Die Aktivitäten von Scientology in Deutschland haben nach Einschätzung des Berliner Sektenexperten Stefan Barthel in den vergangenen anderthalb Jahren stark nachgelassen. Entwarnung könne aber nicht gegeben werden, sagte der Leiter der Leitstelle für Fragen zu Sekten beim Berliner Senat am 25. November dem epd. Scientology bleibe gefährlich und unterhalte unter anderem nach wie vor in der Bundesrepublik einen gut funktionierenden Geheimdienst mit rund 20 Mitarbeitern.Mit der umstrittenen Organisation und ihrem politischen Einfluss in Europa beschäftigte sich in der Bundeshauptstadt eine dreitägige Konferenz, die am Mittwoch zu Ende ging. Veranstalter war der Sektenbeauftragte der evangelischen Landeskirche, Thomas Gandow.
Die Austritte einiger prominenter Scientologen in den USA in jüngster Zeit hätten möglicherweise zu Verunsicherungen innerhalb der Sekte geführt, vermutete Barthel. Auch spiele Deutschland in strategischen Überlegungen von Scientology offenbar derzeit keine Rolle mehr. "Es wirkt fast so, als sei das Land fallen gelassen worden."
Noch vor anderthalb Jahren habe Scientology immer wieder den Kontakt zu Politikern und zur Sekten-Leitstelle des Senats gesucht oder Materialien zugeschickt, sagte Barthel. Davon sei nichts mehr zu bemerken. "Es ist aber auch gut möglich, dass Scientology mit dieser Zurückhaltung Behörden, Politik und Institutionen nur in Sicherheit wiegen will und sich auf die nächste Offensive vorbereitet."
Der Verfassungsschutz geht nach Barthels Angaben derzeit von 5.000 bis 6.000 Scientology-Mitgliedern in Deutschland aus, Sekten-Experten sprechen von bis zu 12.000 Mitgliedern. In Berlin werden rund 200 Frauen und Männer als Mitglieder eingestuft, die Zahl der Sympathisanten wird auf etwa 800 geschätzt.
Die Sorge um den Einfluss der Organisation, die Anfang 2007 unter zahlreichen öffentlichen Protesten eine Hauptstadtniederlassung eröffnet hatte, sei in der Berliner Bevölkerung nach wie groß, sagte Barthel. 30 Prozent der Anrufe, welche die Leitstelle erhält, würden sich um Scientology drehen.
Ein Misserfolg für Scientology war nach Barthels Einschätzung in jüngster Zeit auch das Verschicken von 500 Werbebriefen an Berliner Ober- und Fachoberschulen. "Die Erfolgsquote war relativ gering", so Barthel. Die meisten Briefe seien durch aufmerksame Schulleiter sofort in den Papierkorb gewandert. Mit Anti-Drogen-Projekten, Immobilienfirmen oder ihrer "Kommission für Verstöße der Psychiatrie gegen Menschenrechte" versuche die Organisation trotzdem weiterhin in der Gesellschaft Einfluss zu gewinnen. Ihr wird insbesondere vorgeworfen, durch teure Psychokurse ihre Mitglieder in ein Abhängigkeitsverhältnis zu bringen. (6225/25.11.2009)