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Blick in die Kluft. Eine Onlinejournalismus-Tagung des DJV


epd.    Das Internet ist ein Imperator. Es teilt und herrscht. Der "Digital Divide", die digitale Kluft, wie Fachleute den Problemkomplex nennen, schlägt sich in vielen Bereichen nieder: Ärmere Länder haben einen schlechteren Zugang zum Internet als reiche. Ältere Menschen tun sich schwerer damit, online zu brillieren als junge. Fraglich ist, ob die Wissenschaft mit der These recht hat, dass irgendwann abgehängt wird, wer sich der Herrschaft des Internets nicht unterwirft.

Immer wieder interessant zu beobachten ist, dass die Kluft zwischen den Liebhabern der digitalen Schönen Neuen Welt und ihren überzeugten Skeptikern auch unter Journalisten so deutlich ausgeprägt ist. Ein besonders gutes Feld für soziale Beobachtungen auf dem Gebiet sind Journalistentagungen wie die DJV-Veranstaltung "Besser Online" am vergangenen Wochenende.

Dort kreist die Branche noch inzestuöser um sich selbst als auf den großen Medienkongressen - denn es fehlen die PR-Leute von Sendern und Verlagen, die das Feld sonst ein wenig auflockern. Am Ende des Tages hat man den Eindruck, dass es eigentlich außer Journalismus nichts Wichtiges in der Welt gibt. Nur wie dieser in der Zukunft aussehen soll, darüber herrscht auch unter den Journalisten Uneinigkeit.

Das Publikum der Tagung lässt sich in der Regel in zwei Lager spalten. Der Unterschied zwischen Digital Natives und Digital Immigrants (oder "Ignorants", wie der Direktor der LPR Hessen, Wolfgang Thaenert, kürzlich formulierte) ist eindeutig.

Da sind auf der einen Seite die Evangelisten des neuen Zeitalters. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie, selbst während sie auf dem Podium sitzen, per Blackberry Twitternachrichten in den Äther senden, die dann kurz darauf hinter ihnen auf der Twitterwall erscheinen und auf eine beinahe unheimliche Art und Weise einen Metakommentar zum Geschehen abgeben. Sie bringen manchmal auch Sponti-Sprüche wie: "Qualitätsjournalismus ist ein Kampfbegriff der ewig Gestrigen aus dem Printbereich."

Die anderen wissen immer noch nicht, ob das Internet etwas Gutes ist. Manchmal hat man sogar den Eindruck, sie sind auf einer Onlinejournalismus-Tagung, um zu schauen, was Onlinejournalismus eigentlich ist, ob man das Internet überhaupt braucht und ob es nicht auch ohne geht. Sie fragen zum Beispiel beim Blogger und Sportjournalisten Jens Weinreich, der am Anfang seines Vortrags erzählt hat, dass er sein Blog liebt, weil es ehrlich und unabhängig ist, und dass er damit kein Geld verdient, mehrere Male nach, ob er mit seinem Blog wirklich kein Geld verdient.

Treffen beide Fraktionen aufeinander, reden sie munter aneinander vorbei. Bezeichnendes Beispiel bei "Besser Online" war natürlich das Panel zu Twitter, jenem neuen Internet-Ding, zu dem sich viele noch immer kein eindeutiges Urteil gebildet haben. Ein bisschen verzweifelt mussten sich die Panel-Teilnehmer - allesamt Twitterer - gegen Fragen aus dem Publikum verteidigen, die sich etwa so zusammenfassen lassen: "Sind twitternde Journalisten oberflächlich und machen nichts anderes mehr? Steht bei Twitter nicht nur Quatsch?" Als zweites kam dann die Frage nach dem "Was könnte es mir beruflich nutzen?"

Die Reaktion von "DerWesten"-Frau Katrin Scheib, "taz"-Autorin Julia Seeliger und Medienberater Peter Schink waren erwartbar (Nein. Nein. Viel.), doch die beste Antwort schmetterte alle Fragen ab und enthielt gleichzeitig die ganze Wahrheit über die digitale Kluft. Sie stammte von Frank Schmiechen, stellvertretendem Chefredakteur von "Welt Kompakt". Er sagte irgendwann, Twitter sei nicht nur ein hartes Recherchetool, darum gehe es nicht, es sei "sehr viel esoterischer".

Darin nämlich liegt der Unterschied, auch bei Journalisten - der übrigens mit Alter nichts zu tun hat: Für die einen ist das Internet eine beinahe transzendente neue Art des Lebens. Für die anderen ist es ein Werkzeug, das man nutzen kann oder nicht. In dieser Unterscheidung steckt keinerlei Wertung. Zum jetzigen Zeitpunkt ist es unmöglich, abzusehen, welche von beiden Fraktionen sich einer Scheinwelt hingibt. @alexgajic

aus epd medien Nr. 93 vom 25. November 2009






 
 

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