinderarbeit und Kinderprostitution, Zentren für Straßenkinder sowie Initiativen zum Schutz von Kindern vor Krieg und Gewalt hinzu. Bereits 2001 startete terre des hommes eine internationale Kampagne gegen Kinderhandel mit Beteiligung von mehr als 900 Partnerorganisationen in 36 Ländern.
Weltweit unterstützt das Kinderhilfswerk mit Sitz in Osnabrück derzeit 40 Projekte gegen Kinderhandel. Sie beugen dem Einsatz von Kindern als Prostituierte, Bettel- oder Klaukinder vor und schützen Kinder vor der Ausbeutung als Arbeitssklaven in Steinbrüchen, auf Kakao- oder Baumwollplantagen. Auch die direkte Unterstützung von Opfern wird in terre-des-hommes-Projekten geleistet.
In seinem Engagement für die Rechte der Kinder beruft sich das Hilfswerk terre des hommes auf die UN-Kinderrechtskonvention, in der sich fast 200 Vertragsstaaten verpflichten, Kinder vor allen Formen kommerzieller sexueller Ausbeutung zu schützen. sd |
"Sie erzählte mir, ein deutscher Mann habe das Mädchen im nahe gelegenen Waldstück im Genital- und Analbereich mit dem Messer mehrfach geschnitten und anschließend aus seinem BMW rausgeworfen", berichtet Schauer. Die beiden minderjährigen Prostituierten hatten es bis zur Straße geschafft, dann war das Mädchen zusammengebrochen. Die Sozialarbeiterin rief einen Rettungswagen und forschte nach.
"Ich konnte nicht wie bisher weiterarbeiten", erzählt sie. "Ich konnte nicht so tun, als gebe es diese deutschen Männer nicht, die sexuelle Gewalt an Kindern ausüben." Cathrin Schauer beobachtete und interviewte die Kinder, ihre Mütter, Zuhälter und auch Sextouristen. 2003 veröffentlichte sie unter dem Titel "Kinder auf dem Strich" einen erschütternden Bericht, der den "Bordellgürtel" an der deutsch-tschechischen Grenze für einige Monate ins Licht der Öffentlichkeit rückte. Ihre Bilanz vier Jahre nach Erscheinen des Reports ist ernüchternd. "Die Kinderprostitution hat sich in den Untergrund verlagert, abgenommen hat sie nicht", bedauert die Sozialarbeiterin. Nach wie vor verkauften arme, tschechische Familien bereits Säuglinge an deutsche Sextouristen, und organisierte Zuhälterbanden vermittelten Kinder aus ganz Osteuropa an Pädophile. Immer wieder beobachte sie, dass nachts Kinderwagen als Signal für die Sextouristen vor den Haustüren stünden.
Auch die von den Freiern als "Stichplätze" bezeichneten Waldstücke, in denen der sexuelle Missbrauch für fünf bis 25 Euro, manchmal auch nur für Süßigkeiten stattfinde, würden nach wie vor genutzt. "Das Internet spielt heute eine noch größere Rolle", beobachtet Schauer. "Der Kontakt zwischen dem Kind und dem Sexkunden wird zum Teil gezielt über das Internet hergestellt." Die Kinder würden in ganz Deutschland herumgereicht.
Zwar habe es nach ihrem Bericht "kleine Veränderungen" gegeben, sagt die Sozialarbeiterin Schauer. Die Zusammenarbeit mit den tschechischen Behörden sei heute besser. Es gebe Aktionspläne und grenzübergreifende Fortbildungen der Polizei. "Doch so manches, was Politiker nach dem Report versprochen haben, ist Lippenbekenntnis geblieben." So fehle es bis heute an Geldern für die Einrichtung eines Kinderschutzzentrums, in dem die Mädchen und Jungen Zuflucht, Therapien und medizinische Hilfe finden könnten. "Die Spenden und EU-Fördermittel für den Verein KARO reichen nur noch bis Ende des Jahres."
Claudia Ehlers vom Kinderhilfswerk "terre des hommes" bemängelt, dass es in Deutschland keinen nationalen Aktionsplan zur Bekämpfung des Kinderhandels gibt. "Jedes Bundesland hat seine eigenen Fahndungs- und Ermittlungsmethoden, und die können schon von Behörde zu Behörde unterschiedlich sein." In anderen Ländern wie den Niederlanden, Österreich oder Großbritannien gebe es nationale Koordinierungsstellen, in denen die Informationen zusammenliefen und die Vernetzung der Aktivitäten gegen den Kinderhandel auch zu größeren Fahndungserfolgen führten.
Mit Aufklärungskampagnen will terre des hommes eine breite Öffentlichkeit für die Kinderprostitution sensibilisieren. Plakataktionen oder Kurzfilme in Flugzeugen sollen deutlich machen, dass alle Bürger eine Verantwortung für den Schutz der Kinder tragen - egal ob in Übersee oder in Deutschland.
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Sextouristen an der Grenze
Auszug aus Cathrin Schauer: "Kinder auf dem Strich. Bericht von der deutsch-tschechischen Grenze", Horlemann-Verlag 2003, 9,90 Euro:
"Eines Abends wurden die SozialarbeiterInnen von KARO von einer erwachsenen Prostituierten informiert, dass soeben ein deutscher Mann von ihr ein 13-jähriges Mädchen vermittelt haben wollte. Sie sei zum Schein darauf eingegangen und bat nun um Hilfe. Meine Kolleginnen riefen sofort die Polizei und sprachen den Deutschen an. Dieser kommentierte das Geschehen folgendermaßen: 'Sie brauchen mich nicht zu therapieren. Sie müssen sich das so vorstellen, wie wenn man eine Porzellansammlung hat und dazu ein Versace-Porzellanstück bekommt. Und genauso ist das hier. Zu Hause habe ich eine Frau mit großem Busen und hier suche ich etwas kleines Zierliches mit kleinen Brüsten. Das machen doch alle so. Und wenn ich das jetzt nicht haben kann, dann komme ich morgen oder übermorgen wieder. Ich hole mir, was ich will. Das tun doch alle!'« |
"Wer genau hinsieht, kann die Kinderprostitution auch an unseren Bahnhöfen entdecken", meint Stefanie Krebbers von der Dortmunder Mitternachtsmission. Die 30-jährige Diplompädagogin leitet das Projekt "Kinder und Jugendliche in der Prostitution". Ziel des Beratungsangebotes ist es, den Mädchen und Jungen beim Ausstieg aus der Szene zu helfen. Als die Dortmunder Mitternachtsmission das Projekt vor elf Jahren startete, erreichte sie 18 Mädchen und Jungen. Heute sind es 75.
Die meisten Jugendlichen, die Krebbers betreut, sind zwischen 14 und 16 Jahren alt. Das jüngste Mädchen war erst elf Jahre. Viele wurden von älteren Männern in die Prostitution gezwungen. "Sie üben großen Druck auf die Mädchen aus, indem sie ihnen mit dem Jugendamt und dem Heim oder sogar der Psychiatrie drohen", berichtet die Pädagogin. In ihre zerrütteten Familien wollten die Jugendlichen meist nicht zurück, den Kontakt zu alten Freunden hätten sie abgebrochen, auf die Polizei oder Behörden reagierten sie mit Angst.
"Gewalt und sexueller Missbrauch hinterlassen tiefe Spuren, die Kinder sind traumatisiert"
"Die Mädchen werden von ihren Zuhältern stark abgeschirmt und ausgebeutet", beobachtet Krebbers. Oft würden sie von einer Wohnung zur anderen gebracht. Der Kontakt zu den Freiern laufe über das Internet. Die starke Abhängigkeit von den Zuhältern und ihre mangelnde Lebenserfahrung führten dazu, dass sie gefährliche Situationen nicht erkennen würden und den Forderungen der Freier wenig entgegenzusetzen hätten. "Sie lassen sich auf Sexualpraktiken ein, denen sie körperlich und seelisch nicht gewachsen sind", sagt die Dortmunder Pädagogin. Dazu zählten ungeschützter Geschlechtsverkehr, besonders schmerzhafte Praktiken und Demütigungen.
Wie dies aussehen kann, erzählt der elfjährige Antonin in Cathrin Schauers Buch "Kinder auf dem Strich". Sextouristen fesselten ihn im Auto, klebten ihm den Mund zu und vergewaltigen ihn. Die 15- jährige Eva berichtet von Sex mit der Pistole am Hals und die 15-jährige Julianka von Verfolgungsjagden, Bedrohungen mit dem Messer und Vergewaltigungen.
"Die Gewalt und der sexuelle Missbrauch hinterlassen tiefe Spuren", betont Cathrin Schauer. "Die Kinder sind schwer traumatisiert, oft ist ihr Leben völlig zerstört." Ohne Schutz, Therapie und liebevolle Begleitung drehe sich die Gewaltspirale weiter.
Missbrauchte Mädchen schickten ihre eigenen Kinder auch auf den Strich, missbrauchte Jungen endeten nicht selten als Zuhälter. Eben so, wie der 13-jährige Petr es in Schauers Report vor vier Jahren ankündigte: "Ich werde Zuhälter, dann schaffe ich mir zwei bis drei Frauen an, die für mich arbeiten müssen." Und verbittert ergänzte er: "Du wirst schon sehen, das 21. Jahrhundert wird das Jahrhundert der Zuhälterei."
Weitere Informationen:
www.karo.ev.de
www.standort-dortmund.de/mitternachtsmission
www.tdh.de