epd: Herr Pleitgen, die Zukunft der Tour de France im deutschen Fernsehen ist derzeit ein heiß diskutiertes Thema. Die ARD will vorerst nicht mehr übertragen. Sie als EBU-Präsident haben dagegen erklärt, ARD und ZDF hätten einen Vertrag für die Zeit von 2009 bis 2011. Wie beurteilen Sie den Umstand, dass die ARD nach wie vor behauptet, sie habe keinen gültigen Vertrag für die Übertragung geschlossen?
Pleitgen: Ich habe lediglich auf die Spielregeln hingewiesen, die für alle EBU-Mitglieder gelten. Der Fall ist klar. Der Vertrag ist auch für die ARD bindend. Nun muss eine Verständigung zwischen ARD und ZDF erfolgen. Dann kommt die EBU ins Spiel. Danach der Tour-Veranstalter ASO. Dessen Antwort kann wiederum verschiedene Optionen auslösen.
Hat es Sie überrascht, wie sich die ARD geäußert hat?
Nein, eigentlich nicht. Die ARD ist nun mal ein Unikat und als solches unberechenbar. Ich habe das in der Vergangenheit oft erlebt. Es sind eben neun Intendantinnen und Intendanten, da prallen unterschiedliche Meinungen aufeinander. Deswegen sollte man die ARD nie unterschätzen. Ich liebe sie für ihre Unberechenbarkeit. Das ist ein Teil ihrer Stärke. Am Ende steht dann meist ein gemeinsames Ergebnis. Zum Vorteil der ARD und - das ist unsere vornehmste Aufgabe - zum Vorteil des Publikums, des Gebührenzahlers. Ich hoffe auch in diesem Fall.
"Nicht zu Lasten des Gebührenzahlers"
Ist es ein Zeichen von Professionalität, wenn die ARD-Programmdirektion in München offenbar die Beteiligung an Rechtekosten zusagt, ohne die Intendanten einzubeziehen und zu informieren?
Ich möchte nicht Öl ins Feuer gießen, aber ich habe dazu eine klare Meinung. Internationale Verträge bringt nicht der Klapperstorch. Da gibt es Verpflichtungen. Das müsste bekannt sein. Ich kann mich gut an meine eigene Zeit als Intendant erinnern. Da haben wir in der ARD auch Fehler gemacht. Etwa unsere Zusammenarbeit mit der Telekom bei der Tour de France. Oder die Honorarverträge mit Jan Ullrich. Oder die Schleichwerbung. Aber wir haben damals auch die Verantwortung übernommen und haben es nicht anderen in die Schuhe geschoben.
Wie kommt man jetzt aus dieser verfahrenen Situation heraus?
Alle Beteiligten werden einen vernünftigen Weg einzuschlagen haben. Das heißt vor allem, dass eine Einigung zustande kommt, die nicht zu Lasten des Gebührenzahlers geht. Und nicht zu Lasten des Ansehens des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Mit der Tour de France tauchen ja sehr grundsätzliche Fragen auf: Wie gehen wir mit der Sportberichterstattung um? Die Dopinggefahr existiert nicht nur für den Radsport - dort ist sie allerdings besonders deutlich zutage getreten. Deswegen habe ich immer dafür plädiert, dass man sich sehr grundsätzlich zusammensetzt mit Dopingexperten auch von großen Zeitungen, etwa der "Süddeutschen" oder der FAZ. Und zwar intern, nicht in öffentlichen Sitzungen. Mit Vertretern der europäischen Einrichtungen, mit dem IOC, mit dem Bundestag und auch mit dem europäischen Parlament. Man muss einen Weg finden, denn wir sind nicht nur Berichterstatter, sondern auch Vertragspartner. Das macht die Sache schwer.
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Fritz Pleitgen epd Er ist 70 Jahre alt, aber als Ruheständler kann man Fritz Ferdinand Pleitgen nun wirklich nicht bezeichnen. Der langjährige WDR-Intendant (1995 bis 2007) sitzt hauptamtlich an der Brunnenstraße in Essen, wo er für die Ruhr.2010 GmbH als Geschäftsführer die "Kulturhauptstadt 2010" organisiert. Nebenbei ist Pleitgen seit September 2006 Präsident der Europäischen Rundfunkunion (EBU) und kümmert sich um europäische Angelegenheiten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Seine Amtszeit läuft Ende Dezember ab, der Belgier Jean-Paul Philippot folgt ihm nach. Im epd-Interview mit Michael Ridder zieht Pleitgen eine Bilanz seiner EBU-Amtszeit. Er äußert sich unter anderem zu europäischen Sportrechteeinkäufen, zur Medienpolitik der EU-Kommission und zur Qualität des deutschen Fernsehens. |
Was sehen Sie als Hauptproblem für die Fernsehverträge?
Strikte Anti-Doping-Klauseln können dazu führen, dass der Veranstalter oder Rechteinhaber sagt: kein Interesse. Ein weiteres Problem ist: Wenn wir jemanden zwingen, scharf zu kontrollieren, dann ist die Wahrscheinlichkeit wesentlich größer, dass Sünder gefasst werden. Wenn wir dann aus dem Fernsehvertrag aussteigen, droht die Konsequenz, dass nicht mehr so scharf kontrolliert wird. Die Beschäftigung mit Sport gehört zu unserem Programmauftrag. Sie hat ja auch schöne Erfolge gebracht, etwa dass man junge Menschen für eine Sportart interessiert. Das haben wir zum Beispiel erlebt durch die Erfolge von Jan Ullrich, ironischerweise. Er hat eine ganze Nation aufs Fahrrad gebracht. Gesundheitspolitisch nicht schlecht, allerdings unter dubiosen Umständen, wie wir heute wissen. Die Übertragungen der Nordischen Wettbewerbe haben viele Menschen veranlasst, sich im Ski-Langlauf zu ertüchtigen. Eine gute Sache!
Welche Konsequenzen hätte aus Sicht der EBU ein Ausstieg von ARD und ZDF?
Verheerende. Weil damit das System des gemeinsamen Sportrechteerwerbs vermutlich zerstört würde, zumindest schwer beschädigt. Das will die ARD nicht, das weiß ich. Dass sie jetzt herausfinden will, was für die ARD das günstigste Ergebnis ist - das ist zulässig.
Können Sie sagen, welches Volumen die Sportrechteeinkäufe der EBU insgesamt haben und wie groß der Anteil von ARD und ZDF daran ist?
Das ist sehr unterschiedlich, weil manche Großereignisse - etwa die jüngste Fußball-EM - direkt an die einzelnen nationalen Sender vermarktet werden. Im Jahr 2007 betrug der Wert dieser EBU-Verträge 246 Millionen Euro, 2008 waren es 665 Millionen Euro. Der Anteil von ARD und ZDF liegt schätzungsweise zwischen zehn und 15 Prozent.
"Es gibt in diesem Sinne kein Kartell"
Es gibt ja auch eine grundsätzliche Kritik der Privatsender am Sportrechteeinkauf der EBU. Da wird gern von einem Einkaufskartell gesprochen, bei dem private Wettbewerber gar nicht mehr zum Zuge kommen könnten.
Die Frage ist beantwortet. Die EU-Kommission hat festgestellt, dass es in diesem Sinne kein Kartell gibt, das andere ausschließt. Wir als EBU vertreten Programmvorstellungen, die andere nicht so vertreten können. Es ist zulässig, dass man diese programmlichen Vorteile in Rechteverhandlungen einbringt. Es gibt darüber hinaus Verzahnungen. Die ARD kümmert sich um den Sport auf regionaler, nationaler und internationaler Basis, so dass man da auf eine inhaltliche Verwertungskette hinweisen kann, bis hin zu den Olympischen Spielen. Das gilt für Rudern, Kanu, Schwimmen oder Leichtathletik. Das ist für die internationalen Sportverbände hochinteressant. So werden die olympischen Sportarten zwischen den Olympischen Spielen im Gespräch gehalten und durch Sponsoren unterstützt.
Sie haben die EU-Kommission erwähnt. Diese steht ja immer wieder wegen ihrer medienpolitischen Aktivitäten in der Kritik. Jetzt wurde gerade das Beihilfeverfahren gegen ARD und ZDF abgeschlossen, schon kommt ein neuer Vorstoß aus Brüssel: Die sogenannte Rundfunkmitteilung mit Vorschriften für die Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks soll novelliert werden. Es wurde wieder ein Konsultationsverfahren eröffnet.
Ich habe bisher im Umgang mit der Kommission und dem europäischen Parlament gute und ermutigende Erfahrungen gemacht. Dabei ist es klar, dass es nicht einfach ist für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, sich so zu erklären, damit er den nötigen Spielraum behält, was Finanzierung, Programmgestaltung und technische Möglichkeiten angeht. Dies gilt insbesondere in einer Union, die einmal als Wirtschaftsunion begonnen hat. Aber inzwischen wird in den europäischen Institutionen anerkannt, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht nur ein starker Kulturvermittler ist, sondern auch Plattformen für den politischen Diskurs stellt und für den sozialen Zusammenhalt sorgt. Gut, wir werden hart, manchmal sehr hart angefasst und sehr kritisch hinterfragt, auch entnervend kritisch, aber ich kann mich an keinen Fall erinnern, wo mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk Schlitten gefahren wurde. Um nochmal auf die EBU zurückzukommen: Für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist es außerordentlich wichtig, dass er mit dem Amsterdamer Protokoll eine Verankerung im EG-Vertrag hat. Dieses Protokoll ist eine Versicherungspolice für die Zukunft. Sie ist durch die Zusammenarbeit in der EBU entstanden, aber vor allem durch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland vorangetrieben worden. Wenn ich das an einer Person festmachen soll, hat das allererste Verdienst die jetzige Generalsekretärin der ARD, Verena Wiedemann. Sie war auch entscheidend beteiligt an der zweiten Versicherungspolice des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, der Unesco-Konvention zur kulturellen Vielfalt.
Wie wird diese Vielfalt durch Aktivitäten der EBU realisiert?
ARD und ZDF sind zusammen die größten Beitragszahler in der EBU, aber auch die größten Profiteure. Im Programmaustausch, vor allem im Nachrichtenaustausch. Ob Kindersendungen, wissenschaftliche Programme oder Fiktion, das Know-how der anderen bringt frische Ideen. Im Radio ist der Austausch gigantisch. Im Übrigen machen Austausch und Koproduktionen Programme preiswerter. 1.506 Konzerte hat die ARD 2007 aus anderen Ländern übernommen, 486 hat sie selbst angeboten. Das ist es, wovon ich träume: die Schaffung und Vermittlung von Kultur. Das ist unser Programmauftrag, das bringt uns Pluspunkte beim Europäischen Parlament und der Europäischen Kommission. Das gilt auch für das Fernsehen, sogar für die Unterhaltung. Der größte Erfolg ist hier der Eurovision Song Contest, der für uns wichtig ist, weil wir damit jüngeres Publikum ansprechen. Es läuft für uns Deutsche nur etwas unglücklich, weil wir ständig auf den letzten Plätzen landen. Tröstlich ist der hohe Zuschauerzuspruch. In Europa waren es beim letzten Mal 110 Millionen Zuschauer. Wir sind nach Belgrad gegangen. Das hat der europäischen Idee in Serbien einen großen Dienst erwiesen. Die EBU ist wie geschaffen dafür, zur Verständigung in Europa beizutragen. Sie ist 1950 gegründet worden, das Konzept ist schon in den 20er Jahren entstanden, als das Radio soeben seinen Erfolgsweg angetreten hatte. Die Montanunion als Vorläufer der EU wurde erst 1953 gegründet.
"Großen Respekt vor dem Rundfunkrat des WDR"
Ich möchte noch einmal auf ein Detail dieser neuen Kommissionsvorschläge kommen, verbunden mit der Frage, wie dies innerhalb der EBU diskutiert wird. Da wird ja verlangt, dass öffentlich-rechtliche Sender durch externe Stellen kontrolliert werden sollen und nur in Ausnahmefällen durch anstaltsinterne Gremien. Die EU-Medienkommissarin Viviane Reding hat neulich gesagt, die Prüfung durch Rundfunkräte sei ein "deutscher Sonderweg", der nur unter ganz bestimmten Bedingungen möglich sei.
Da hat sie recht. Das deutsche Gremiensystem ist im europäischen Vergleich nicht das schlechteste. Im Amsterdamer Protokoll steht, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk in erster Linie Sache der Mitgliedstaaten ist, und seine Finanzierung auch. Er darf nur nicht den internationalen Handel und Wettbewerb stören. In diesem Spannungsfeld eine EU-Norm zu erarbeiten, die die besonderen Befindlichkeiten der Mitgliedstaaten berücksichtigt, ist keine leichte Sache. Schon die EBU hat große Schwierigkeiten, auf diese Frage eine gemeinsame Antwort zu geben. Es herrschen zum Teil erhebliche Unterschiede in den Auffassungen von der BBC, France Télévisions, RAI, RTVE, ARD und ZDF. Die EU muss dazu auch noch die Vorstellungen der privaten Rundfunkanbieter und Verleger berücksichtigen. Die Mitteilungen der Kommission waren aber immer für uns akzeptabel.
Sie waren zwölf Jahre lang Intendant des WDR. Der Rundfunkrat des WDR gehört zweifellos zu den aktiven und kompetenten Rundfunkräten innerhalb der ARD. Trotzdem gibt es öfter den Einwand, dass die ehrenamtlichen Räte überfordert seien könnten, wenn sie - wie im kommenden Rundfunkstaatsvertrag vorgesehen - neue Angebote der Sender in einem Drei-Stufen-Test prüfen sollen.
Ich habe immer großen Respekt vor dem Rundfunkrat des WDR gehabt, weil ich das Engagement der Mitglieder und die Bereitschaft gesehen habe, sich in schwierige Verfahren hineinzuarbeiten. Das passiert mit Verantwortungsbewusstsein, aber auch mit Lust und Leidenschaft. Das muss ein Intendant aushalten. Ich traue diesem Gremium absolut zu, ein geeignetes Verfahren für den Drei-Stufen-Test zu entwickeln Der Rundfunkrat des WDR wird diese Aufgabe mit Freude schultern und den Beweis liefern wollen, dass er sie höchst verantwortlich erfüllt.
Ein strittiges Thema mit der EU-Kommission ist auch die Frequenzverteilung für die Zeit nach der Digitalisierung. Frau Reding will gern einen Teil des Frequenzspektrums für Mobilfunkanbieter öffnen.
Da ist man auf einem ganz vernünftigen Weg. Hier treten die kommerziellen Sender auf unserer Seite an. Wir müssen darauf hinwirken, dass in Zukunft nicht Frequenzen wegauktioniert werden, die wir für die Erfüllung unseres Auftrags dringend benötigen. Denn die Ansprüche werden höher, etwa durch technische Neuerungen. HDTV zum Beispiel braucht eine ganz andere Kapazität, als das bei den jetzigen Standardverfahren der Fall ist. Das, was wir durch die Digitalisierung gewinnen, muss wieder dafür eingesetzt werden. Es würde zum Stillstand führen, wenn diese Fragen nicht in einer sehr harten und kritischen Auseinandersetzung ausgefochten würden. Man ist nicht immer von Glücksgefühlen durchströmt, wenn man Brüssel nach Verhandlungstagen verlässt. Aber beim Telekom-Paket bewegt man sich jetzt auf eine gute Lösung zu.
"Ein ständiges Bohren dicker Bretter"
Sie haben in der Zeit Ihrer EBU-Präsidentschaft sicher viel Einblick gewonnen in die öffentlich-rechtlichen Rundfunksysteme anderer Länder. Gibt es Entwicklungen, die Sie mit Sorge erfüllen? Etwa bestimmte politische Bestrebungen?
Ja. Ich sehe diese Bestrebungen insbesondere in Zentral- und Osteuropa. Hier muss die EBU Hilfe leisten. Wir erleben in Polen, dass die Finanzierung durch Gebühren von der neuen Regierung total in Frage gestellt wurde. Ich bin deshalb dort gewesen und sehr ehrenvoll im Parlament begrüßt worden. Die Bedeutung der EBU für Europa wird in Warschau durchaus anerkannt, aber als Einzelkämpfer kann ich keine starke Strömung allein umdrehen. Der Zug war schon ziemlich weit abgefahren. Auch in Ungarn waren wir tätig, zusammen mit EU-Kommissarin Viviane Reding. Sie hat mit deutlichen Worten angemahnt, was ein freier, demokratischer Rundfunk zu leisten hat. Das war ein sehr wirkungsvoller Auftritt, der dem dortigen Fernsehsender MTV aus einer schwierigen Lage wenigstens vorübergehend geholfen hat. Es ist ein ständiges Bohren dicker Bretter. Auch im Kosovo haben wir mit der EBU eine vermittelnde Rolle gespielt. Hier, wo sich insbesondere Albaner und Serben in einem erbitterten Krieg Schlimmstes angetan haben, kommt es besonders auf einen guten Rundfunk an, um für Verständigung zu sorgen.
"BBC bleibt unerreicht"
Blicken wir auf die Mutter aller öffentlich-rechtlichen Sender, die immer noch als weltweites Paradigma gilt: die BBC. Sie ist wieder mal in Turbulenzen geraten, es gab diverse Skandale, die breit in der Öffentlichkeit diskutiert wurden, und laut Umfragen schwindet die Akzeptanz. Außerdem gibt es in der Politik und in der Medienaufsicht Bestrebungen, dass die BBC einen Teil ihrer Gebühreneinnahmen anderen Fernsehsendern zur Verfügung stellen soll. Besorgniserregend?
Ja, klar. Wenn bei der BBC etwas sehr Grundsätzliches passiert, dann hat das Auswirkungen auf die anderen Rundfunkanstalten in Europa. Auch auf ARD und ZDF, die der BBC sehr verwandt sind, weil sie deren System geerbt haben. Nun wissen wir, dass die BBC schon öfter unter heftigem Druck gestanden hat. Am Ende wurde dann doch immer wieder erkannt, welche Bedeutung dieser Sender für Großbritannien und die Welt hat. Es gibt keinen anderen Rundfunk, der an die Reputation der BBC heranreicht. Ich bin deshalb sicher, dass die BBC diese Attacken unbeschadet überstehen wird. Es kann nicht mit Pfund und Euro aufgewogen werden, was die BBC leistet, besonders in Kriegs- und Krisenzeiten. Das ist das Vorbild. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat eine Berichterstattung zu liefern, an der sich die Menschen orientieren können, mit der sie sich seriös informiert fühlen. In dieser Hinsicht bleibt die BBC unerreicht. Authentische Berichterstattung zu leisten, das ist die Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Deshalb behält er seine Bedeutung auch im Informationszeitalter, denn Regierungen, Organisationen und andere Einrichtungen setzen mehr und mehr Agenturen ein, um ihre Wahrheit unter die Leute zu bringen. In Wirklichkeit betreiben sie aber Desinformation, die - im Fall Irak - zu Kriegen führen kann. Im Kaukasuskrieg haben wir das wieder erlebt. Dagegen sind Sender von der weltweiten Bedeutung einer BBC eine Versicherung. Das Schicksal der BBC kann uns deshalb nicht gleichgültig sein.
Stichwort Auslandsberichterstattung: Sie habe neulich in einer Preisrede gesagt, ARD und ZDF müssten auf einen starken Auslandsjournalismus setzen und auch zur besten Sendezeit Dokumentationen ausstrahlen. Das entspricht aber nicht so ganz dem heutigen Programmschema von ARD und ZDF, oder?
Dieses Schema unterliegt ständigen Schwankungen. Es kommt auf die Verhältnisse an. Als wir durch das starke Aufkommen von RTL und Sat.1 Mitte der 90er Jahre sehr in die Defensive geraten waren, wurde versucht, mit populären, unterhaltenden Programmen den Zuschauerschwund aufzuhalten. Ich war kein Anhänger dieser Linie, was in den einschlägigen Protokollen nachzulesen ist. Dennoch war die Programmpolitik populärer Sendungen recht erfolgreich, was die Zuschauerakzeptanz angeht. Andererseits vertrete ich auch aus unternehmenspolitischen Gründen die Meinung, dass sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk nur halten wird, wenn er seine wahren Stärken ausspielt; also in den Bereichen der Information wie Nachrichten, Magazine und Dokumentationen sowie des Fernsehfilms. Bei gutgemachten Sendungen kommen auch entsprechend große Zuschauerschaften zusammen.
"Starke Kultursendung"
Da unsere kommerzielle Konkurrenz uns in dieser Hinsicht keine Konkurrenz bietet, darf man auf diesem Feld durchaus entschlossen auftreten. Wir könnten uns das leisten, ohne einen schweren Einbruch bei der sogenannten Quote befürchten zu müssen. Das Gleiche gilt für die Kultur. Im Hauptprogramm sollte meines Erachtens eine starke Kultursendung vertreten sein. Solche Programme sichern das Überleben des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Sicher, es gilt auch die Erkenntnis, dass sich die Gebührenfrage ebenfalls stellt, wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk quantitativ unter eine Relevanzschwelle fällt. Es ist also ein Kurs zwischen Skylla und Charybdis. Zwischen dem Untergang wegen programmlicher Bedeutungslosigkeit und dem schleichenden Tod wegen Fernbleibens des Publikums. Darüber haben wir in der ARD immer wieder kontrovers diskutiert. Das ist das Prickelnde an dieser schönen Organisation, dass sich in ihr die Argumente hart im Raume treffen. Die interne Kampfbereitschaft der ARD hat mich gut geschult. Insofern war ich bestens trainiert für den Präsidentenposten bei der EBU, denn da treffen die Kulturen genauso heftig aufeinander. Ich habe 28 lebhafte Monate hinter mir, die ich nicht missen möchte, obwohl sie mich viel Zeit und Kraft gekostet haben. Heute Morgen um 5.49 Uhr hatte ich zum Beispiel schon die erste Mail aus Singapur, weil wir dahin den Eurovision Song Contest verkauft haben und es plötzlich unangenehme Kollisionen mit unserer asiatischen Schwesterorganisation ABU gibt.
Bei der ARD gab es kürzlich auf einem Schlüsselposten eine Veränderung: Volker Herres hat Günter Struve als Programmdirektor des Ersten abgelöst. Sehen Sie Indizien, dass es unter Herres mehr in die Richtung gehen könnte, die Sie eben skizziert haben?
Günter Struve hat wie Winkelried oft die Speere auf sich gezogen. Er hatte die Gabe, dies zu tun, indem er auf erfrischend provozierende Weise seine Vorstellungen äußerte. Er war ein starker Programmdirektor, oft der Gegenpol meiner öffentlich-rechtlichen Vorstellungen. Aber ich habe ja gerade ausgeführt, dass wir programmlich zwischen zwei schwierigen Polen zu operieren hatten. Dabei ist meist ein erträglicher Mittelkurs herausgekommen.
Sie haben angemahnt, dass es jetzt mehr in die andere Richtung gehen sollte.
Ja, sicher. Wenn ich allein am Werke wäre, würden wir wahrscheinlich ein stark öffentlich-rechtlich akzentuiertes Programm machen. Ich bin mir nur nicht sicher, wie das mit der Quote aussähe. Also: Struve hat große Verdienste um die ARD, Volker Herres wird sich diese erwerben. Das Können dazu besitzt er. Er wird natürlich einen anderen Stil einführen, er wird andere Vorstellungen haben. Vieles hängt von der Konkurrenz ab. Bis vor zehn Jahren war nicht daran zu denken, dass wir bei der Quote mal wieder Spitzenreiter sein könnten, was inzwischen seit Jahren der Fall ist. Deshalb könnte man heute wieder mehr "riskieren". Es ist im Grunde kein Risiko, es ist unser Programmauftrag.
"Die guten Programmplätze sind verspielt worden"
In jüngster Zeit haben sich viele Auslandskorrespondenten über die Zusammenarbeit mit den Heimatredaktionen beschwert. Da gab es etwa den Fall Tilgner beim ZDF. Was müssen die Sender im Sinne ihrer Korrespondenten ändern?
Die ganze Auslandsberichterstattung sollte von höchstverantwortlicher Seite diskutiert werden. Es geht schließlich um ein Kernelement unseres Auftrags. Es geht zugleich um eine große Chance. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk investiert enorm viel in die Auslandsberichterstattung. Das muss anerkannt werden. Sein Engagement ist im Vergleich zu früher größer und nicht kleiner geworden. Die Präsenzmöglichkeiten im Programm sind für die Korrespondenten heute wesentlich zahlreicher, als das früher der Fall war. Es gibt weit mehr Auslandsplätze. Dafür bieten die Dritten Programme viel Raum, ebenso Phoenix, 3sat, ARTE. Was sich verändert hat, ist allerdings die Präsenz im Ersten.
Aber - ich war ja auch Auslandskorrespondent - die guten Programmplätze sind verspielt worden. Die Angebote damals konnten in dem programmlichen Umfeld qualitativ nicht mithalten. Man merkte oft, dass die Features nebenher produziert wurden, denn die Korrespondenten hatten ja auch noch die Aktualität wahrzunehmen. Bei einer großen Produktion muss ein Autor im Grunde drei Monate Zeit haben, um sich nur mit dieser Aufgabe zu beschäftigen. Wenn wir beispielsweise BBC-Niveau erreichen wollen, dann müssen wir darüber nachdenken, wie wir unsere Mittel einsetzen. Andererseits sind Auslandsdokumentationen enorm preiswert, weil sie in einer sehr hohen Frequenz wiederholt werden. Ein preiswerteres Programm gibt es kaum. Diese Sendungen werden immer gerne gesehen. Wenn man die Zuschauerschaften zusammenzählt, kommt leicht eine Zahl zustande, wie bei einer Unterhaltungssendung, allerdings bei weit geringeren Produktionskosten. Durch Verkauf im Ausland lässt sich sogar Geld verdienen.
"Frust und Zwist"
Die Sender müssen also bereit sein zu investieren, und die Korrespondenten müssen professionell produzieren?
Die Korrespondenten sind schon Profis. Es kommt nur darauf an, wie viel Zeit sie haben. Hier kommen wir zur alten Streitfrage: Wird bei großen Sachen der Korrespondent vor Ort eingesetzt oder ein Sonderreporter aus der Zentrale? Dies kann leicht zu Frust und Zwist führen, wenn der Korrespondent vor Ort erleben muss, dass die attraktiven Programme von einem Menschen aus der Heimatredaktion wahrgenommen werden. Wie auch immer: Es kommt auf die Investition von Zeit und Geld an, wenn es um die Qualität geht. In dieser Hinsicht lohnt ein Blick auf die BBC. Wir kaufen von ihr ja ständig Produktionen und halten den Atem an, weil sie so erstklassig gemacht sind.
Was genau könnte man von der BBC noch lernen?
Es geht darum, wie ein Team für eine Auslandsdokumentation aufgestellt wird. Da muss natürlich eine penible Recherche vorangehen, mit Besuchen der Drehorte, mit dem Schreiben der Treatments und mit der notwendigen Ruhe beim Drehen. Das ist kostspielig. Ich kenne das. Ständig fragt man sich: Können wir uns das leisten, so lange zu warten, bis die äußeren Bedingungen optimal sind? Um Ihnen ein Beispiel zu geben: Als wir den Film "Väterchen Don" drehten, der Weihnachten im Ersten läuft, brach plötzlich Tauwetter aus. Wir haben einfach weitergemacht, obwohl der ganze Charme weg war. Die betäubende Schönheit des im blütenweißen Schnee strahlenden Russlands konnten wir nicht mehr bieten. Es war die Tristesse. Aber wir haben gesagt: Gut, wir machen keinen Puderzuckerfilm. Es geht nicht um Schönheit, es geht um Realität.
Zum Abschluss eine persönliche Frage: Werden Sie nach Ihrem Ausscheiden als EBU-Präsident noch irgendein Amt in der Rundfunkszene haben? Streben Sie eines an?
Nein. Ich hatte sowieso mit dem Management Schluss machen wollen, um nur noch als Autor tätig zu sein. Aber das wird mir vorerst nicht gelingen, weil meine volle Konzentration hier in Essen der Kulturhauptstadt Europas 2010 gilt. Für die war ich bislang schon 40 bis 50 Stunden pro Woche unterwegs, 20 Stunden kamen sicher für die EBU hinzu. Also: Ein weiteres Amt strebe ich nicht an. Es war aber bisher in meinem Leben so, dass mir immer andere ein Amt angeboten haben. Die Konzentration auf die Kulturhauptstadt bis Ende 2010 ist nun Arbeit genug. Sie ist weit schwieriger als das, was ich vorher gemacht habe. Die Zeit als WDR-Intendant habe ich dagegen als wunderschöne Kür in Erinnerung.
Angenommen, es kommt so und Sie werden kein offizielles Amt mehr haben ? was wird Ihnen am meisten fehlen aus dem WDR oder der ARD?
Fehlen wird mir nichts, denn ich habe ja weiter den Kontakt mit meinen Kolleginnen und Kollegen, auf gleicher Augenhöhe. Ich war früher kein Chef, der auf einem Podest gestanden hat. Fehlen wird mir, dass der eine oder andere Kollege nicht mehr dabei ist. Mir ist der Tod von Heiko Engelkes sehr nahegegangen. Er war der Kollege im WDR, den ich am längsten kannte. Dass er nun so plötzlich gestorben ist, hat mich sehr getroffen. Fehlen würde mir auch, wenn ich nicht mehr als Filmemacher oder Buchschreiber unterwegs sein könnte. Ich hoffe, dass ich dafür die Fitness erhalten kann.
epd medien Nr. 95 vom 29. November 2008