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Aus dem Giftschrank. Sonneborn und Mohn dürfen doch ins TV


epd Gleich zweimal kamen die Fernsehzuschauer in der vergangenen Woche in den Genuss von Sendungen, die sie eigentlich gar nicht sehen sollten, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. So strahlte der WDR am Dienstag auf Druck des Publikums hin die ungeliebte "Zimmer frei"-Sendung mit dem ehemaligen "Titanic"-Chefredakteur Martin Sonneborn aus. Offizieller Grund für das vorherige Verstecken der Talkshow-Folge war, dass sie "einfach nicht lustig" war, wie WDR-Sprecherin Kristina Bausch erklärte.

Dieser Eindruck des WDR kann es nicht nur an Sonneborn gelegen haben. Er sagte Dinge wie ",Titanic' ist ein Magazin ohne Anzeigen. Wir sind da in einer Vorreiterrolle - die anderen ziehen jetzt nach", die man durchaus als komisch empfinden mag. Freilich ist das ein sehr trockener Humor, mit dem nicht jeder umgehen kann. Vor allem Christine Westermann, die sich im Laufe der Sendung selbst demontierte und damit vielleicht der Hauptgrund für die ursprüngliche Vergiftschrankung gewesen sein könnte, konnte es nicht.

Westermann kokettiert bei "Zimmer frei" gerne damit, dass sie unsicher ist und von ihren Gästen gemocht werden will, ganz im Gegensatz zu Götz Alsmann, der mit seinem Temperament ohne Rücksicht auf Verluste alles niedermäht. Dass Westermanns Masche mit Sonneborn nicht funktionierte, war nach wenigen Minuten klar. Der richtige Weg wäre gewesen, darüber nonchalant hinwegzugehen und durch professionelles Verhalten Sonneborn als den zu zeigen, der er ist: Ein intelligenter Mensch, der seine bissige Satire allerdings zur Lebenseinstellung gemacht hat.

Stattdessen beharrte die Moderatorin auf ihrer gefühligen Art und nötigte den Gast ein ums andere Mal, jetzt doch mal "als Martin Sonneborn" aufzutreten und nicht als Politiker von "Die Partei", woraufhin der die offensichtliche Wahrheit aussprach: "Das kann man schwer trennen, so groß ist meine Wohnung nicht." Die Tatsache, dass Sonneborn sich nicht in die Karten seiner Persönlichkeit gucken lassen wollte, frustrierte Westermann so sehr, dass sie schließlich sagte: "Wenn ich Sie jetzt im Fernsehen sehen würde, würde ich Sie ausschalten" - was angesichts der Tatsache, dass der WDR Sonneborn ursprünglich nicht im Fernsehen zeigen wollte, einer gewissen Ironie nicht entbehrt.

Überhaupt: die Ironie. Von Anfang an ritt Westermann darauf herum, dass sie bei Sonneborn ja nie wisse, wann er ironisch sei und wann nicht. Auch als die Moderatorin entschieden hatte, ab sofort persönlich beleidigt zu sein, musste sie die Anmerkung noch einmal anbringen, nachdem der Titaniker gesagt hatte, er würde gerne als Chefredakteur die "Zeit" mit langen Texten und wenig Bildern "in die Scheiße reiten". Alsmann rettete die Situation, indem er sie mit einem "Ist doch egal, wär aber zu schön, um nicht wahr sein zu können" ins Absurde zog, was auch Sonneborn zu einem anerkennenden (echten) Lächeln bewog.

Überhaupt nicht ironisch war hingegen der Film "Reinhard Mohn - Es müssen mehr Köpfe ans Denken kommen", den RTL am Sonntagabend anlässlich von Mohns Tod ins Programm genommen hatte. Die mangelnde Ironie kann man ihm freilich nicht ankreiden, denn das einstündige Werk war ursprünglich ein Geschenk des Bertelsmann-Vorstands zu Mohns 85. Geburtstag im Jahr 2006 - und damit wohl das, was am Ende jeder "Zimmer frei"-Episode unter dem Namen "Ultimative Lobhudelei" firmiert.

Insofern ist inhaltlich über den Film wenig zu sagen, der Mohns Rolle als anpackender und durchaus mit einer gewissen Bauernschläue gesegneter Philantropen-Patriarch zementiert und einen Bogen vom Wiederaufbau des väterlichen Verlags 1946 bis zur Etablierung der Bertelsmann-Stiftung schlägt. Der Film beweist allerdings anschaulich, dass die Produktionsfirma teamWorx aus wirklich jedem Stoff ein Eventmovie mit der üblichen Nachkriegsszenen-Farbensaturierung machen kann. Dass der vor staatsmännischer Virilität nur so sprühende Sebastian Koch dabei in den Spielszenen den jungen Mohn gibt, dürfte dem Übervater des Medienkonzerns geschmeichelt haben.

Sonneborn ist inzwischen auch Patriarch - beziehungsweise "Herausgeber" - der "Titanic", was nach seinen Worten bedeutet, dass er den Chefredakteur anruft und ihm Anregungen gibt, die dieser dann nicht umsetzt. Die teamWorx-Version seines Lebens steht bisher noch aus. Der WDR sollte den Film dann allerdings unbedingt zeigen.

Alexander Gajic

aus epd medien Nr. 84 vom 24. Oktober 2009






 
 

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