epd Die Müllabfuhr hat die letzten Weihnachtsgeschenkpapierberge endlich abgeholt, der Altpapiercontainer hat wieder Luft, da stehen Präsente plötzlich wieder hoch im Kurs. Der WDR hat sich zur Eröffnung der europäischen Kulturhauptstadt RUHR.2010 etwas ganz Feines ausgedacht: Der Kohlenpott bekam am Sonntag von seinem Heimatsender einen "Tatort" geschenkt. Da wurde die dicke Ruß-Schicht mal so richtig vom Image der Metropole Ruhr runter poliert.
Die Kölner Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) ermitteln für den Streifen ausnahmsweise mal in Essen. In seiner Heimatstadt will Ballauf eigentlich nur ein Klassentreffen besuchen, gerät dann aber unter Verdacht, seinen früheren Schulfreund getötet zu haben. Und wie das Drehbuch es so will, war dieser ermordete Schulfreund Geschäftsführer der RUHR.2010 Stiftung. Daran aufgehängt greift der WDR mindestens so beherzt wie tief in die PR-Kiste. Zur Vorabpremiere des "Tatort"-Streifens im Rahmen der Eröffnungsfeier für die Kulturhauptstadt auf Zeche Zollverein in Essen ließ sich Schauspieler Behrendt im Interview mit der Lokal(patrioten)zeit Dortmund denn auch zu der Aussage hinreißen: "Wir haben richtig schöne Ecken gezeigt!"
Doch damit nicht genug. Bettina Hartmann (Catrin Striebeck), Mitarbeiterin der Stiftung RUHR.2010, sagt im Film Sachen wie: "Weißt Du, was das heißt, Kulturhauptstadt Europas zu sein? Nicht nur Essen, das gesamte Ruhrgebiet wird endlich als moderne Metropole wahrgenommen!" Das klingt, als seien flugs mal ein paar Sätze aus der RUHR-2010-Pressemappe für den "Tatort" umgeschrieben worden. Schauspielerin Striebeck legt dazu einen Gesichtsausdruck auf, als könnte sie selbst gar nicht glauben, was sie da sagt.
Sogleich wettern böse Zungen, dieser Kölner Tatort sei nichts anderes als schlecht gemachte Schleichwerbung fürs Ruhrgebiet. Der WDR wiederum kann diese Kritik gar nicht verstehen: Das könne kein Vorwurf sein, meint eine Sprecherin des Senders. Schließlich sei dieser Tatort "eigens für die RUHR.2010 gemacht" worden. Dies habe man auch so kommuniziert. Ballauf und Schenk in Essen seien ein "Geschenk" für die RUHR.2010 von ihrem Medienpartner WDR. Ein hübsches Geschenk, ein teures Geschenk: Das Budget für eine "Tatort"-Folge liegt bei einer Million gebührenfinanzierten Euro.
Aber nun gut, Geschenke erhalten ja bekanntlich die Freundschaft. Und so dürfen wir uns vielleicht demnächst über weitere Präsente freuen. Hier ein paar Vorschläge: Zum 150-jährigen Bestehen von BASF im Jahr 2015 stünde dem SWR ein Ludwigshafener "Tatort" rund um den Chemiekonzern gut zu Gesicht. Denn mit Geschenken kann auch prima mal "Danke" sagen. Schließlich betreibt BASF in Ludwigshafen nach eigenem Bekunden seinen weltweit größte Produktionsstandort und ist der größte Arbeitgeber in der Region Rhein-Neckar. Unterbringen ließe sich das Thema im "Tatort" in einem Dialog mit einer BASF-Mitarbeiterin, die sagt: "Weißt Du, was das heißt, das BASF seinen weltweit größten Produktionsstandort in Ludwigshafen betreibt? Wir sind der größte Arbeitgeber der Region!"
Auch beim HR wären nette Gesten denkbar. Wie wäre es mit einem eigenen Talk-Format für den hessischen Ministerpräsidenten? Ein Titel-Vorschlag: "Wissen Sie, was es heißt, Roland Koch zu sein?" Erster Gast der neuen Sendung: HR-Chefredakteur Alois Theisen.
Ellen Reglitz
aus epd medien Nr. 2 vom 13. Januar 2010