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  England: Skandal um illegale Presse-Praktiken
Abhör-Affäre bei "News of the World" holt den PR-Chef der Tories ein


London (epd).   In Großbritannien steht die Presse am Pranger. Grund ist die angeblich weit verbreitete Praxis, sich illegaler Methoden zur Beschaffung von Informationen über Supermodels, Politiker und Sportler zu bedienen. Der "Guardian" berichtete vergangene Woche, die Sonntagszeitung "News of the World" aus dem Imperium Rupert Murdochs - ein Blatt, das sich auf Enthüllungsstorys über Prominente und Mächtige spezialisiert hat - bediene sich "systematisch" der Dienste von Privatdetektiven, um Handy-Mailboxen anzuzapfen.

Die Skandalstory hat den Blick auf Andy Coulson gelenkt, der vor zwei Jahren als Kommunikationsdirektor der Tories berufen wurde. Als "Spindoktor" der Konservativen bekleidet Coulson den höchstbezahlten politischen Job Großbritanniens. Mit 450.000 Pfund verdient er mehr als doppelt so viel wie Premierminister Gordon Brown und mehr als das Dreifache seines Arbeitgebers David Cameron. Bis Januar 2007 war Coulson Chefredakteur von "News of the World", dessen Methoden bei der Hatz auf Sensationen oft einfallsreich und meist nicht gerade zimperlich sind.

Im Jahr 2007 musste der Royalty-Reporter des Blattes, Clive Goodman, ins Gefängnis. Er hatte die Mailbox von Mitarbeitern des königlichen Palastes von einem eigens dafür angeheuerten Privatdetektiv anzapfen lassen (epd 63/06, 9/07). Coulson versicherte damals, er habe nichts davon gewusst, übernahm aber "die letzte Verantwortung" und trat zurück. Wenige Monate später, im Juni 2007, heuerte ihn David Cameron als Kommunikationsdirektor an.

Ein Spindoktor soll seinen politischen Herren helfen, erfolgreich durch die chaotische Medienwelt zu navigieren. Tony Blair hatte Peter Mandelson, den "Prinzen der Dunkelheit", und den hartleibigen Ex-Boulevardjournalisten Alistair Campbell, der ihm viele Jahre als Pressesekretär diente. In Coulson fand Tory-Chef David Cameron einen Mann entsprechenden Kalibers. Zwei Jahre lang verrichtete Coulson "gute Arbeit", wie es bei den Tories heißt; er sorgte dafür, dass das Image der Tories entscheidend aufgehellt, dass es freundlicher und moderater wurde. Öffentliche Aufmerksamkeit hat er dabei gemieden. Der Kommunikationsdirektor zog die Fäden im Hintergrund und bemühte sich, das zerrüttete Verhältnis zwischen Rupert Murdoch und David Cameron zu verbessern.

Coulson wird selbst zur Story

Damit ist es nun nach den Enthüllungen des "Guardian" vorbei. Andy Coulson ist selbst zur Story geworden. Ein Spindoktor aber, über den geschrieben und gesprochen wird, wird schnell zur Belastung und schadet der Partei, die seine Dienste in Anspruch nimmt. Das erfuhren Labour und Blair bereits in den frühen Regierungsjahren. Die Frage ist nun: War Coulson tatsächlich ein Unschuldslamm, das keine Ahnung hatte von den Methoden, mit denen seine Reporter sich die Coups verschafften? Viele bezweifeln das, zumal der 41-Jährige als fähiger Manager und hochintelligenter Journalist gilt. Andrew Neil, früher als Chefredakteur der "Sunday Times" im Dienste Murdochs, bemerkte, Coulson sei als Chefredakteur entweder "inkompetent und naiv" gewesen oder er habe nicht die Wahrheit gesagt.

Ein Privatdetektiv, der jahrelang für "News of the World" gearbeitet hat, versicherte der BBC, die Praxis der "Angelexpeditionen" sei bei der Boulevardpresse eine "Routineangelegenheit". Jedermann bediene sich der Methode; den Nummerncode der Anrufbeantworter von Handys prominenter Zeitgenossen zu knacken, sei ein "Kinderspiel". Der "Guardian" beruft sich auf Quellen bei Scotland Yard, wenn er behauptet, Tausende von Celebritys seien so abgehört worden. An der Substanz solcher Vorwürfe besteht kein Zweifel. Zumal News International, der britische Zeitungsarm des Murdoch-Empires, mehr als eine Million Pfund außergerichtlich an Betroffene der Lauschattacken bezahle, um damit ihr Schweigen zu erkaufen.

Politiker aller Couleur stoßen jetzt insgeheim einen Seufzer der Erleichterung aus, nachdem die Medien während des Spesenskandals mit ihnen gnadenlos umgesprungen waren. Jetzt bietet sich die Gelegenheit, den Spieß umzudrehen und die garstige Presse an den Pranger zu stellen. Labour-Politiker haben doppelten Grund zur Genugtuung. Nach langen, düsteren Monaten ist mit der Story des "Guardian" endlich ein Lichtblick am Horizont aufgetaucht - ein Skandal, der nicht die Regierung trifft, sondern Oppositionsführer David Cameron beschädigen könnte.

Erstaunliches Desinteresse

Der Oppositionsführer war monatelang genüsslich Schlitten gefahren mit dem unglückselig agierenden Gordon Brown. Jetzt bietet sich die Gelegenheit, ihn in den Handyskandal zu verstricken und sein Urteilsvermögen in Zweifel zu ziehen. Noch ist Cameron entschlossen, an seinem Kommunikationsdirektor Coulson festzuhalten. Wie lange er das noch tun wird, hängt auch davon ab, ob das Thema ein Dauerbrenner wird. Der "Guardian" bemüht sich nach Kräften, aber andere Presseorgane zeigen ein erstaunliches Desinteresse, auch der "Independent", der eigentlich ähnlich tickt wie der "Guardian". Ein Grund dafür ist die Furcht vor schärferer Regulierung und einer Einschränkung der Pressefreiheit.

Großbritannien besitzt die wohl freieste, aber zugleich die zügelloseste Presse in Europa. Die Grenze zwischen verantwortungsvollem Handeln und Verantwortungslosigkeit ist nicht immer leicht zu definieren. Die Enthüllung des Spesenskandals im "Telegraph" lag zweifellos im öffentlichen Interesse, obgleich die Diskette mit den Informationen gestohlen worden war und bis heute nicht klar ist, ob und wie viel der "Telegraph" dafür bezahlen musste. Ohne investigativen Journalismus, der sich auch fragwürdiger oder gar ungesetzlicher Methoden bedient, kann eine Demokratie nicht auskommen.

Andererseits ist es schwer, öffentliches Interesse klar zu bestimmen. Gewiss kann nicht automatisch den Anspruch auf "öffentliches Interesse" erheben, was die Öffentlichkeit interessiert. Leider ist das, wie die Fülle der Klatschmagazine und die Inhalte der Massenpresse zeigen, vor allem die Celebrity-Kultur mit ihren seichten Inhalten über Stars, Berühmtheiten und Prominente. Die Boulevardpresse, deren Auflage noch stärker sinkt als die der Qualitätsblätter, befindet sich in einem gnadenlosen Konkurrenzkampf, in dem Reporter auch auf illegale Methoden zurückgreifen. Ohne das unersättliche Interesse des Publikums, das nach mehr verlangt, gäbe es weniger Anreiz, zu fragwürdigen Methoden zu greifen.

Jürgen Krönig

epd medien Nr. 55 vom 15. Juli 2009






 
 

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