Zum zweiten Mal seit dem Holocaust sind in Deutschland am 30. August orthodoxe Rabbiner ordiniert worden. "An Tagen, wie diesen, zeigen wir, dass es richtig war, zu bleiben", sagte die Präsidentin des Zentralrates der Juden, Charlotte Knobloch, in einer Ansprache vor der feierlichen Zeremonie in der Synagoge der Israelitischen Religionsgemeinde in Leipzig. Der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) bezeichnete die Ordination als ein "Zeichen für die Renaissance jüdischen Lebens in Sachsen und für ein tolerantes, weltoffenes Klima".
Ordiniert wurden die beiden Absolventen des "Hildesheimerschen Rabbinerseminars" in Berlin, Shlomo Afanasev und Moshe Baumel, die künftig in Brandenburg und Österreich tätig sein werden. Zur Feier in der Leipziger Synagoge waren neben zahlreichen Vertretern jüdischer Gemeinden auch Bundes- und Landtagsabgeordnete sowie der Präsident des World Jewish Congress, Ronald S. Lauder, gekommen.
Afanasev und Baumel absolvierten den Angaben zufolge eine dreijährige Ausbildung mit dem Schwerpunkt auf dem Studium des Talmud und dem jüdischen Gesetzwerk Halacha. "Wir brauchen Rabbiner, die aufzeigen, welcher Weg zu gehen ist", sagte Knobloch. Genauso seien Rabbiner vonnöten, um sich "angesichts der speziellen emotionalen Belastung aufgrund anhaltender Agitation und Bedrohung" um die Seelen der Menschen zu kümmern, sagte Knobloch.
Der sächsische Ministerpräsident appellierte in seiner Ansprache, "die Selbstverständlichkeit auch jüdischen Lebens in Deutschland zu verteidigen". Er müsse immer wieder feststellen, dass es Sachsen gebe, die extremistische Straftaten begehen und "ausländische oder jüdische Mitbürger" attackieren, sagte Tillich.
Der Vorstandvorsitzende der Jüdischen Gemeinden im ehemaligen Regierungsbezirk Osnabrück, Michael Grünberg, bezeichnete die Rabbinerausbildung als "eine gewaltige Aufgabe", die eine ganze Generation fordern werde. Die durch die Verfolgung orthodoxen jüdischen Lebens in der ehemaligen Sowjetunion angerichteten Schäden "können zehn Jahre Rabbinerseminar noch lange nicht wettmachen", sagte Grünberg, der auch Kuratoriumsmitglied des Berliner Rabbinerseminars ist.
Dem MDR-Hörfunk sagte Knobloch, dass es noch längere Zeit dauern werde, bis jede Gemeinde in Deutschland einen Rabbiner hat. Der am Montag ins Amt eingeführte 29-jährige Shlomo Afanasev ist ab September nach Angaben des Rabbinerseminars der einzige orthodoxe Rabbiner in Brandenburg. Hauptsächlich sei er für die jüdische Gemeinde in Potsdam zuständig, werde aber auch in andere Gemeinden reisen. Der 22-jährige Moshe Baumel soll in Wien als Schulrabbiner einer jüdischen Schule und als jüdischer Leiter der örtlichen Israelitischen Kultusgemeinde tätig sein.
Ronald S. Lauder betonte, dass es noch vor elf Jahren kaum vorstellbar gewesen sei, in Leipzig Rabbiner in ihr Amt einzuführen. Er sei stolz und die Absolventen könnten glücklich und dankbar sein, sagte der in New York lebende Förderer der Berliner Ausbildungsstätte.
Das erste Rabbinerseminar in Berlin wurde 1869 vom namensgebenden Rabbiner Esriel Hildesheimer gegründet. Bis zu seiner Zwangsschließung nach der Pogromnacht 1938 wurden dort über 600 Studenten ausgebildet. 2005 rief der Zentralrat der Juden gemeinsam mit der Ronald S. Lauder Foundation die Einrichtung wieder ins Leben.
Die ersten beiden Absolventen des Seminars wurden im vergangenen Jahr in München zu Rabbinern ordiniert. Ziel der Berliner Einrichtung ist es nach eigenen Angaben, eine neue Generation orthodoxer Rabbiner auf die Arbeit vorzubereiten. Sie richte sich insbesondere an junge Männer mit Migrationshintergrund, da in etwa 90 Prozent der deutschen jüdischen Gemeinden die Mitglieder vor allem aus Osteuropa stammten. (4606/30.08.2010)