Andy Newman, der Autor des "About"-Artikels bei "The Local", nennt sein Projekt liebevoll "unser großes kleines Experiment". Er schreibt: "The Local wird ein ruhmreicher, wenn auch kakophoner Chor eurer Stimmen sein, die das Lied des Lebens in diesen erstaunlich abwechslungsreichen und lebhaften Vierteln singen."
Eine großspurig anmutende Prophezeiung, die man aber nicht vollständig als Spinnerei abtun sollte. Mit den "Local"-Blogs, eins für die kulturell vielfältigen Bezirke Fort Greene und Clinton Hill im New Yorker Stadtteil Brooklyn und eins für die drei Bezirke Maplewood, Millburn und South Orange auf der anderen Seite des Hudson River in New Jersey, hat die altehrwürdige "New York Times" zwei mutige Schritte gleichzeitig in die vernetzte Zukunft gemacht.
Sie hat die Entscheidung getroffen, dass eine der wichtigsten Aufgaben des Journalismus der nächsten Jahre die Arbeit im Nischenjournalismus und die Anzeigenschaltung aus relativ kleinen Gebieten sein könnte - und sie hat bestimmt, dass die Menschen, die in diesen Gebieten leben, einen Anteil an diesem Journalismus haben sollten. "Die Times will sehen, ob wir einen tragfähigen Weg finden können, das hier zu machen", schreibt Newman. "Euer Hinterhof ist die Petri-Schale, in der wir versuchen wollen, Bürgerjournalismus heranzuzüchten."
Jeff Jarvis jubelt
Das ganze kann zum Beispiel so gehen: "In einem harmonischen Zusammentreffen der Aktivitäten des Viertels", heißt es in einem Blogeintrag am 16. November, "gibt es an vier Abenden dieser Woche irgendwo ein Vereinstreffen. Also brauchen wir eine Armee von Bürgerjournalisten." Darunter stehen dann vier Kurzbeschreibungen und die Bitte, sich bei der Blogredaktion zu melden. "Wie immer werden wir euch eine kurze, grobe Einführung darin geben, wie man von einem Treffen berichtet. Prinzipiell wollen wir einen sehr präzisen Bericht und ein paar Fotos, die am nächsten Morgen bei uns sein sollten." Um viertel vor vier am gleichen Nachmittag steht neben allen vier Beschreibungen: "Assignment taken". Am nächsten Tag stehen die Stories im Blog.
In der Gegend, die das Fort Greene/Clinton Hill-Blog abdeckt, wohnen gerade einmal 50.000 Menschen. Doch das Prinzip scheint zu funktionieren. Rund 40 Prozent der Artikel werden vollständig von Bewohnern der Gegend geschrieben, erzählt Mary Ann Giordano, die beide Blogs für die "New York Times" koordiniert. Weitere 30 bis 40 Prozent gehen auf Tipps von Lesern oder Rückmeldungen in den Kommentaren zurück. Anfangs habe es einige Kritik gegeben, dass die Mainstream-Medien sich jetzt auch in solch kleine Gemeinschaften einmischen. "Das ist aber inzwischen praktisch verschwunden", sagt Giordano. "Stattdessen wenden sie sich, besonders in Brooklyn, sofort an uns, sobald sie in ihrer Umgebung ,harte' News wie eine Straftat oder einen Gebäudeeinsturz mitbekommen."
Beim großen Medienprediger des Internets, Jeff Jarvis ("What would Google do?"), ist der sogenannte "hyperlocal journalism" in Blogs eines der beliebtesten Themen. Auch nach dem Start von "The Local" ließ sich Jarvis in seiner Kolumne für den "Guardian" zu einer Triumphrede hinreißen. An der Tatsache, dass eine Zeitung versuche, das "flüchtige goldene Vlies" des hyperlokalen Journalismus zu erhaschen, sei zunächst nichts Besonderes, erstaunlich sei aber, dass die Bürger miteinbezogen würden. "Eine Mauer ist gerade gefallen", schreibt Jarvis. Und: "Eine der wichtigsten Eigenschaften im Journalismus heutzutage ist es, die Beziehung zum Volk wieder aufzubauen - Nachrichten nicht nur übertragen, sondern Menschen organisieren, unterstützen, betreuen, sogar ausbilden."
Coffee Shop um die Ecke
Die "New York Times" steht mit ihrem Anlauf nicht alleine da. Besonders im dicht besiedelten New Jersey sind die Anstrengungen groß. Das Blog-Unternehmen Patch, dem Jarvis als Berater dient, versucht sich in den gleichen Bezirken wie "The Local", und direkt nebenan - in Montclair, Glen Ridge und Bloomfield - sitzt einer der Pioniere und Anführer der hyperlokalen Bewegung: "Baristanet" existiert seit 2004, wird im Wesentlichen von zwei Journalistinnen betrieben und nach eigenen Angaben immerhin mehr als 9.000 Mal täglich angeklickt. Der Name ist eine Anspielung auf das Barpersonal ("Barista") im Coffee Shop um die Ecke, der irgendwann auch genau weiß, wie man seinen Kaffee mag. Ähnliche Projekte schießen zurzeit quer durch die USA wie Pilze aus dem Boden, und auch der britische "Guardian" suchte vor kurzem Kiezblogger für Cardiff, Leeds und Edinburgh.
Das Blog ist Nachrichtenquelle und Gemeinschaft zugleich - die virtuelle Warteschlange beim örtlichen Bäcker, nur eben koordiniert von professionellen Journalisten. Denn die scheint es schon zu brauchen, wenn das Prinzip greifen soll. Die Placeblogs (ein anderer Begriff für das noch junge Phänomen) mit dem besten Ruf sind gleichzeitig oft auch diejenigen mit dem höchsten Professionalitätsgrad.
In Deutschland sind das beispielsweise die "Ruhrbarone". Die Webseite zieht knapp über 10.000 Leser und Leserinnen pro Tag an und ist eins der wichtigsten, wenn man manchen Rankings glaubt sogar das wichtigste, Placeblog in Deutschland. Es deckt das gesamte Ruhrgebiet ab, ein etwas größeres Viertel also als die hyperlokalen Blogs in den USA.
Der oberste Ruhrbaron, Stefan Laurin, ist 44 und freier Journalist, früher hat er auch fest gearbeitet, beispielsweise für "Capital". Er steht als Verantwortlicher im Impressum, außer ihm finden sich dort noch 37 andere Namen - manche schreiben mehr, manche weniger. Zum Kernteam gehören noch David Schraven (schreibt unter anderem für die "Welt") und Christoph Schurian (ehemaliger Redaktionsleiter der "taz nrw"). "Im Grunde kann bei uns jeder die Themen machen, die er will", sagt Laurin. Das müssten nicht unbedingt nur lokale Themen sein, auch wenn der Schwerpunkt auf regionaler Politik und Kultur liegt.
"Absolut zitierfähig"
Laurin sieht die "Ruhrbarone" lapidar als "ein Medium im Ruhrgebiet", eine Ergänzung zum Angebot von "Ruhr Nachrichten", WAZ-Zeitungen, WDR und "Bild". Das Besondere dabei: "Hier haben wir mehr Freiheit zum Experimentieren." Im Blog könnten die Themen behandelt werden, die die anderen Medien ignorierten, es biete aber auch beispielsweise Platz für Satiren. Außerdem sind die "Ruhrbarone" ein Nachrichtenaggregator. Jeden Morgen stellt Laurin den "Ruhrpilot" zusammen, der die wichtigsten Ruhrgebiets-Stories aus den etablierten Medien verlinkt. Die beiden nächstgrößeren Placeblogs - "Pottblog" und "Hauptstadtblog" - machen es genauso.
Der Untertitel der "Ruhrbarone" lautet "Journalisten bloggen das Revier" und die Tatsache, dass sein Medium ein Blog ist, tut für Laurin nichts zur Sache: "Wir sind Journalisten, also arbeiten wir mit den Qualitätsansprüchen, die wir gewohnt sind", meint er. Das Blog sei dabei vorrangig eine Technik, die einfaches Publizieren und einen Dialog mit dem Leser ermögliche. Die Recherchegenauigkeit und die Trennung von Nachrichten- und Meinungsbeiträgen seien vom Umfeld Internet nicht betroffen.
Wie hochwertig die Arbeit der Barone ist, hat sich schon bei einigen politischen Themen gezeigt: So deckte David Schraven Ende Mai, kurz vor der Europawahl, die Unstimmigkeiten um die Anwesenheitszeiten der FDP-Spitzeneuropäerin und Wuppertalerin Silvana Koch-Mehrin auf. Beim "Duisburger Flaggenskandal", als die Polizei Anfang des Jahres während einer anti-israelischen Demo zwei Wohnungen aufbrach, um Israel-Flaggen abzureißen, die ein Student aus seinem Fenster gehängt hatte, hatten die "Ruhrbarone" das erste Exklusiv-Interview mit dem Flaggenbesitzer, das andere Medien dann übernahmen. "Wir sind absolut zitierfähig", sagt Laurin.
Geld verdienen die Journalisten jedoch selbst mit ihren erfolgreichsten Blogstories nicht. Zumindest nicht genug, "um mal zusammen Essen zu gehen", meint Chefbaron Laurin. Und auch sonst hat die Freiwilligkeit der Aktion ihre Nachteile. "Wenn mehrere Leute auf einmal krank werden, bricht die Berichterstattung ein." Außerdem habe man nicht genug Zeit und Personal, um sich in all die langweiligen Ausschusssitzungen zu setzen und aufzupassen, ob nicht vielleicht doch mal ein brisantes Thema dabei ist. Dafür ist das Einzugsgebiet des Blogs einfach zu groß.
Speerspitze des Hyperlokalen
Kleiner ist Hardy Prothmann das Projekt örtliches Blog angegangen. Und er will nicht nur alle Ausschusssitzungen abdecken, sondern irgendwann auch Geld mit seinem "Heddesheimblog" verdienen, das - zumindest was die Medienpräsenz angeht - derzeit die Speerspitze des Hyperlokalen in Deutschland bildet.
Prothmann, der früher hauptsächlich Wirtschaftsjournalismus (auch für Dickschiffe wie den "Spiegel") gemacht hat, erzählt seine Geschichte immer wieder gerne. Nicht nur, weil er damit erfolgreich Werbung für sein Projekt macht, sondern auch, weil er, wie er selbst sagt, "verliebt" ist in seine Idee. Weil ihm sein seit sechs Monaten existierendes "Heddesheimblog" mehr bedeutet als viele andere Erfolge zuvor.
So erzählt Prothmann, wie er vor fünf Jahren in das 11.500-Seelen-Nest in der Nähe von Mannheim gezogen ist und den Ort eigentlich gar nicht kannte. Wie er durch den Flyer einer Bürgerinitiative darauf aufmerksam gemacht wurde, dass das Logistikunternehmen Pfenning 200.000 Quadratmeter in Heddesheim besiedeln soll und dem "von Autobahnen umzingelten" (Prothmann) Ort dadurch eine erhebliche Verkehrsbelastung droht. Wie er feststellte, dass die örtliche Monopolzeitung "Mannheimer Morgen" dem Bürgermeister und seinen Formulierungen von einem "bedeutenden Unternehmen" nach dem Mund geredet habe. Wie er die Archive durchwühlte und Pfenning-kritische Artikel auf einem Blog-Account veröffentlichte. Und wie er sich dann Ende Mai entschloss, aus dem Prinzip eine Geschäftsidee zu machen und sich hauptamtlich dem "Heddesheimblog" zu widmen.
"Ich unterscheide mich nicht von etablierten Medien", sagt Prothmann, "ich mache ihre Arbeit nur besser." Sein Blog, mit dem er rund 2.000 Besucher täglich sammelt, soll Qualitäts-Lokaljournalismus bieten: die Öffentlichkeit informieren und investigativ den Finger in die Wunden der Region legen. Die Pfenning-Affäre hat dazu nur den Startschuss gegeben: Prothmann berichtet inzwischen von Vereinsfeiern genauso wie von größeren politischen Recherchen und kleinen Nachbarschaftsskandalen, wie dem notärztlichen Abtransport zweier Mädchen nach übermäßigem Alkoholgenuss.
"Kübel voller Dreck und Unrat"
Das "Heddesheimblog" hat nicht nur Freunde. Prothmanns Intimfeind ist der Bürgermeister der Gemeinde, der es laut Prothmann "nicht gewohnt ist, kritisiert zu werden", und verfügt haben soll, dass aus dem Rathaus niemand mit dem Blogger spricht. Im Gemeinderat, in dem Prothmann mit freiem Mandat sitzt (was er nicht als Interessenkonflikt begreift), wird der Journalist ebenfalls heftig kritisiert, weil er "einen Kübel voll Dreck und Unrat" über der Gemeinde ausschüttet. Die Kritik lässt Prothmann abprallen - er meint, dass der Erfolg ihm recht gibt: Er habe sich innerhalb von nur sechs Monaten als Konkurrenzmedium etabliert.
Noch ist Prothmann weitestgehend eine One-Man-Show, unterstützt von seiner Frau, die sich unter anderem um Werbung und Verwaltung kümmert, und vereinzelten freiwilligen Hilfsautoren, darunter ein Rentner, den Prothmann gerade anlernt. Die Kritik, dass er damit zur Nachrichten- und Meinungsmaschine in einer Person werden könnte, lässt er nicht gelten. Bei wichtigen Artikeln nutze er ein Netzwerk von befreundeten Journalisten, die seine Artikel gegenlesen, sagt Prothmann. Von Bürgerjournalismus, wie ihn die "New York Times" einsetzt, hält er allerdings wegen mangelnder professioneller Standards nichts. Nur Fotos aus der Gemeinde nimmt er an. Eine Rückkopplung hat er zudem über die Kommentarfunktion, auch wenn er sie "rigide moderieren" müsse, wie er sagt.
Noch kann der Lokalkämpfer von seinem Blog nicht leben, auch wenn schon einige Anzeigenkunden an Bord sind. Derzeit lebt er noch von Ersparnissen. Trotzdem will er expandieren. Ende des Monats geht das "Hirschbergblog" der Nachbargemeinde an den Start, nach und nach sollen die umliegenden Gemeinden dazukommen und dann auch ein Dachportal bekommen, dass die Blogs bündelt. "Bis dahin kann ich hoffentlich eine Redaktion bezahlen", sagt Prothmann.
Sind lokale Blogs die Zukunft des Journalismus? "Eine Zukunft", meint Hardy Prothmann, mindestens aber die "Wiedergeburt des lokalen Journalismus". Er glaubt, dass mit den neuen Publikationsformen noch mehr "Schätze gehoben" werden können. "Die Verlierer sind dabei die Printmedien", sagt Prothmann.
Auch der Theoretiker Jarvis ist vom hyperlokalen Modell überzeugt. "Die Zukunft der Medien - und vieler anderer Branchen - liegt im Unternehmertum", meint er. Aus diesen vielen kleinen Unternehmen, die ein einzigartiges Nischenprodukt anbieten, kann sich dann mit Hilfe von Plattformanbietern - beispielsweise Blogsoftware - ein Netzwerk bilden. Denn Netzwerke bedeuten mehr Breitenwirkung, so dass aus Netzwerken schließlich ein Ökosystem entstehen kann, in dem alle Organismen voneinander profitieren, ohne sich voneinander abzugrenzen. Die bisherige Medienindustrie beschreibt Jarvis im Gegensatz dazu als eine Reihe von abgeschotteten Kreisläufen, die aus der Ferne aufeinander verweisen.
Lokale Anzeigenkunden
Mary Ann Giordano von "The Local" glaubt bei ihrem Projekt an das, was sie eine "Wikipedia-Herangehensweise" an Nachrichten nennt: "Wir laden die Leute ein, an jedem Aspekt des Prozesses teilzuhaben, während wir als ausgebildete professionelle Journalisten die Berichterstattung überwachen, führen und verbessern." So entstehe im Endeffekt ein besserer Artikel, meint sie: "Ein veröffentlichtes Posting mit Kommentaren, Korrekturen, Aktualisierungen und Einbindung der Gemeinschaft kann zu präziserem Journalismus führen."
Trotzdem hapert es auch in New York noch am Geld. "Wir haben bisher quasi noch keine lokalen Anzeigenkunden gewonnen", sagt Giordano. Das liege aber auch daran, dass die "New York Times" sich bisher mit der Akquise zurückgehalten habe und der hyperlokalen Unternehmung noch etwas abwartend gegenüberstehe. Anfragen hätte es aber gegeben, also gebe es vielleicht im nächsten Jahr eine Verstärkung der Bemühungen. "Viele Leute, die klüger sind als ich, glauben, dass ein Topf aus Gold am Ende des hyperlokalen Regenbogens wartet."
Ruhrbaron Stefan Laurin ist nicht ganz so optimistisch: "Kein Mensch weiß, wie es weitergeht", sagt er. Den Medien, inklusive Blogs, stehe jedenfalls noch eine "ganz bittere Zeit" bevor. Positiv sieht er allerdings, dass die Grundskepsis gegenüber dem Medium Internet gesunken ist, dass es "Teil der Alltagskultur" geworden ist, wie er sagt. Das sieht Prothmann ähnlich: Beschwerden darüber, dass er im Netz publiziere, habe er keine bekommen, sagt er. Stattdessen berichteten ihm ältere Heddesheimer, dass sie sich alle paar Tage die wichtigsten Artikel von jüngeren Verwandten ausdrucken ließen, um sie anschließend aufmerksam zu studieren.
Alexander Gajic
aus epd medien Nr. 92 vom 21. November 2009