Der Osnabrücker Sprachwissenschaftler Utz Maas hat erhebliche Mängel im Deutsch- und im Sprachförderunterricht für das schlechte schulische Abschneiden von türkischen Migrantenkindern verantwortlich gemacht. Es werde zu viel Wert auf das Mündliche gelegt, sagte Maas am Donnerstag in einem epd-Gespräch: "Die tatsächliche Hürde für die vielen türkischen Migranten ist jedoch, dass man in Deutschland sehr sicher sein muss in der Schriftkultur." Weder in der Ausbildung der Lehrer noch in der für Erzieher werde dies jedoch thematisiert. Das Berlin-Institut hatte am Montag eine Studie vorgestellt, nach der 30 Prozent der türkischstämmigen Migrantenkinder in Deutschland ohne Schulabschluss bleiben. Nur 14 Prozent machten das Abitur. Maas betonte, dass es nicht um ein Entweder-Oder gehe, sondern um eine Verschiebung der Gewichte. Mit dem Sprechen hätten die meisten türkischen Kinder aufgrund der Förderprogramme mittlerweile keine Probleme mehr. "Aber es reicht nicht aus, in der gesprochenen Sprache zu Hause zu sein", betonte Maas, der auch Honorarprofessor an der Universität Graz ist.
"Wir können nicht erwarten, dass Migrantenkinder in ihren Familien die Hilfestellung zum Erlernen der Schriftsprache bekommen, die sie brauchen", sagte der Wissenschaftler. Dafür seien in Deutschland die Schulen und Kindergärten zuständig. Doch dort fehlt laut Maas aufgrund mangelhafter Ausbildung die Kompetenz.
Die Voraussetzungen brächten die zweisprachig aufwachsenden Kinder in der Regel mit. Es reiche aber nicht aus, den Kindern etwa einfach vorzulesen, ohne Fragen zu stellen und sie zum Mitdenken anzuhalten. "Dann kann genauso gut der Fernseher laufen", sagte Maas. Ebensowenig werde den Lehrern und Erziehern vermittelt, wie sie die Potenziale der Kinder erkennen und fördern könnten. So landeten viel zu viele intelligente Kinder aus Einwandererfamilien in Sonderschulen.
Maas forderte weiter, die Forschung auf dem Gebiet der Schriftsprache zu intensivieren. Die Ergebnisse müssten in die Lehrerausbildung einfließen. Maas wird seine Thesen bei einer internationalen Konferenz über Migrationsfragen am Freitag in Osnabrück vertreten. Wissenschaftler eines von der Volkswagen-Stiftung unterstützten Forschungsprogramms tauschen sich dabei über aktuelle Ergebnisse aus. (9045/29.01.09)