Berlin (epd). Der Petitionsausschuss des Bundestages hat sich am 11. Dezember in einer Anhörung über die Schicksale ehemaliger Heimkinder in den Nachkriegsjahrzehnten informiert. Gewalt, Demütigungen, Zwangsarbeit und sexuelle Misshandlungen waren keine Einzelfälle. Die Grünen fordern eine Entschuldigung des Parlaments. Die ehemaligen Heimkinder fordern ihre Anerkennung als Opfer von Menschenrechtsverletzungen.
Wäre Wolfgang F. nicht in den Nachkriegsheimen der jungen Bundesrepublik aufgewachsen, könnte er heute ein Handwerksmeister sein oder ein Finanzbeamter. Er könnte sich Anerkennung erworben haben und auskömmlich leben. Aber der freundliche, kleine Mann lebt von 286 Euro Rente, die ihm der Staat mit Sozialhilfe aufstockt und hat 18 Jahre seines Lebens in Gefängnissen verbracht.
Wolfgang F. ist eines der ehemaligen Heimkinder, die dem Petitionsausschuss ihren Leidensweg in kirchlichen und staatlichen Erziehungsheimen der 1950er und 1960er Jahre geschildert haben. 184 Mal, sagt er, sei er ausgerissen. Er war in verschiedenen staatlichen Heimen in Nordrhein-Westfalen. Selbst in die Psychiatrie wurde er gesteckt, weil er immer wieder weglief: "Die Gitterstäbe dort waren dicker als die, die ich später im Knast gesehen habe."
Für seine Fluchten klaute er ein Fahrrad, dann ein Moped, weil sie ihn immer weiter weg von zu Hause unterbrachten. Unterwegs besorgte er sich was zu essen, "Geld hatten wir ja nicht". So fing seine kriminelle Karriere an. Später war er Strichjunge und noch später Zuhälter. Den Ausstieg aus dem kriminellen Milieu hat er allein geschafft. Das ist gut 20 Jahre her. "Der Staat hat uns in den Heimen zu Ver- brechern erzogen und dafür nachher bestraft", sagt Wolfgang F. heute.
Unbezahlte Arbeit soll bei der Rentenberechnung berücksichtigt werden
Der Verein ehemaliger Heimkinder, dem er sich angeschlossen hat, hat im Bundestag eine Petition eingereicht. Darin fordern die früheren Zöglinge, dass sie als Opfer von Menschenrechtsverletzungen anerkannt werden. Unbezahlte Arbeit, die ihnen abverlangt wurde, soll bei der Rentenberechnung berücksichtigt werden. Die menschenverachtenden Erziehungspraktiken müssten nachträglich geächtet werden, verlangen die Betroffenen.
Neun Männer und Frauen, unter ihnen Wolfgang F., haben den Abgeordneten den unbarmherzigen Heimalltag geschildert. Sie mussten als Kinder und Jugendliche ohne Bezahlung bis zu 16 Stunden am Tag arbeiten, in der Landwirtschaft, als Bäcker, Waschfrauen, Büglerinnen, Heizer, Putzfrauen. Sie wurden von Erziehern sexuell misshandelt. Prügel, Einzelhaft und Einlieferungen in die Psychiatrie gehörten zu den Disziplinierungsmitteln. Die Opfer leiden heute unter Angststörungen, Depressionen, Schmerzen.
"Uns beschweren?", sagt Wolfgang F., "das konnten wir damals nicht. Beschwerden wurden durch Prügel erledigt." Dass 1961 die staatliche Heimaufsicht eingerichtet wurde, sei den Kindern in den Anstalten nie zu Ohren gekommen. Wolfgang F. wurden für fünfeinhalb Jahre schwere Arbeit in der Landwirtschaft insgesamt 254 Mark zugebilligt, ein paar Pfennige pro Stunde, berichtet er - selbst dieses Geld habe er nie bekommen.
Die Jugendhilfe-Expertin und SPD-Abgeordnete Marlene Rupprecht, die sich für die Anhörung eingesetzt hatte, wertete sie als "sehr guten Start" zur Aufarbeitung des Unrechts. Der Petitionsausschuss habe zum ersten Mal überhaupt Betroffene angehört. Sie habe ihre Kollegen "nie so still erlebt", sagte Rupprecht und sehe "eine große Bereitschaft, Lösungen zu suchen". Es gehe nun um Einzelfragen, die Zeit bräuchten.
"Staatliche Stellen haben systematische Menschenrechtsverletzungen zugelassen"
Die Grünen wollen eine Entschuldigung des Bundestages für das Unrecht in der Heimerziehung in den Nachkriegsjahrzehnten erreichen. Der Innen-Experte der Fraktion, Josef Winkler, sagte epd sozial, wünschenswert sei eine fraktionsübergreifende Entschließung. Das Parlament müsse sich dazu bekennen, "dass staatliche Stellen systematische Menschenrechtsverletzungen zugelassen haben".
In einem zweiten Schritt müsse es um die Anerkennung der Forderungen der Opfer und finanzielle Entschädigungen gehen, erläuterte Winkler. Die staatliche Heimaufsicht habe völlig versagt.
Bei den Misshandlungen in staatlichen und kirchlichen Anstalten handele es sich "nicht um Einzelfälle, sondern um systematische Handlungen". Sie reichten von "Freiheitsberaubung über eine lange Liste von Delikten bis hin zu Folterhandlungen", so Winkler, der auch Mitglied des Petitionsausschusses ist.
Das Schicksal der früheren Heimkinder war zu Beginn des Jahres durch ein Buch des "Spiegel"-Autors Peter Wensierski mit dem Titel "Schläge im Namen des Herrn" bundesweit bekannt geworden. Viele Opfer haben Jahrzehnte über ihre traumatischen Erlebnisse geschwiegen. Das Diakonische Werk und der Deutsche Caritasverband haben den Betroffenen eine Aufarbeitung des Unrechts in den kirchlichen Heimen zugesagt.