epd An dieser Stelle kommt der Autor nicht umhin, etwas aus seiner eigenen Biografie zu erzählen: 1999, auf Klassenfahrt in Berlin, lief ich zum ersten Mal über die Stellen in der Bundeshauptstadt, an denen zehn Jahre zuvor noch die Mauer gestanden hatte. Der Verlauf des ehemaligen Bollwerks ist dort heute mit andersfarbigen Steinen im Pflaster markiert. Mir wurde ziemlich mulmig bei dem Gedanken, dass die Linie, die ich jetzt so einfach überschreiten konnte, noch vor gar nicht so langer Zeit eine tödliche Grenze war. Ich ging ein paar Mal hin und her, von Ost nach West und zurück: ein symbolischer Akt meiner persönlichen deutschen Wiedervereinigung.
Am ehemaligen Checkpoint Charlie hörte unsere Klasse den Vortrag eines Zeitzeugen, der versucht hatte, aus der DDR zu fliehen und uns die Methodik des Todesstreifens auf einer Overhead-Folie genau erklärte. Auf einer Busrundfahrt durch die Stadt kamen wir an den letzten Überresten des graffitiverzierten Betonwalls vorbei. Die alte Grenze zwischen den beiden deutschen Staaten war überall, aber trotzdem: Als die Mauer fiel, war ich sechs Jahre alt. Zehn Jahre später gelang es mir nicht, mich anders als nur theoretisch in die Zeit der geteilten Stadt zurückzuversetzen.
Diese Woche half mir ausgerechnet die Deutsche Welle dabei, diesem Ziel ein kleines bisschen näherzukommen. Deutschlands "multimediale Stimme der Menschenrechte" (Intendant Erik Bettermann) hat als Beitrag zu den anlaufenden Feierlichkeiten zu 20 Jahren Mauerfall einen zehnminütigen Animationsfilm in Auftrag gegeben, der die Grenze zwischen BRD und DDR an zwei Stellen rekonstruiert: Detailgetreu, historisch genau und beinahe fotorealistisch.
Das ganze funktioniert in einer Serie von nahtlosen Kamerabewegungen durch eine virtuelle Umgebung, erst in der Hauptstadt und dann in der Grenzprovinz. Die Kamera fliegt die Berliner Ackerstraße entlang, von Osten her erst auf die Mauer zu, dann darüber hinweg. Die Sicherheitsmechanismen des Todesstreifens, Alarmsysteme und "Stalinrasen" werden geduldig erklärt, bei Bedarf wechselt die Animation von einer realistischen in eine schematische Darstellung. Auch Bauwerke wie die mitten im Grenzstreifen stehende Versöhnungskirche sind Teil des Films.
Auf der Westseite angekommen schießt die virtuelle Kamera von Berlin aus in den Himmel, um in dem kleinen sachsen-anhaltinischen Grenzdorf Hötensleben wieder aufzusetzen. Auch hier werden die Mechanismen zur Fluchtverhinderung in allen Details beleuchtet, Unterschiede und Gemeinsamkeiten mit den Berliner Vorrichtungen werden erkennbar.
Der wahre Wert der Animation, die eingebettet in einen längeren Beitrag im Deutsche-Welle-TV laufen soll, aber bereits jetzt auf dem YouTube-Kanal youtube.com/deutschewelle angesehen werden kann, liegt jedoch nicht in ihrer pädagogischen Detailliertheit. Aufzeigen, wie die DDR ihre Grenze organisierte, kann jede Erklärgrafik. Ein einfaches Bild aber vermag es nicht, dem Zuschauer ein Gefühl dafür zu geben, was die Mauer war. Die dreidimensionale, schwerelose Animation des Films, der den Titel "Eingemauert!" trägt, vermittelt einen Eindruck nicht nur von den Dimensionen des ostdeutschen Grenzprojekts, sondern auch von der Beklemmung, die immer mal wieder all jene befallen haben muss, die in einer Stadt wohnten, durch die mittendurch eine fast unüberwindbare Grenze lief.
Dazu trägt sicherlich auch die präzise, in einzelnen Bildern an Fotorealismus grenzende Animationstechnik bei, die an Schlüsselstellen durch liebevolle Details wie fahrende Autos und bellende Hunde unterstützt wird. Trotzdem gibt sich "Eingemauert!" nie der Versuchung hin, ähnlich wie in manchen modernen History-Sendungen plötzlich zum Mittendrin-Kino werden zu wollen, unbestätigte Sachverhalte nachzustellen. Bei allem Realismus bleibt die Haltung distanziert und sachlich.
So macht der Film den historischen Sachverhalt "Mauer" auf erstaunlich effektive Weise sinnlich erfassbar. Er erlaubt einen anderen, weniger verkopften Zugang zu der inmitten von Ostalgie und Mahnmalen manchmal etwas untergehenden Tatsächlichkeit der deutsch-deutschen Geschichte.
Alexander Gajic
epd medien Nr. 52 vom 4. Juli 2009