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Wir sind Bayern. Klinsi, die Schweinegrippe und die ARD


epd     Ein hoch ansteckendes mutiertes Virus versetzt die Menschen weltweit in Angst und Schrecken. Die Todeszahlen in Mexiko erhöhen sich ständig, Großbritannien und Spanien melden die ersten Infektionen. Die Schweinegrippe breitet sich bedrohlich schnell aus. Und was macht am Montagabend die öffentlich-rechtliche ARD direkt nach der "Tagesschau"? Sie sendet ein "Sportschau extra" zum Thema "FC Bayern entlässt Klinsmann".

Klinsmann, der gekreuzigte Heiland. Klinsmann, der unverstandene Wunderheiler. Klinsmann, der Reanimator des deutschen Nationalstolzes im heißen Sommer 2006, nun tief gedemütigt von den eiskalten, skrupellosen, titelgeilen Gewaltigen des FC Bayern. Eine Tragödie opernhaften Ausmaßes, ein Stoff, der alles beherrscht. Was kümmern uns da die Schweinegrippe-Verdachtsfälle in Bielefeld, bei denen kurz vor der "Tagesschau" ja auch noch Entwarnung gegeben wurde?

Öffentlich-rechtliche Informationskompetenz, das heißt in diesem Fall: in einer Sondersendung über etwas berichten, das schon jeder weiß und das sich seit Tagen, wenn nicht seit Wochen, abgezeichnet hatte. Dem Agenda-Setting der "Bild"-Zeitung folgen, die am Morgen als erste lautstark über den Rauswurf "Klinsis" berichtet hatte. Wohl und Wehe eines einzelnen Sportvereins journalistisch höher zu bewerten als das Interesse an einer möglichen weltweiten Grippe-Pandemie.

Moderator Gerhard Delling leitete das "Sportschau extra" mit der Feststellung ein, das "Modell Klinsmann" sei gescheitert. Aber warum eigentlich Modell? Seit der Fußball-WM 2006 wurde Klinsmann immer als Glücks-Guru aus den fernen USA bejubelt, der den Deutschen modellhaft den Weg aus dem Jammertal wies. Doch vielleicht hat er damals nur günstige Umstände genutzt? Vielleicht kann er eine Truppe limitierter Kicker zum dritten Platz bei einer WM führen, aber nicht ein Ensemble hochbezahlter und extravaganter Stars leiten?

Das sind Fragen, die Gerhard Delling und seinen Studiogast Helmut Markwort nicht interessierten. Stattdessen lieferte der "Focus"-Chefredakteur, der auch Aufsichtsratsmitglied beim FC Bayern ist, die luzide Analyse, dass der Verein Klinsmann nicht entlassen hätte, wenn die Mannschaft am Samstag gegen Schalke gewonnen hätte. Boah - da wäre man selbst nicht drauf gekommen! Klinsmann habe zu viel gewollt, mit zu vielen Spielern Konflikte gehabt; außerdem - so Markwort mit dem ganzen Stolz eines Aufsichtsrats, der sich mit "seinem" Unternehmen identifiziert - sei es eine "seit 20 Jahren gepflegte Tradition, dass Bayern Deutscher Meister wird". Und das wolle man ja nicht aufgeben.

Was es übrigens nicht gab in dieser Sondersendung, waren Exklusivinterviews mit Personen, die wirklich nah am Geschehen sind. Weder Klinsmann selbst noch sein Interims-Nachfolger Jupp Heynckes noch Bayern-Manager Uli Hoeneß traten vor die ARD-Kamera. Dafür bekundete der frühere Bayern-Spieler Mehmet Scholl, die Situation sei von außen "schwierig zu beurteilen". Und SPD-Arbeitsminister Olaf Scholz erklärte, er habe "nicht vergessen, was Klinsmann für Deutschland geleistet hat", ansonsten drücke er als Hamburger dem HSV die Daumen im Meisterschaftsrennen.

Von diesem Montag, als die Schweinegrippe näherrückte, wird uns also vor allem ein Foto ein Erinnerung bleiben, das auf allen Sendern lief und am nächsten Tag von allen Zeitungen gedruckt wurde: Nahaufnahme von Klinsi im Cockpit seines Autos, mit traurig-leerem Blick, den linken Arm über das Steuer gelegt. So fuhr er nach seinem Rauswurf vom Bayern-Gelände ab. Ein depressiver Akt von nationaler Bedeutung, der das öffentlich-rechtliche Abendprogramm in der ARD 15 Minuten später beginnen ließ.

Michael Ridder

epd medien Nr. 33/34 vom 29. April 2009






 
 

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