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  Tagebuch
Der Familienflüsterer. Wie der Chefreporter von "Bild" tickt


epd. Seit einiger Zeit sitzt Hauke Brost wie ein Gespenst in meinem Leben. Eigentlich habe ich mit diesem vergrämt und etwas verschrumpelt aussehenden Menschen nichts zu tun, aber in letzter Zeit verfolgt er mich. Der Grund dafür ist der Online-Verteiler jenes Verlages, der Brosts Bücher verlegt. Jedesmal also, wenn ich mir Gedanken darüber mache, dass ich mehr Zeit für meine Söhne haben sollte, aber nicht habe, weil ich für sie Geld verdienen muss, bombardiert mich der Verlag mit Brosts Erkenntnissen und macht mir klar, dass man aus so was offenbar gehöriges Kapital schlagen kann.

Alle paar Tage wird mir per Mail ein neues Buch von Brost um die Ohren gehauen. Seine Werke heißen "Wie Teenies ticken", "Wie Männer ticken", "Wie Frauen ticken", dann folgerichtig "Wie Männer und Frauen ticken", und - weil man vom Geschlechterkampf allein nicht lebt, sondern auch von Arbeit - "Wie die lieben Kollegen ticken".

Brost scheint von lauter lebenden Weckern umgeben zu sein - oder Zeitbomben. Und dann gehören zur Familie ja auch noch Hunde, die aber nicht ticken, sondern die man lieben muss wie weiland man weiß schon wer, deshalb heißen die publizistischen Folgeausstöße "111 Gründe, Hunde zu lieben", und (mit Katzen kann man schließlich auch Geld verdienen) "111 Gründe, Katzen zu lieben".

Warum 111? Und warum soll man Katzen und Hunde lieben, während Männer, Frauen und Kollegen nur ticken dürfen? Und wer ist eigentlich Hauke Brost, der weiß, wie alle ticken bzw. warum ich exakt 111 Gründe brauche, um meinen Kater zu mögen? Warum sollte ich solche Bücher kaufen? Braucht Brost so viel Geld?

Hauke Brost ist "Bild"-Chefreporter. Man sollte meinen, das reicht zum Leben, aber man versteht jetzt auch, warum der Mann so zerknittert aussieht. Jetzt hat Brost schon wieder was ausgestoßen, irgendwo müssen die persönlichen Nöte ja ein Ventil finden. Sein neuestes Werk heißt: "Wie Familien ticken".

"Familie ist Liebe und Hass, Einheit und Trennung, Türen schlagen und Küsschen geben, Zärtlichkeit und Gefühlskälte, Geruch nach gutem Gulasch und ungelüftetem Klo. Familie ist am Anfang immer eine gute Idee. Familie ist eine anspruchsvolle Aufgabe", so der Autor in seinem Vorwort. Ja, das sind anspruchsvolle Erkenntnisse. Und weil das bislang niemandem so klar war, die Sache mit guten Ideen, Gulasch, Türenschmeißen und ungelüftetem Klo, lobt der Verlag seinen Autor: "Bestsellerautor Hauke Brost nennt in seinem neuen Buch 111 Fakten, die aus allen Eltern, Kindern und Großeltern perfekte Familien-Versteher machen."

Familienversteher sind wohl sowas wie Pferdeflüsterer. "Der Familienflüsterer" steht sogar auf dem Pressefoto. Und seit Brost ist der Verlag ebenso firm in Sachen Familie: "Familie ist in. Ein schönes Familienleben zu haben, finden Kinder Umfragen zufolge wichtiger als Geld und Klamotten. Heiraten liegt im Trend. Und immer mehr Väter nehmen ihre Elternzeit."

Jedenfalls, wenn überhaupt Kinder da sind. Und lag Heiraten nicht immer schon im Trend, weil die Bundesregierung jedes Jahr Millionen Ehepaaren den Bund fürs Leben versüßt ("Ehegattensplitting"), statt die Milliarden in die ersehnte Nachwuchserzeugung ("Demografie!") zu investieren? "Dennoch ändert sich das Familienbild grundlegend", schreibt der Verlag. "In manchen Schulklassen leben nur noch zwei von dreißig Kindern mit beiden leiblichen Eltern zusammen. Die anderen haben mindestens einen Trennungsschmerz hinter sich." Dieser Trennungsschmerz hat außerdem eine üble Nebenwirkung auch für Unbeteiligte: nämlich den publizistischen Schmerzausstoß der Trennungsväter.

Vom Verlag erfahren wir auch Persönlicheres über den Autor: "Der geschiedene und wieder glücklich verheiratete Vater von drei Söhnen und insgesamt fünf Patchwork-Kindern hat als Chefreporter einer Boulevardzeitung hautnahen Kontakt zu Familien. Er bietet Familienberatungs-Seminare an und ist als Partnerschaftsberater im Radio präsent."

Da bleibt eigentlich nur noch die Frage, wie man sich vor Brost und seiner hautnahen medialen Omnipräsenz schützen kann. Und warum er sich und seine Weisheiten nicht einfach seinen "drei Söhnen und insgesamt fünf Patchwork-Kindern" widmet. Ulrike Steglich





 
 

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