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Einheitsbrei mit "individuellem Look": Die WAZ-Zeitungen


Am Mittwoch gab es in Essen ein schönes Fest. Die WAZ Mediengruppe feierte die Eröffnung ihres neuen "Content-Desks" und empfing 250 Gäste, darunter NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU). 82 Redakteure dienen seit Mitte Mai am zentralen Desk in Essen dafür, dass die "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" (WAZ), die "Westfälische Rundschau" (WR) und die "Neue Ruhr/Neue Rhein Zeitung" (NRZ) für ihre überregionalen Mantelseiten aus einem einzigen Informationspool schöpfen. Titelredaktionen in den einzelnen Häusern bemühten sich mit eigenen Kommentatoren und Reportern um einen "individuellen Look", betonte WAZ-Chefredakteur Ulrich Reitz: "Wir arbeiten zusammen, wo es der Qualität dient", sonst aber blieben die Zeitungen journalistische Wettbewerber.

Reitz verhehlte nicht die "harten Einschnitte", die in einer "noch nie dagewesenen Zeitungskrise" notwendig gewesen seien - bei den vier Blättern sollen 300 Stellen abgebaut werden, weiteres Geld wird durch den Verzicht auf den dpa-Basisdienst gespart. Die Alternative wäre gewesen, "das alte WAZ-Modell mit Hilfe eines reduzierten, verwechselbaren Agentur-Journalismus künstlich am Leben zu halten (?), tatsächlich aber mehr oder weniger Einheitszeitungen zu produzieren", sagte Reitz. Auch WAZ-Geschäftsführer Christian Nienhaus hatte in dieser Woche beim Medienforum NRW versichert, es gebe für den Leser "keinen Einheitsbrei".

Na, dann blättern wir doch mal. Die Donnerstag-Ausgabe ist auf den ersten Blick der Beleg dafür, dass die WAZ-Blätter nicht zu Einheitszeitungen verkommen sind. Alle drei bringen auf der Seite 1 zwar ein Foto mit der des Dopings verdächtigten Dressurreiterin Isabell Werth, haben aber unterschiedliche Aufmacher. Das Top-Thema bei der NRZ (Neuverschuldung) ist der WAZ nur eine dürre Reuters-Meldung wert. Und die WR hat ihren Aufmacher über die drohende Lehrer-Lücke sogar exklusiv, während der WAZ die Afghanistan-Debatte in Berlin für das wichtigste Thema hält. Die politischen Seiten und die Wirtschaft im ersten Zeitungsbuch mögen jeweils einen "individuellen Look" haben, doch die wichtigsten Geschichten stammen von denselben Autoren aus dem Berliner Büro: Dirk Hautkapp zur Bundeswehr in Afghanistan und zum Kredit für Quelle, Hayke Lanwert zur Grünenthal-Klage gegen ein Contergan-Opfer, Thomas Wels zur Edelstahlsparte bei Krupp, und auch das Interview von Miguel Sanches mit Bundesumweltminister Sigmar Gabriel findet sich in allen drei Zeitungen.

Die Kommentierungen bleiben eigenständig - beinahe: Peter Hahne kommentiert sowohl für WR und NRZ die Neuverschuldung des Bundes, aber das Erscheinungsgebiet beider Zeitungen überschneidet sich ja nicht. Auch die wichtige Aufschlag-Seite 3 sieht in jeder Zeitung anders aus, allerdings wandert Dominique Schrollers NRZ-Beitrag über eine "Dressurkönigin im Zwielicht" jeweils als Aufmacher in die Sportteile von WR und WAZ.

Je weiter man blättert, desto häufiger trifft man nicht nur auf identische Autoren, sondern auf identische Seiten. Die Sportteile von WR und WAZ unterscheiden sich nur im Detail. Die NRZ hat eine eigene Geschichte über den ehemaligen Tennisspieler Wilhelm Bungert, doch die beiden Seiten "Sport in Essen" sind bis aufs Komma gleich. Von netto sechseinhalb Lokalseiten sind in der Essener Ausgabe von WAZ und NRZ knapp vier Seiten identisch.

Im Feuilleton hat Rolf Pfeiffer den Aufmacher über eine Ausstellung im Wuppertaler Von der Heydt-Museum für alle drei Zeitungen geschrieben, auch die Kinokritik über "Die Gräfin" stammt von einem Autor. Die Medienseite und eine Seite, die mal "Rund um den Globus" (NRZ), "Gesellschaft" (WAZ) oder "Tagesrundschau" (WR) heißt, sind bis auf eine eigenständige Fernsehkritik bei der NRZ identisch. Und bei WAZ und NRZ endet die Zeitung bei einer weiteren nahezu identischen Seite namens "Menschen" (WAZ) bzw. "Rund um den Globus" (NRZ). Ein ähnliches Bild boten die Blätter in den Tagen zuvor.

Man muss leider feststellen: Bei WAZ, NRZ und WR handelt es sich um "mehr oder weniger Einheitszeitungen", der journalistische Wettbewerb findet nur punktuell statt. Die beispiellose Ausdünnung der Redaktionen im Essener Konzern hat zu dem erwarteten Ergebnis geführt: weniger Zeitungsvielfalt im Ruhrgebiet, mehr Einheitsbrei.

Thomas Gehringer

epd medien Nr. 50 vom 27. Juni 2009






 
 

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