Das Spiel mit falschen Identitäten scheint dieser Autorin zu gefallen. In dem Film "Die Freundin der Tochter", zu dem eine gewisse Marie Funder das Drehbuch schrieb, erschleicht sich die betrogene Ehefrau unter einem falschen Namen das Vertrauen der Geliebten ihres Mannes. Die Ältere gibt der jungen Frau Tipps, wie sie sich kleiden soll und mit welchen Gerichten sie den älteren Liebhaber verwöhnen kann. Am Ende kehrt der von der jungen Geliebten gestresste Professor reumütig in den Schoß der Familie zurück. Ein Happy End also? Nur wenn es der Familie gelingt, den durch den Vertrauensbruch entstandenen Graben zu überwinden.
Inzwischen wissen wir, dass Marie Funder in Wirklichkeit Doris J. Heinze heißt. Dass sie nicht, wie im Presseheft über Marie Funder zu lesen war, mit ihrem Ehemann David und dem Sohn Sean an der Ostküste Irlands lebt, sondern in Hamburg und dort bis vor kurzem die Redaktion Fernsehfilm, Kino und Theater leitete. Dass sie nicht 1981 geboren wurde, sondern 1949. Den Film "Die Freundin der Tochter" wird die ARD wie geplant am 23. September zeigen, allerdings wird sie den echten Namen der Autorin im Abspann nennen. Warum auch nicht? Immerhin hat die ARD viel Geld dafür ausgegeben. Auf ARTE war der Film schon zu sehen, und Zyniker sagen, es war das beste Drehbuch der Autorin.
Materieller Schaden
Dass Doris Heinze unter Pseudonym Drehbücher schrieb und dem NDR verkaufte, ist für den Sender mehr als ein Vertrauensbruch. Da die Autorin als Leiterin der NDR-Abteilung Fernsehfilm, Kino und Theater für das Buch nur das halbe Honorar erhalten hätte, spricht man beim NDR nun auch von einem materiellen Schaden, der dem Sender durch die falsche Identität entstanden sei. Die Staatsanwaltschaft hat Vorermittlungen eingeleitet. Der ideelle Schaden für das System ARD ist kaum zu beziffern.
Es dauerte einige Tage, bis Doris Heinze zugab, dass sie selbst hinter dem Pseudonym Marie Funder steckt. Zuvor war durch Recherchen der "Süddeutschen Zeitung" bekannt geworden, dass Doris Heinze in den Jahren 2001 bis 2009 insgesamt fünf Drehbücher ihres Mannes redaktionell betreut hat, die dieser unter dem Pseudonym Niklas Becker geschrieben hatte (epd 68, 69/09). Auch für "Niklas Becker" hatte sich Heinze eine hübsche Kurzvita ausgedacht: "Seit 1986 lebt er in Amsterdam und Montreal, wo er unter anderem als Script-Doctor tätig war." Irgendwie musste ja erklärt werden, warum dieser Mann praktisch nicht greifbar war. Vielleicht muss man Spaß haben an Verkleidung und wechselnden Identitäten, um ein solches Spiel wie das, das Doris J. Heinze jahrelang beim NDR spielte, so lange durchzuhalten. Und man muss sich wohl sehr sicher sein, dass es nicht auffliegt.
Dass die Exfernsehfilmchefin des NDR unter ihrem richtigen Namen Doris J. Heinze auch Drehbücher schrieb, war bekannt. Nur, in der Regel wurden die, wie es sich gehört, von Redakteuren in anderen Sendern produziert (etwa "Die Sterneköchin" vom HR, "Der Mann von gestern" von BR und Radio Bremen) und nicht von der Autorin selbst in ihrem Heimatsender.
Menschlich problematisch
Es waren, nun ja, eher gefällige Mittelmaßfilme: Über "Der Mann von gestern" schrieb Sybille Simon-Zülch in epd medien (85/07): "Ist es tatsächlich Hannu Salonen, der diesen verquasten Drehbuch-Murks so peinigend gestelzt in Szene setzt?" Und zu "Die Sterneköchin" merkte Renate Stinn weitsichtig an: "Hätte ein so schlechtes Buch wie dieses ohne den Insider-Bonus den Weg auf den Schirm gefunden? (...) Und nach wie vor möge die Frage erlaubt sein, ob es wirklich integer ist, sein Amt in Doppelfunktion auszuüben, also mal Anbieter, mal Entscheider zu sein. Nennt man so etwas nicht Interessenkonflikt?" (epd 34-35/07). Der NDR hatte der Autorin den Interessenkonflikt genehmigt. Einmal im Jahr durfte sie ein Drehbuch schreiben, das sie freilich als festangestellte ARD-Mitarbeiterin zum halben Preis verkaufen musste.
Doris Heinze, seit 1991 Leiterin der Abteilung Fernsehfilm im NDR, war eine Größe in der Branche. Insider sagen, sie war eine von fünf Menschen, die in Deutschland entscheiden, welche Fernseh- und Kinofilme produziert werden und welche nicht - gemeint sind die Leiter der Abteilung Fernsehfilm bei BR, NDR, SWR, WDR und ZDF, die auch darüber entscheiden, welche Kinofilme die Sender koproduzieren. Heinze saß im Vergabeausschuss der nordmedia und entschied dort mit, welche Stoffe gefördert werden. Sie hatte gute Kontakte zu Schauspielern und Regisseuren, gewann Maria Furtwängler für die Rolle der "Tatort"-Kommissarin und entwarf auch die Figur des verdeckten Ermittlers Cenk Batu, den Mehmet Kurtulus im neuen Hamburg-"Tatort" verkörpert. Regisseur Fred Breinersdorfer, der laut SZ an der Aufklärung der Drehbuchaffäre mitwirkte, sagt über sie: "Sie war handwerklich sehr gut, aber sie war menschlich problematisch."
Der "Heinze-Touch", den die "Zeit" vor zehn Jahren einmal beschrieb, war aber nicht nur ein Ausweis für Qualität, Heinze war auch Mitautorin eines Papiers, das in der Branche als "Süßstoff"-Papier bekannt wurde und das nicht unwesentlich zur sogenannten Degetoisierung des Ersten beitrug.
Verquaster Tiefsinn
Das Acht-Punkte-Papier "zur Optimierung bei Fernsehfilm und Hauptabendserie" forderte damals die "konsequente Kontrolle und Durchsetzung der Vorgaben, Kriterien und Sendeplatzbeschreibungen durch die zuständigen Redaktionen in allen Stufen der Planungs- und Produktionsprozesse" (epd 43-44/2000). Für die "Erzählweise" wurde "durchgängige Verständlichkeit" gefordert, sie soll "einfach, klar, auf keinen Fall verwirrend" sein. Das Milieu soll "attraktiv, interessant, zumindest nicht abstoßend sein". Auch für die Figuren gab es Vorgaben: "Zumindest eine Figur muss Träger von Sympathie und/oder Mitleid der Zuschauer sein." Verblüffend war an dem Papier auch, dass es Selbstverständlichkeiten als Negativkriterien benannte, die zu vermeiden seien: "Vermeintlicher und verquaster Tiefsinn" etwa oder "unverständliche, unattraktive Anfänge". Das Zuschauer-Bild, das sich hinter Vorgaben wie denen des Acht-Punkte-Papiers verbirgt, zeugt von einer großen Publikumsverachtung.
Für den Verband Deutscher Drehbuchautoren (VDD) hat das Acht-Punkte-Papier entscheidend zur Formatierung und Industrialisierung der Fernsehproduktion in der ARD beigetragen. Eine Folge dieser Industrialisierung sei, dass Drehbücher immer seltener als kreative Leistung behandelt, sondern zunehmend zum "Rohstoff" würden, sagt der Autor und Regissseur Peter Henning, Mitglied im Vorstand des VDD. Ein Drehbuch sei Material, das nach Belieben umgeschrieben und weiterverarbeitet, eben "optimiert" werden kann. Häufig unterbänden die Produktionsfirmen oder Redaktionen sogar die Versuche von Regisseuren, mit den Autoren Kontakt aufzunehmen.
Drehbuchautor Markus Stromiedel klagte kürzlich in der "Osnabrücker Zeitung? darüber, dass ARD und ZDF der Arbeit ihrer Schreiber kaum Wertschätzung entgegen brächten. Es komme vor, dass die Autoren nicht einmal eine DVD ihres Films erhielten. Auch an der Abnahme eines Films seien sie in der Regel nicht beteiligt: "Man fürchtet sich vor ihrem Protest, anstatt dass man gespannt ist auf ihren künstlerischen Input."
Wenn Drehbuchautoren derart entmachtet werden, ist es kein Wunder, wenn keiner sie vermisst. Die Überarbeitung der Bücher übernehmen häufig andere, manchmal die Produzenten, manchmal die Regisseure und gelegentlich wohl auch Redakteure. Dann fällt es eben kaum noch auf, wenn ein Autor nie zu erreichen ist. Und keiner merkt, dass er gar nicht exisitiert. "Je formatierter das Programm ist, je weniger eigene künstlerische Leistung in einem Film steckt, umso leichter sind Manipulationen", sagt Henning.
Das "Optimierungspapier" war der Schlussstein einer Entwicklung, die in der ARD in den Neunzigern begonnen hatte: Weg vom "Redakteursfernsehen", wie es abwertend genannt wurde, in dem, so das Schreckbild, einige wenige Redakteure Fernsehen nach ihrem Geschmack gemacht hatten, hin zu einem quotenorientierten, auf das Primetime-Publikum zielenden Programm. Spricht man mit Insidern über diese Entwicklung, fällt stets der Name Günter Struve: Er soll als ARD-Programmdirektor die treibende Kraft gewesen sein, die das ARD-Programm auf den Massengeschmack ausrichtete. Es ist möglicherweise kein Zufall, dass das System Heinze ausgerechnet jetzt implodiert, ein knappes Jahr nach dem Abgang von Struve und eineinhalb Jahre nach dem Weggang von NDR-Intendant Jobst Plog.
Redaktionsleiterfernsehen
Das Erbe der Ära Struve ist das Redaktionsleiterfernsehen: Ein Fernsehen, das sich nicht am Geschmack einzelner Redakteure orientiert, sondern am vermeintlichen Massengeschmack. Im NDR, heißt es, wurde kein Stoff ohne das Placet von Doris Heinze angenommen. Kein Wunder, dass sich die Redaktionsleiterin sehr mächtig gefühlt haben muss. Doch das Problem an solchen Strukturen ist nicht etwa die fehlende Kontrolle von oben, wie viele jetzt sagen. Das Problem ist, dass offenbar niemand mehr der mächtigen Redaktionsleiterin zu widersprechen wagte. In den Gesprächen mit Autoren taucht immer wieder das Wort Angst auf. Man hatte Angst, sich die Gunst der mächtigen Fernsehspielchefin zu verscherzen. Auch deswegen, so heißt es, habe der NDR so viele Jahre keinen Hinweis auf das bekommen, was angeblich in der Branche ein offenes Geheimnis war.
Die Lösung kann also nicht heißen, noch mehr Kontrollinstanzen einzuführen. Die haben auch im Fall Doris Heinze versagt. Es gab Produktionsleiter und koproduzierende Redakteure, die auch keinen Verdacht schöpften. "Gegen unlauteres Verhalten gibt es keinen absoluten Schutz", sagt NDR-Intendant Lutz Marmor. Die koproduzierende ARTE-Redaktion sei im Fall "Die Freundin der Tochter" ebenso getäuscht worden wie Vorgesetzte und Kollegen im NDR, teilt der Sender mit. Zu viele Kontrollinstanzen sind der kreativen Arbeit, die das Filmemachen doch letztlich sein sollte, eher abträglich. Es kann nicht darum gehen, noch mehr Angst zu produzieren. Es ist mehr Mut gefordert, Mut auch zu mehr Kreativität.
Die Lösung müsste heißen, wieder mehr selbstbewusste und auch selbstkritische Redakteure zu beschäftigen, die über Projekte diskutieren und die eigenen Produktionen auch hinterfragen. Nicht mehr, sondern weniger Hierarchie. Mehr Transparenz, mehr Selbstkritik und weniger einsame Entscheidungen. Natürlich hilft auch eine Instanz wie ein externer Vertrauensanwalt, den es seit 2005 beim ZDF gibt, bei dem Mitarbeiter, die Mauscheleien beobachten, sich aussprechen können, ohne gleich Sanktionen befürchten zu müssen. Auch der NDR will jetzt offiziell einen Antikorruptionsbeauftragten etablieren und zusätzlich einen externen Vertrauensanwalt benennen.
Offenbar hat sich Doris Heinze in dem System der Täuschungen, das sie über die Jahre auch mit Hilfe einer Produktionsfirma aufgebaut hat, zu sicher gefühlt. Vielleicht machte es der Frau mit dem Faible für falsche Identitäten auch Spaß, alle an der Nase herumzuführen. Eines der Projekte, die die Redaktionsleiterin im vergangenen Jahr für den NDR betreute, war ein Film über Clemens Wilmenrod, den ersten deutschen Fernsehkoch. Über die Biografie dieses Mannes, der tragisch endete, heißt es in einer Pressemitteilung des NDR: "Doch er überschätzte sich selbst und verfing sich in einem Netz aus Erfolg, Größenwahn und Geldrausch. Am Ende glaubte er wohl selbst die Lügengeschichten, die er seinem Publikum auftischte."
aus epd medien Nr. 70 vom 5. September 2009