Der CHIO in Aachen - vermarktet als "Weltfest des Pferdesports" - sollte die WDR-Zuschauer in der vergangenen Woche eigentlich wieder für den Reitsport begeistern, nachdem dieser seit den Olympischen Spielen 2008 überwiegend durch Dopingfälle in den Schlagzeilen war. Doch kurz vor Turnierbeginn wurde bekannt, dass im Körper des Pferds "Whisper" von Dressur-Ikone Isabell Werth das verbotene Mittel Fluphenacin gefunden wurde. Werth wurde umgehend gesperrt und durfte somit beim CHIO nur zuschauen.
In diese Gemengelage stieß nun eine weitere Nachricht, die neue Zweifel an der Lauterkeit der Methoden im Reitsport, aber auch neue Zweifel an der Unabhängigkeit mancher öffentlich-rechtlicher Sportmoderatoren nährt. Eine epd-Recherche ergab, dass Susanne Sgrazzutti, Lebensgefährtin der WDR-Reitsportexpertin Sabine Hartelt, bei den Olympischen Spielen 2008 als Mitbesitzerin des Pferds "Cöster" akkreditiert war (epd 52/09). Man erinnert sich: "Cöster" wurde bei dem Wettkampf positiv auf das verbotene Mittel Capsaicin getestet, der Springreiter Christian Ahlmann daraufhin vom Weltreiter-Verband gesperrt.
Eine veritable Interessenkollision für die ARD-Moderatorin Hartelt, die bei den Olympischen Spielen für die Reitwettbewerbe in Hongkong zuständig war. Vor allem wenn man bedenkt, dass der WDR erst im Jahr 2008 eine Selbstverpflichtung für seine Sportredakteure verabschiedet hat (epd 16/08). Darin heißt es: "Nur durch Unabhängigkeit können wir die Glaubwürdigkeit unserer Sportberichterstattung wahren und stärken." Außerdem: "Wir als BerichterstatterInnen gehen keine Geschäfte mit Akteuren des Sports ein, insbesondere nicht mit Sportlern, Vereinen, Sportverbänden und Sportsponsoren."
"Ernsthaftes Gespräch"
Die strengen Richtlinien hatten ihren guten Grund, waren doch zahlreiche frühere ARD-Sportredakteure - ob Jürgen Emig, Wilfried Mohren oder Hagen Boßdorf - auf jeweils sehr unterschiedliche Weise viel zu nah an Sportveranstaltern und deren Sponsoren. Dem Senderverbund trug das massive öffentliche Kritik ein, und die Glaubwürdigkeit der betroffenen Sportarten, insbesondere des Radsports, nahm großen Schaden. Da wollte der WDR, der gar nicht im Zentrum der Kritik stand, als Vorbild vorangehen und mit seiner Selbstverpflichtung jegliche Gefälligkeitswirtschaft für die Zukunft ausschließen.
Umso betrüblicher ist nun, dass Hartelt es - laut offizieller Auskunft des WDR - nicht für nötig befand, ihren Sender vor den Olympischen Spielen über die Interessenkollision zu informieren. "Im Nachhinein" habe Hartelt die Akkreditierung ihrer Lebensgefährtin offengelegt, teilte der WDR mit. Anschließend habe der Sender ein "ernsthaftes Gespräch" mit der Moderatorin geführt und ihre Hongkong-Berichterstattung kritisch überprüft. Dabei sei festgestellt worden, dass Hartelts Moderationsleistung "über jeden Zweifel erhaben" sei. Deshalb habe man die Angelegenheit auf sich beruhen lassen.
Hartelt äußerte sich bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe nicht auf eine epd-Anfrage, in der unter anderem nach dem genauen Zeitpunkt gefragt wurde, zu dem sie den WDR über die Akkreditierung informiert hat. Sgrazzutti verteidigte sich indes im Pferdesport-Fachmagazin "St. Georg": Sie wisse zwar, dass eine Besitzer-Akkreditierung für einen Journalisten "nicht unproblematisch" sei, aber sie habe in Hongkong nicht journalistisch gearbeitet. "Ich weiß im Übrigen nicht, was meine Lebensgefährtin Sabine Hartelt damit zu tun haben soll", so Sgrazzutti. Sie gehe von einer "gezielten Kampagne gegen Sabine" aus.
Fernsehverträge locken Sponsoren an
Nach epd-Informationen ist Sgrazzutti nicht die wirkliche Mitbesitzerin des Pferdes. Sie soll die Akkreditierung kurzfristig übernommen haben. Dies geschah nach Auskunft der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) auf persönlichen Wunsch der Besitzerin von "Cöster", der vielfachen Championesse Marion Jauß - die wiederum die Schwester von Madeleine Winter-Schulze, Mäzenin von Isabell Werth, ist. Die FN legt Wert darauf, dass die Vereinigung die Akkreditierung nicht selbst veranlasst habe. Daher habe es auch keinen Versuch gegeben, sich damit günstige Berichterstattung in der ARD zu verschaffen, erklärte FN-Generalsekretär Soenke Lauterbach.
In der Reitsportszene gibt es Menschen, die das anders sehen. Teilweise ist, mit Blick auf den Vorfall, sogar von "indirektem Schmieren" die Rede. Der Hintergrund solcher Vorwürfe: Die Verhandlungen über einen neuen Fernsehvertrag zwischen den öffentlich-rechtlichen Sendern und der FN sind wegen der zahlreichen Manipulationsfälle im Reitsport ins Stocken geraten. ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky erklärte im Februar in einem epd-Interview, der Sport habe insbesondere durch die Vorgänge bei den Olympischen Spielen "enorm an Glaubwürdigkeit verloren" (epd 8/09). Wenn die Zuschauer kein Vertrauen mehr hätten, werde es "schwierig, solche Sportarten weiter zu übertragen".
Ein Ausstieg von ARD und ZDF hätte verheerende Folgen für den Reitsport in Deutschland. Wie beim Radsport sind die Fernsehgelder und Übertragungen nötig, um Sponsoren anlocken und große Turniere finanzieren zu können. Zusätzlich kritisch ist die Situation, weil die Quoten der Reitsport-Übertragungen vor allem in den Hauptprogrammen nicht besonders gut sind. Da sieht sich die FN mit ihrem neuen, seit Anfang 2009 amtierenden Generalsekretär Lauterbach mächtig unter Druck und greift zu ungewöhnlich drastischen Maßnahmen: Ende Mai löste die Vereinigung die Kader ihrer Spitzensportler auf und setzte eine Kommission ein, die den Umgang der Branche mit Pharmaka untersuchen soll.
Man kennt sich und braucht sich
Wer auch immer die Idee hatte, die Akkreditierung Sgrazzuttis einzufädeln: Es ist ein pikantes Unterfangen, einer Person, die mit einer exponierten Fernsehmoderatorin in naher privater Verbindung steht, einen solchen Vorteil zu gewähren - unabhängig davon, wer die Reisekosten bezahlt hat (auch dazu gab es keine Aussage von Hartelt). Einem akkreditierten "Besitzer" eines Olympiapferdes stehen viele Türen offen: Aufenthalt in VIP-Bereichen, Einladungen zu offiziellen Empfängen und Partys und anderes. Viele Journalisten, auch ausgewiesene Reitsportexperten, haben wegen der begrenzten Kontingente nie die Chance, auch nur eine gewöhnliche Akkreditierung für die Olympischen Spiele zu bekommen.
Die Reitsportszene ist klein, wie bei anderen Sportarten, die nicht so massenattraktiv sind. Veranstalter, Sportler und TV-Journalisten kennen sich und brauchen sich. Das fördert die Bildung fragwürdiger Allianzen und lässt das Gespür für Grenzen schwinden. Der frühere ARD-Sportkoordinator Hagen Boßdorf etwa kommentierte Rennen der Tour de France, moderierte aber nebenher Präsentationen des Telekom-Teams und schrieb an einer Jan-Ullrich-Biografie mit. Er fand das völlig unproblematisch, und große Teile der ARD damals wohl auch. Allerdings hatte man zuletzt den Eindruck (oder die Hoffnung?), dass die Sensibilität im Senderverbund gestiegen ist.
Bei Hartelt und Sgrazzutti, die von 1995 bis 2004 freie Mitarbeiterin des WDR war, sahen manche Kollegen in der WDR-Sportredaktion eine gewisse Nähe zu Reitsport-Veranstaltern. Mal ging es um Moderationen Hartelts bei CHIO-Empfängen, mal um Imagefilme, die Sgrazzutti für Veranstalter gedreht haben soll. Zudem fühlten sich andere freie Mitarbeiter übergangen, wenn Sgrazzutti mal wieder - im Auftrag von Hartelt - ein großes Feature über Reitsport-Größen machen durfte. Diese hausinternen Verwerfungen landeten schließlich beim damaligen WDR-Sportchef Heribert Faßbender, der Hartelt im Sommer 2002 zur Stellungnahme aufforderte.
Doch die Moderatorin bestritt die Vorwürfe. Sie verwies darauf, dass der WDR als Medienpartner des CHIO auftrete und dass ihre Nebentätigkeiten genehmigt seien. Die Behauptungen im Zusammenhang mit der Beschäftigung von Sgrazzutti seien "größtenteils falsch und ferner gegenstandslos", weil jede personelle Besetzung mit dem WDR-Sportchef abgestimmt werde, schrieb Hartelt an Faßbender. Zu diesem Zeitpunkt wurde Sgrazzutti bereits nicht mehr von der Sportredaktion beschäftigt. Laut WDR ist sie seit 2004 überhaupt nicht mehr für den Sender tätig.
Soweit die Vorgeschichte, die bis tief in die 90er Jahre zurückreicht. Wenn das Urteil des WDR nun lautet, die Moderationsleistung von Hartelt in Hongkong sei "über jeden Zweifel erhaben", dann erscheint das als allzu flotte Exkulpation. Mindestens wäre zu diskutieren, ob hier nicht schon der böse Anschein entscheidend ist. Und klar ist, dass der kundige Zuschauer nun besonders genau hinhört, wenn sich Hartelt zu Skandalen im Reitsport äußert. Ein Beispiel: Nachdem die Causa Werth an die Öffentlichkeit gekommen war, stellte die ARD am 25. Juni unter sport.ard.de sieben O-Töne von Hartelt, jeweils knapp eine Minute, ins Internet. Darin war von vielem die Rede - nicht aber von dem verantwortlichen Tierarzt. Anders die Fachzeitschrift "St. Georg", die sich ebenfalls am 25. Juni mit dem Fall Werth befasste. Dort hieß es in einem Online-Kommentar: Mit Blick auf den Namen des behandelnden Arztes falle es "dem Insider schwer, naiv die gelieferte Darstellung zu schlucken". Der Arzt Hans Stihl, der Werths Pferd behandelt hatte, ist nämlich in der Szene durchaus bekannt. In Frankreich saß er vor Jahren sogar mal in Untersuchungshaft, weil er verdächtige Medikamente im Kofferraum hatte.
Bei ARD/WDR-Expertin Hartelt hörte man viel Allgemeines über die große Krise des Pferdesports und den notwendigen Kampf gegen das Doping, ebenso aber ein Loblied auf den CHIO, den sich das Publikum durch solche Fälle nicht vermiesen lassen wolle. Das muss nicht das Ergebnis bewusster Informationsunterdrückung sein, gewiss. Kritischen öffentlich-rechtlichen Sportjournalismus stellt man sich allerdings anders vor.
epd medien 53 vom 8. Juli 2009