Sechs Monate nach dem schweren Erdbeben in Haiti hat die Kindernothilfe gegen die Regierung des Karibikstaats schwere Vorwürfe erhoben. Für Hilfsorganisationen sei die Zusammenarbeit mit der Regierung "ein einziger Albtraum", sagte der Haiti-Koordinator der Kindernothilfe, Jürgen Schübelin, der "Märkischen Allgemeinen Zeitung" (Montagsausgabe). So warte die Kindernothilfe, die seit drei Jahrzehnten in Haiti tätig sei, seit zehn Wochen auf Genehmigungen zum Import lebenswichtiger Spezialnahrung für unterernährte Kinder.Die Regierung Haitis mache aus politischen Gründen "einen Wahnsinnsstress", sagte Schübelin. "Sie will den Nichtregierungsorganisationen die Zähne zeigen." In der Hauptstadt Port-au-Prince seien zugleich erste Erfolge der Notprogramme zu verzeichnen. "Es wird allmählich wieder aufgebaut."
Überall dort, wo keine offiziellen Institutionen beteiligt seien, funktioniere der Wiederaufbau gut, betonte der Kindernothilfe-Koordinator. "Wenn wir Menschen direkt um Hilfe und ums Anpacken bitten, dann geht das wunderbar." Notwendig sei deshalb eine Stärkung der Zivilgesellschaft. "Nur so geht es."
Viele Menschen lebten nach wie vor in den Trümmern ihrer Häuser, weil sie Angst hätten, dass "jemand ihr kleines Grundstück besetzt", erläuterte Schübelin. Auch die Zeltstädte entwickelten sich zunehmend zu Dauereinrichtungen mit kleinen Geschäften, Bäckereien, Friseursalons und Internet-Cafés. Die Situation dort sei jedoch sehr problematisch, da es unter anderem für Kinder keine geschützten Bereiche gebe.
Bei dem Erdbeben am 12. Januar waren mehr als 230.000 Menschen ums Leben gekommen. Nach Angaben von Hilfsorganisationen wurden mehr als 100.000 Häuser, über 1.300 Schulen, mehr als 50 Krankenhäuser und Gesundheitszentren zerstört. Auch ein Fünftel der staatlichen Verwaltung wurde vernichtet. Drei Millionen der insgesamt zehn Millionen Haitianer wurden durch die Katastrophe obdachlos.