Berlin (epd). Markus Breitscheidel (36), ein ehemaliger Manager, arbeitete undercover als Altenpflege-Helfer, um über Missstände in Heimen zu recherchieren. Sein Bericht bringt Vernachlässigung, Grausamkeiten und unerträgliche Arbeitsbedingungen für das Pflegepersonal an den Tag. Am 2. September kam sein Buch "Abgezockt und totgepflegt. Alltag in deutschen Pflegeheimen" in den Handel.
Günter Wallraff nennt das Buch einen "aufrüttelnden Insider- und Tatsachenbericht". Breitscheidel selbst ist kein Journalist, sondern war Verkaufsleiter in einem Unternehmen für Spezialwerkzeuge, als er seine "Heim-Suchung" (Wallraff) begann. 1998 kündigte er seinen Job, verkaufte sein Auto, legte seine Ersparnisse auf die hohe Kante und fuhr mit nichts als einem Rucksack nach München, um im Jahr 1999 im erstbesten Heim als Ungelernter in der Altenpflege anzuheuern. Nach ein paar Monaten kündigte er und arbeitete bis zum Jahr 2001 in vier weiteren Heimen - vier Jahre später veröffentlicht er nun seinen Bericht (siehe auch das Interview in dieser Ausgabe).
Oft bleiben die Alten tagelang ungewaschen, manchmal wochenlang ungebadet
Die Verarbeitung des Erlebten und die Suche nach einem Verlag habe das Erscheinen des Buches verzögert, so Breitscheidel. Der Econ-Verlag rechnet mit juristischen Auseinandersetzungen. Bisher liege aber keine Klage vor, sagte die Sprecherin des Verlags, Juliane Brümmer, epd sozial. Mit einem der Heime, das eine einstweilige Verfügung gegen die weitere Auslieferung des Buchs angedroht hatte, versuche man sich zu einigen. Es gehe um Formalien. Breitscheidels Schilderungen würden inhaltlich nicht bestritten.
Breitscheidel nennt die Heime, in denen er arbeitete, beim Namen. Seine Ex-Kolleginnen und -kollegen schützt er durch Anonymisierung. Er begann in Pullach bei München in einem Heim des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, arbeitete in Norderstedt bei Hamburg, in Köln, Mainz und in einem Pro Seniore Heim in Berlin-Wilmersdorf. Das Berliner Heim war das einzige, in dem er positive Erfahrungen machte, "ein wichtiges Beispiel", so Breitscheidel, weil es zeige, dass humane Pflege möglich und finanzierbar sei.
Der Autor schildert die Missstände subjektiv, aber systematisch. Als Grundübel sieht er die Pflege nach der Stoppuhr. Keine Aussage habe er so oft gehört wie "keine Zeit". Ohne Einarbeitung wird er zum Waschen und Anziehen der alten Leute eingeteilt und beginnt einen Dauerlauf über die Stationen. Immer sind es zu viele Menschen für zu wenige Pfleger. Oft bleiben die Alten tagelang ungewaschen, manchmal wochenlang ungebadet liegen. Die bettlägrigen Patienten haben riesige Druckgeschwüre unter ihren Windeln, sie leiden, verzweifeln, schreien um Hilfe, bekommen sie nicht, machen Selbstmordversuche, sterben allein.
Das Personal hat keine Zeit zum Reden, zum Essen und Trinken Anreichen, zum Verbändewechseln, zum Windelnwechseln, zum Durchatmen. Sie binden die Alten fest, stellen sie im Stuhl auf den Flur, um sie im Blick zu haben, sperren nachts Zimmertüren ab. Jemanden "abschießen" heißt im Pfleger-Jargon, ihn mit Medikamenten ruhig zu stellen. Die Pflegekräfte - viel zu viele ungelernte mit viel zu viel Verantwortung - kommen nicht mehr klar, können nicht schlafen, fangen an zu trinken, brennen aus, gehen kaputt. Fünf Jahre, mehr schafft man nicht in diesem Job, sagen sie. Ein Arzt aus Bosnien, der als Pfleger arbeitet, weil seine Ausbildung nicht anerkannt wird, sagt: "Ich wundere mich, dass ein reiches Land wie Deutschland so mit seinen alten Menschen umgeht."
In der Kölner Seniorenresidenz Christian Runkel werden so wenige Pflegekräfte beschäftigt, dass es pro Tag an 30 Stunden Pflege für die Bewohner fehlt - die aber laut Breitscheidel von Pflegekasse, Angehörigen oder der Sozialhilfe bezahlt werden. Wo bleibt das Geld?, fragt der Autor. Täglich ruft das Pflegepersonal den Notarzt, schließlich anonym die Heimaufsicht zu einer Kontrolle, weil man wegen der Unterbesetzung nur noch zu "gefährlicher Pflege" in der Lage sei. Die Visite wird angemeldet, eine ganze Woche lang wird geputzt, werden Krankenakten vervollständigt, Dienstpläne umgeschrieben, einer zusätzliche Fachkraft für einen Tag bei einer Personalleihfirma bestellt: "Am Kontrolltag ist der Frühdienst zum ersten Mal ausreichend mit ausgebildeten Pflegekräften besetzt," schreibt Breitscheidel.
Der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) kommentierte Breitscheidels Bericht mit dem Vorwurf, es sei "zweifelhaft, Missstände selbst mitzuerleben und diese ausführlich zu dokumentieren - ohne dafür zu sorgen, dass diese abgestellt werden". Für bpa-Präsident Bernd Meurer ein Indiz, dass Breitscheidels "kommerzielles Interesse an der Vermarktung des Titels höher ist als die Sorge um die pflegerische Versorgung der betroffenen Menschen".
Demgegenüber begrüßte der Berufsverband für Pflegeberufe, dass Breitscheidel "das Tabuthema Pflege in Pflegeheimen" aufgegriffen habe. Es zeige deutlich, dass hochwertige Versorgung nur von qualifizierten Kräften garantiert werden könne. In Heimen, in denen die Pflege vorwiegend von Hilfspersonal, "Langzeitarbeitslosen und sozial Schwachen, die diesen Beruf nur aus Not ausüben" geleistet werde, verwahrlosten die alten Menschen.
Weitere Informationen:
Markus Breitscheidel: Abgezockt und totgepflegt. Alltag in deutschen Pflegeheimen, Econ Verlag 2005, 16,95 Euro
Was steht sonst noch im Heft epd sozial 36/2005?