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  RTL-Reihe "Erwachsen auf Probe" stößt weiter auf Widerstand
Strafanzeige in Freising - RTL lädt Kritiker zu Diskussionsrunde ein


Frankfurt a.M. (epd). Die RTL-Reihe "Erwachsen auf Probe" stößt weiter auf Widerstand. Ein interdisziplinärer Arbeitskreis am Familiengericht Freising bei München hat am 19. Mai Strafanzeige gegen die betroffenen Eltern und Verantwortlichen wegen "möglicher Körperverletzung und Misshandlung Schutzbefohlener" gestellt. Die Programmausschüsse dreier Landesmedienanstalten und der Medienbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Markus Bräuer, kritisierten das Format und forderten RTL auf, auf die geplante Ausstrahlung ab 3. Juni zu verzichten.

Der Koordinator des aus Richtern, Anwälten und Verbänden zusammengesetzten "Runden Tischs" des Freisinger Familiengerichts, der pensionierte Familienrichter Hartmut Dihm, sagte dem epd am 18. Mai, die Staatsanwaltschaft solle entscheiden, ob in der Sendung, in der Teenager das Elterndasein lernen sollen und dafür unter anderem vier Tage auf Säuglinge und Kleinkinder aufpassen (epd 36, 38/09), gegen geltendes Recht verstoßen werde. Aussagen von RTL, bei den Dreharbeiten der bereits im vergangenen Jahr produzierten Sendung sei alles glatt gelaufen, vertraue er nicht. "Diese Art von Sendungen basieren doch darauf, dass es Konflikte gibt", meinte Dihm.

"Nicht alles, was rechtlich möglich ist"

Die Verhinderung der Ausstrahlung ist auch Inhalt einer Resolution, die der Deutsche Kinderschutzbund am 16. Mai auf einer Mitgliederversammlung in Wuppertal verabschiedete. Nach eigenen Angaben gehören Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) sowie die Familienminister der Länder zu den Unterstützern. Der Verband verlangte, alle für den Kinder- und Jugendschutz verantwortlichen politischen Gremien müssten unverzüglich dafür sorgen, dass es beim Jugendarbeitsschutz keine Lücken mehr gebe, die für solche Dokusoaps genutzt würden. «Die Jugendämter am Wohnsitz der Kinder sind in jedem Fall vor dem Abschluss entsprechender Verträge einzuschalten», forderte der Kinderschutzbund.

Der EKD-Medienbeauftragte Bräuer sagte am 19. Mai, die von Gott geschenkte Würde einer jeden menschlichen Person verbiete es, den Menschen zum Mittel zu machen und wie in diesem Fall Babiys zu benutzen. "Nicht alles, was rechtlich möglich ist, ist aus ethischen Gründen auch geboten", so Bräuer.

Der saarländische Ministerpräsident Peter Müller (CDU) kündigte an, die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) einzuschalten, die dann in einem abgestuften Verfahren gegen die Sendung vorgehen könne. Die achtteilige Sendereihe gefährde das Kindeswohl, erklärte der Politiker am 15. Mai in Saarbrücken. "Kinder werden missbraucht, um hohe Einschaltquoten zu bekommen", kritisierte Müller. In einer Zeit, in der Kinderrechte und der Schutz des Kindeswohls zu Recht in den Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion gerückt sind, ist es nach Auffassung des Politikers nicht vertretbar, eine solche Sendeform zu konzipieren.

Die Landesanstalt für Medien in NRW (LfM) appellierte an den Sender, auf Programme mit unkalkulierbaren Risiken für die Mitwirkenden zu verzichten. Sie unterstrich, dass sich Programmverantwortung nicht in der Einhaltung rechtlicher Vorschriften erschöpfe. "Verantwortung heißt auch, gesellschaftliche Wirkungen in Betracht zu ziehen, die unerwünscht sind", erklärte die Vorsitzende der Medienkommission der LfM, Frauke Gerlach. Dazu zähle eine Gewöhnung daran, dass Babys zu Faktoren der Fernsehunterhaltung werden. Ob die Sendung gegen geltendes Recht verstoße, könne erst dann geklärt werden, wenn man die ersten Sendungen gesehen habe. "Aber es gibt - und das ist eine völlig andere Betrachtung - jenseits aller rechtlichen Fragen auch eine moralische Frage, die sich nicht rechtlich verrechnen lässt", sagte LfM-Direktor Norbert Schneider.

Die Programmausschüsse der Landesmedienanstalten von Hessen und Rheinland-Pfalz schlossen sich am 18. Mai der LfM-Position an. Für RTL medienrechtlich zuständig ist die Niedersächsische Landesmedienanstalt in Hannover. Deren Programmausschuss will sich erst am 11. Juni mit Sendervertretern treffen, um die umstrittene Fernsehreihe zu diskutieren.

"Sperrt RTL-Voyeure in einen Käfig!"

Weitere Kritiker an der auf einem BBC-Format basierenden Doku-Serie sind die Nachfolgeorganisation der katholischen Schwangerschaftsberatung, donum vitae, und die Deutsche Liga für das Kind. Die donum-vitae-Vorsitzende Rita Waschbüsch forderte die Zuschauer zum Boykott der Sendung auf und sagte: "Sperrt endlich die RTL-Voyeure in einen Käfig und lasst sie nie mehr Sendungen machen." Der Vizepräsident der Ärztekammer Niedersachsen, Gisbert Voigt, zeigte sich in der Hannoverschen "Neuen Presse" (Ausgabe vom 15. Mai) "schockiert". Ein Sender könne nicht einfach hingehen, Teenagern ein Baby geben und sagen: "Macht mal", sagte Voigt der Zeitung.

RTL hat die Kritik zurückgewiesen und sich auf die Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) berufen, die der Sendung eine "positive pädagogische Absicht" attestiert hatte. Die Eltern der sechs bis 14 Monate alten Kinder konnten nach Angabe von RTL-Sprecher Frank Rendez den Umgang der Teenager mit ihrem Nachwuchs in den kameraüberwachten Häusern rund um die Uhr aus dem Nachbarhaus beobachten und jederzeit eingreifen. Zudem seien pausenlos Fachleute vor Ort gewesen. Eine betroffene Mutter sagte in einem Interview mit brigitte.de, ihr elf Monate alter Sohn sei durch die Sendung "ganz sicher" nicht traumatisiert worden. "Das hätte ich als Mutter doch gemerkt." Ein fiktives Szenario von "herzzerreißenden Heulszenen, in denen überforderte Teenies hilflos um ein schreiendes Kleinkind herum stehen" bezeichnete sie als "Quatsch".

Der Sender hat Kritiker und Journalisten für den 22. Mai zu einer Vorführung mit anschließender inhaltlicher Diskussion eingeladen. Unter anderem sollen RTL-Unterhaltungschef Tom Sänger sowie Teenager und Eltern aus der Sendung anwesend sein.

gaj/kfr/lili/wd

epd medien Nr. 39/40 vom 20. Mai 2009






 
 

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