Die im 13. Jahrhundert erbaute Dorfkirche im mecklenburgischen Federow bietet einen trostlosen Anblick: Spinnweben hängen an den Fenstern, der Fliederstrauß auf dem Altartisch ist längst vertrocknet, über die Bänke hat sich eine dicke Staubschicht gelegt. Und die einst weiße Altardecke ist übersät mit kleinen Putzteilchen, die durch die braune Holzbalkendecke herabgerieselt sind.
Am Pfingstmontag 2002 wurde zuletzt ein Gottesdienst in dem frühgotischen, rechteckigen Feldsteinbau gefeiert. Von den rund 150 Bewohnern des Ortes war niemand mit dabei. Die Federower hätten nicht viel Interesse am kirchlichen Leben, sagt Propst Leif Rother von der evangelischen Kirchgemeinde St. Marien in Waren/Müritz, zu der auch Federow gehört. Um wieder mehr Besucher anzulocken, soll in dem Eingangsort zum Müritz-Nationalpark nun die erste Hörspiel-Kirche Deutschlands eröffnet werden.
Ein Potsdamer Architektenbüro hat das Nutzungskonzept vorgelegt, mit dessen Hilfe der Sakralbau gerettet werden soll. Geplant ist, von Juli bis September jeweils freitags bis sonntags zwei Hörspiele aller Genres abzuspulen. Für sechs Euro (ermäßigt drei Euro) können Erwachsene dann Krimis oder Klassiker hören, für Kinder gibt es Märchen oder Abenteuergeschichten. In der Zeit zwischen den festen Programmplätzen soll die Kirche eintrittsfrei offen stehen und mit "Musik- und Klangschleifen" zum Verweilen einladen. Partner für das Projekt "Hörspiel-Kirche" sind der Rundfunk Berlin-Brandenburg, der Norddeutsche Rundfunk sowie der Hörverlag in München.
Bereits im Sommer 2004 soll der Probebetrieb beginnen, sagt Rother. Bis dahin werde die erforderliche Kirchensanierung allerdings noch nicht abgeschlossen sein. Denn neben der notwendigen technischen Ausrüstung soll das Gebäude auch eine neue Bestuhlung und eine Glasdecke im Dach bekommen.
Aus ihrem Dornröschenschlaf war die Kirche bereits Mitte der 90-er Jahre geweckt worden. Nachdem der kleine Sakralbau durch eine vom Arbeitsamt geförderte Maßnahme von Flieder- und Holunderbüschen befreit und wieder sichtbar gemacht geworden war, hatte Rother zusammen mit der Jungen Gemeinde aus Waren/Müritz die zuvor mit Brettern vernagelten Fenster repariert, die Kirche gesäubert und die Holzbänke geölt. Etwa 1995 sei dann nach mindestens zehn Jahren wieder zu einem Gottesdienst eingeladen worden, erzählt der Propst.
Doch schon damals hätten sich nur vereinzelt Leute aus Federow blicken lassen. Das habe gezeigt, dass sich die Nutzung der Kirche nicht auf die Gemeindearbeit beschränken dürfe, sondern auch die Touristen einbeziehen muss, sagt Rother. Immerhin kommen jährlich etwa 45.000 Menschen nach Federow, um Adler zu beobachten.
Die Vogelkundler, so hoffen die Initiatoren des Projektes, sollen künftig zu Lesungen, Literatur, Kultur und Musik in die Kirche kommen. Zunächst aber wird das Architektenbüro ein Bau- und Finanzierungskonzept erstellen. Rother schätzt die Sanierungskosten auf mindestens 500.000 Euro. Maximal zehn Prozent davon könne die Kirchgemeinde aufbringen, sagt er.
Künftig könne die Kirche dann nicht nur für Hörspiel-Vorführungen, sondern auch als Versammlungsraum zur Verfügung stehen, sagt Rother. Auch Freiluftveranstaltungen um das Gebäude herum sind angedacht. Langfristig, so hofft der Theologe, könnte durch die neue Nutzung auch wieder kirchliches Leben in Federow entstehen. Immerhin gehören noch 36 Bewohner des Dorfes zur Kirchgemeinde. (6227/10.12.2003)