Die Mitschuld der Kirchen am Holocaust ist nach Ansicht des Mainzer Kardinals Karl Lehmann bislang nur unzureichend erforscht worden. Diese Frage müsse "gründlicher" als bisher geprüft werden, erklärte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz am 20. März in Berlin. "Unterdrückung und Verfolgung ergeben sich nicht zwangsläufig aus der Auslegung der Heiligen Schrift selbst", auch wenn die faktische Wirkungsgeschichte die "Disposition zum Judenhass" verstärkt habe. Kardinal Lehmann war zuvor mit dem Abraham-Geiger-Preis 2006 ausgezeichnet worden. Mit dem Preis wolle Deutschlands einziges Rabbinerseminar, das Abraham-Geiger-Kolleg in Potsdam, das langjährige Eintreten des Mainzer Kardinals für Toleranz und Freiheit des Denkens sowie für den christlich-jüdischen Dialog würdigen.
Der mit 5.000 Euro dotierte Preis wurde 1999 mit der Gründung des Kollegs gestiftet und wird alle zwei Jahre für "Offenheit, Mut, Toleranz und Gedankenfreiheit" als Grundlage für den Umgang der Juden miteinander wie in den Beziehungen mit dem nichtjüdischen Umfeld verliehen. Bisherige Preisträger sind die Autorin Susannah Heschel (2000), der jüdische Religionsphilosoph Emil Fackenheim (2002) sowie der französisch-deutsche Politologe und Publizist Alfred Grosser (2004).
Lehmann will das Preisgeld den Angaben zufolge der neugegründeten "Leo Baeck Foundation" spenden. Die Stiftung ist nach dem vor 50 Jahren gestorbenen Rabbiner benannt, der in Berlin unter anderem die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums geleitet hat. (...) (1564/20.03.2006)