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Eitelkeitsindustrie. Die Inflation der Journalistenpreise


epd Haben Sie schon einmal vom "Herwig-Weber-Preis des Presse-Clubs München für die Darstellung des Münchner Lebens" gehört? Nein? Kein Wunder, ist ja auch nur einer von gut 300 Journalistenpreisen, die in Deutschland vergeben werden. Und während der Henri Nannen Preis oder der Wächterpreis der Tagespresse in der Öffentlichkeit durchaus bekannt sind, führen andere ein Schattendasein, obwohl ihre Stifter sie zweifellos als überaus bedeutsam ansehen.

Zum Beispiel der Medienpreis "Die Apotheke in der Gesellschaft", der Herta-Seebaß-Preis der Deutschen Rheuma-Liga oder der BVK-Journalistenpreis des Bundesverbands Deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften. Auch der Medienpreis der Bundestierärztekammer, der Schülermedienpreis Emsland und der Bathildisheimer Journalistenpreis des Rehazentrums Bathildisheim und der Tageszeitung "Hessisch-Niedersächsische Allgemeine" dürften nur in eng definierten Bevölkerungsgruppen bekannt sein.

Als Medienredakteur, der täglich Tausende von Mails löschen muss, möchte man sich oft wünschen, dass die meisten dieser Preise niemals erfunden worden wären. Denn nicht nur der Preisstifter teilt - in der Regel mehrfach - mit, dass ein Preis a) ausgeschrieben, b) vergeben oder c) überreicht wurde. Auch der Preisträger - respektive das Unternehmen, dem er angehört - überflutet die Kommunikationskanäle mit allerhand überflüssigen Details zum Preis. Gerne wird alles auch noch mal per Fax an die Redaktionen geschickt.

Bei manchen Auszeichnungen lässt sich zudem eine gewisse Nähe zur PR nicht übersehen. So soll der "S-Card Service Journalistenpreis" eine fachlich fundierte Berichterstattung rund um das Thema "Bezahlen mit Karte im Alltag" ehren, aber der Ausrichter mit dem großen roten S-Logo bleibt dabei stets unübersehbar. Und der "Alex - Medienpreis der Spieleautorenzunft" wird jährlich vergeben für journalistische Arbeiten, "die das Erlebnis Spielen und die gesellschaftliche Bedeutung des Spiels auf verständliche Weise darstellen und einer breiten Öffentlichkeit näherbringen". Ein Schelm, wer da an mögliche verkaufsfördernde Effekte solcher Preise denkt?

Hans-Jürgen Jakobs, Chefredakteur von sueddeutsche.de, sprach im vergangenen Herbst von einer "Eitelkeitsindustrie", zu der sich der Journalismus mit seiner Preisinflation entwickelt habe. Journalisten sollten lieber "unabhängig sein und kämpfen", anstatt auf Galas herumzuhängen, empfahl der frühere Chef des SZ-Medienressorts. Ein hehrer Anspruch. Aber nur die wenigsten Journalisten sind frei von Eitelkeit. Und so hat die grassierende Auszeichnungswut auch einen verheerenden psychologischen Seiteneffekt: Was muss man bloß für ein hundsmiserabel schlechter Journalist sein, wenn man noch keinen dieser 300 Preise gewonnen hat?

Wir wollen deshalb an dieser Stelle - in bewusster Opposition zu Hans-Jürgen Jakobs - ein paar weitere Medienpreise ins Leben rufen. Unsere Vorschläge:

- Der Klaus-von-Dohnanyi-Preis für Sprechblasen. Vergeben von der ARD. Bedingung: Man muss in mindestens 17 Ausgaben von "Anne Will" gewesen sein und darf dort nichts Substanzielles beigetragen haben. Außerdem muss man schon lange aus dem operativen Geschäft ausgeschieden sein und über viel Tagesfreizeit verfügen.

- Der Wolf-Dieter-Poschmann-Preis für Sportfloskeln. Vergeben von den deutschen Tageszeitungen. Bedingung: Man muss in fünf Artikeln über eine Fußball-WM oder EM mindestens zehnmal das Wort "Sommermärchen" untergebracht haben, ohne dass ein inhaltlicher Zusammenhang mit den beschriebenen Fußballspielen ersichtlich wäre.

- Der Oliver-Pocher-Preis für Geschmacklosigkeit. Vergeben vom SWR-Rundfunkrat. Bedingung: Man muss in Nazi-Uniform in einer Unterhaltungssendung aufgetreten sein oder sonst irgendwelche Witze mit NS-Hintergrund gemacht haben.

- Der Andrea-Kiewel-Preis für Schleichwerbesünder. Vergeben vom ZDF. Bedingung: Man muss das Vertrauen seines Arbeitsgebers zunächst vollständig verspielen, dann ein Jahr lang gar nichts tun und schließlich ohne weitere Erklärung einfach auf den Bildschirm zurückkehren. Michael Ridder





 
 

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