Berlin (epd). Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) will sich bei ARD und ZDF darüber beschweren, dass diese nicht gegen die Sicherheitsüberprüfungen für Journalisten bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft protestiert haben. "Die haben eine Verantwortung, weil sie die Veranstaltung mit ihren Lizenzgebühren finanzieren", sagte DJV-Chef Michael Konken am 20. August bei einer Diskussion über den WM-Boykott der "tageszeitung" in Berlin.
Konken will in der kommenden Woche mit ZDF-Intendant Markus Schächter sprechen: "Ich werde ihm sagen, sein Sender hätte Vorreiter sein und den Druck auf den Veranstalter erhöhen können." In der übernächsten Woche folge ein Gespräch mit der ARD, sagte Konken.
Die "taz" boykottiert die noch bis 23. August laufende Leichtathletik-WM, weil der Veranstalter zwei taz-Reportern eine Akkreditierung verwehrte. Beide hatten sich geweigert, einer Überprüfung ihrer persönlichen Daten unter anderem durch den Verfassungsschutz und den Bundesnachrichtendienst zuzustimmen (epd 62, 64/09).
Die Zeitung und der DJV argumentieren, es gebe keine rechtliche Grundlage für die sogenannte Zuverlässigkeitsprüfung, da eine Bedrohungslage wie etwa eine Terror-Warnung fehle. Die Speerwerferin Heidi Schüller, die zur Eröffnung der Olympischen Spiele 1972 in München den Olympischen Eid sprach, sagte: "Wenn ich im Moment im Stadion eine kriminelle Bedrohung suche, dann blicke ich nicht auf die Tribüne für die Presse, sondern auf die für die Ehrengäste. Da versammeln sich nämlich mehrere Hundert Jahre Knast."
SZ-Sportreporter: "Auf die Waage"
Mehrere Vertreter anderer Medien äußerten teils heftige Kritik an dem WM-Boykott der "taz". Der Chefredakteur des Berliner "Tagesspiegel", Lorenz Maroldt, mahnte, es könne nicht sein, dass sich Journalisten mit einer solchen Aktion wichtiger nehmen als das Interesse ihrer Leser. "Unsere erste Aufgabe ist, über Ereignisse zu berichten. Deshalb haben wir uns akkreditiert", sagte Maroldt.
Dieser Ansicht schlossen sich auch Sportreporter von "Welt" und "Süddeutscher Zeitung" an. SZ-Journalist Claudio Catuogno sagte: "Wir legen da etwas auf die Waage: Auf der einen Seite die Einschränkung unserer persönlichen Freiheit und auf der anderen das wichtigste Sportereignis dieses Jahres auf der Welt." Bei dieser Abwägung würde seine Redaktion "auch wieder zu dem Schluss kommen, uns zu akkreditieren, und dafür die Erklärung unterschreiben".
"Tagesspiegel"-Chef Maroldt kritisierte auch den späten Zeitpunkt, zu dem die "taz" ihre Aktion startete und sich Mitstreiter wünschte. "Eine Woche vor dem Veranstaltungsbeginn war völlig unrealistisch, um mit einem Boykott etwas zu erreichen. Da hätten Sie schon früher kommen müssen", sagte Maroldt.
"taz"-Sportredakteur Markus Völker schlug vor, beim nächsten sportlichen Großereignis in Deutschland, der Fußball-WM der Frauen im Jahr 2011, frühzeitig und branchenweit gegen unverhältnismäßig weitreichende Kontrollen von Journalisten vorzugehen. Völker wehrte sich gegen den unter anderem in der "Süddeutschen Zeitung" erhobenen Verdacht, der WM-Boykott seiner Zeitung sei ein PR-Gag: "Das war unsere Aufgabe als kritische Journalisten. Von einer PR-Aktion sind wir weit entfernt."
dan
epd medien Nr. 66 vom 22. August 2009