Bischof Wolfgang Huber hat dazu aufgerufen, bei der Weitergabe des Evangeliums Berührungsängste gegenüber kirchendistanzierten Menschen zu überwinden. "Zu überlasteten Müttern fällt uns der Zugang ebenso schwer wie zu verbitterten Hartz-IV-Empfängern", sagte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zum Auftakt des Kongresses "Kirche im Aufbruch" am Donnerstag in Kassel. Auch von Kulturschaffenden und wirtschaftlich Erfolgreichen halte sich Kirche fern. "Wir wollen uns mit dem Evangelium all denen zuwenden, die nach Halt und Sinn für ihr Leben suchen", sagte Huber. Wichtige Reformschritte dazu seien Ausbrüche aus Milieugrenzen, aus geistlicher Furchtsamkeit und aus besinnungslosem Aktivismus."Christsein und Kirchenzugehörigkeit verstehen sich nicht mehr von selbst", benannte der Ratsvorsitzende den Bedarf für kirchliche Reformen und die Konzentration auf die Kernaufgaben. In dem kirchlichen Reformprozess "Kirche der Freiheit" gehe es nicht nur um einzelne Vorhaben zur Qualität von Gottesdiensten, zu missionarischen Initiativen in den Regionen oder zu einer verbesserten Leitungs- und Führungskultur, sagte Huber, der Ende Oktober als EKD-Ratsvorsitzender aus dem Amt scheidet. Gefordert sei zugleich ein Wandel der Mentalitäten in der Kirche, um aus sozialer und geistlicher Milieuverengung herauszufinden. Die zentrale Aufgabe bestehe darin, den Glauben an die nächste Generation weiterzugeben. Dazu müssten bewährte Wege genutzt und neue Formen entwickelt werden. Denn die Hinwendung zum Menschen sei der "Herzschlag" der Kirche, ergänzte der Bischof.
Angesichts sinkender Mitgliederzahlen und Einnahmen hatte die EKD-Spitze vor drei Jahren einen breit angelegten Reformprozess auf allen kirchlichen Ebenen angestoßen. Bei der sogenannten Zukunftswerkstatt mit rund 1.200 Teilnehmern in Kassel soll eine Zwischenbilanz gezogen werden.
Nach den Traditionsabbrüchen der zurückliegenden Jahrzehnte gehe es darum, das Evangelium in einladender Weise weiterzugeben, sagte Huber: "Wenn dies unsere Sorge ist, dann darf es uns nicht gleichgültig sein, ob Gottesdienste gut oder schlecht besucht sind, ob wir viele oder wenige Kinder eines Jahrganges taufen, ob viele oder nur wenige Menschen gut von Gott reden." Dabei gehe es nicht um "bloßes Selbsterhaltungsinteresse der Institution Kirche".
In der Kirche ist nach dem Eindruck des EKD-Ratsvorsitzenden eine Abneigung gegen die Vorstellung von wachsenden Gemeinden weit verbreitet. Dieses Wachtsumsziel dürfe allerdings nicht aus den Blick geraten - auch dann nicht, wenn wegen des Bevölkerungsrückgangs ein Zuwachs nicht zu erwarten sei, mahnte Huber. Kleine Zahlen dürften nicht zum Selbstzweck erhoben werden. Ebenso müsse deutlich sein, dass Größe allein nicht das Evangelium sei.
Kirchliches Handeln trage manchmal Züge eines "Lebens auf Pump", argumentierte Huber in seinem Eröffnungsvortrag. Als Stichworte nannte er Ressourcenverbrauch, Aktivismus, Festhalten an überkommenen Strukturen und Gewohnheiten. "Laufen wir nicht oft wie in einem Hamsterrad, mit hohem Tempo, aber ohne Geländegewinn, mit äußerster Anstrengung, aber ohne erkennbaren Erfolg?", fragte der Bischof. Gegenüber dieser Tendenz warb Huber für Gelassenheit und den Mut, bleibend Wichtiges von Dringlichem zu unterscheiden. Reform bedeute nicht, immer mehr zu tun: "Es bedeutet vielmehr, loslassen zu können, damit man anpacken kann."