MEDIEN
AKTUELLES HEFT
INTERVIEWS
MEDIENLINKS
SERVICE
WEB-ARCHIV
DAS RESSORT
HOME
SUCHE
ADRESSEN
PRODUKTE
LINKS
SITEMAP
Dokumentation
Film
Medien
Sozial
Bayern
Hessen
Niedersachsen-Bremen
Nord
Ost
Rheinland-Pfalz/Saarland
Südwest
West
Bilddatenbank
Grafikdatenbank
Die Nachrichten-Agentur
Anzeigen
Freie Stellen
Kontakt
Impressum
   
Abonnieren Sie unsere Newsletter! Druckversion Empfehlen Sie die Seite weiter! Bestellen Sie direkt!
  Hochinteressanter Zwitter
"Mogadischu", Regie: Roland Suso Richter, Buch: Maurice Philip Remy, Kamera: Holly Fink, Produktion: teamWorx, (ARD/Degeto/SWR/BR, 30.11.08, 20.15-22.00 Uhr)


epd   Das Thema ist offenbar fällig. Erst gab es, vor einigen Wochen im Kino, den "Baader-Meinhof-Komplex", jetzt wird Christian Klar, Terrorist der zweiten Generation, nach 26 Jahren Haft entlassen. Und die Witwe des Flugkapitäns Schumann, der 1977 in der zur Freipressung der RAF-Spitze entführten Lufthansa-Maschine "Landshut" ermordet worden war, sitzt bei Kerner in der Talkshow und sinniert über Rache, Reue und RAF. Und nun kommt noch ein Film zum Thema: Roland Suso Richters "Mogadischu", ein hochinteressantes Filmexperiment über den "Deutschen Herbst". Die Witwe Schumann war bei der Premiere dabei und mochte den Film.

Dem Genre nach ist "Mogadischu" ein Katastrophenfilm. Ein Großteil der Handlung spielt im Bauch der "Landshut", das Publikum hat Gelegenheit, sich in die klaustrophobische Situation der 82 Passagiere und der fünf Besatzungsmitglieder einzufühlen. Es herrscht Todesangst. Die vier EntführerInnen drohen sehr überzeugend. Die Fluggäste zittern, beten, weinen, nässen ein, einige versuchen, die Fassung zu bewahren. Wie soll das gelingen?

Der Irrflug der "Landshut" führt von Mallorca über Rom, Dubai, Aden nach Mogadischu. Die Geiseln leiden. Die Entführer, allen voran der infantil-brutale Chef des Trupps, der sich Captain Mahmud nennt, schüren die Panik. Sehr bald, nach dem Outing der Entführer und den ersten gewaltförmigen Demütigungen der Piloten und Passagiere erreicht die aus Angst und Qual zusammengesetzte Spannung ihren Höhepunkt und verharrt dort.

Es gibt kleine Spannungsabfälle, so wenn den Entführern vorgespiegelt wird, sie hätten ihr Ziel erreicht, und die Geiseln Hoffnung schöpfen, aber das sind bloße Intermezzi, die an der schwierigen Grundsituation nichts ändern: dass in diesem Film die Spannung schnell hochsteigt wie ein Flugzeug nach dem Start, dann ihre Flughöhe erreicht hat und dieses Niveau hält, bis die Geschichte dann doch relativ glimpflich ausgeht. Und so eine Komposition ist für einen Katastrophenfilm atypisch, weil sie die Zuschauer, denen keine Abwechslung gegönnt wird, tendenziell überfordert.

Das ist in der Tat eine schwierige Situation für den Filmemacher. Was soll er tun, wenn er die Spannungshöhe nicht mehr variieren kann und ihm keine Nebenhandlung, nur eine problematische Parallelhandlung zur Verfügung steht?

Der klassische Katastrophenfilm rettet sich in die Individualisierung. Er richtet das Vergrößerungsglas auf ein, zwei, drei Personen, die zur Identifikation freigegeben werden, so wie Regisseur Richter das in "Dresden" auch gemacht hat. Aber bei der historisch genauen Nachzeichnung, die sich die "Mogadischu"-Macher aufgegeben haben, ging das so nicht. Weder Richter noch sein Autor Maurice Philip Remy konnten den üblichen Ausweg beschreiten, denn sie wollten und mussten Rücksicht darauf nehmen, wie es wirklich gewesen war. Zwar ist "Mogadischu" ein Fernsehfilm aus der Abteilung Fiktion, aber er sitzt so nahe an den Realitäten, dass die freie Erfindung zu schweigen hat, dafür aber das Gewissen des Dokumentaristen ständig klopft. Der Film "Mogadischu" ist deshalb so interessant, weil er dem Etikett zufolge ein Spielfilm ist, dem Geist zufolge aber eine Dokumentation. Ein Zwitter sozusagen.

Es sollte ja auch alles stimmen. Autor Remy hat recherchiert und "in echt" wiedergegeben, wie es damals in der "Landshut" ablief. Und da lief es eben nicht ab, sondern es stockte. Da blieb über unerträglich lange Stunden alles so, wie es bei einer Entführung nun mal ist: Man wartet. Bei allen Beteiligten liegen die Nerven blank. Die Täter brüllen, die Opfer flehen, Täter und Opfer schließen mit ihrem Leben ab. Und auch die Zuschauer müssen da durch. Die dokumentarische Seite des Unternehmens "Mogadischu" zwang die Macher, alle üblichen Erwartungen, die ein Publikum an einen Katastrophenfilm richten kann, zu durchkreuzen. Es gab keine Steigerung, keine Fermaten und nur wenige Ausflüge in andere Situationen. Es gab die hervorragenden Schauspieler-Leistungen von Thomas Kretschmann als Pilot Jürgen Schumann und von Said Taghmaoui als Captain Mahmud.

Die andere Situation ? das war die "kleine Lage", sprich der interne Berater-Kreis um den damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt. Christian Berkel spielt den Alt-Kanzler, er hat dessen Bewegungen und Redeweise studiert, er sieht ihm - mit Tolle - verblüffend ähnlich. Schon der erste Auftritt Berkels als Schmidt weckt Erinnerungen an das "Todesspiel" von Heinrich Breloer, der vor elf Jahren zum selben Thema die Doku-Drama-Form wählte, also dokumentarische Passagen mit Spielszenen mischte. Damals war diese Form umstritten. Wirkte es nicht immer ein wenig peinlich, wenn Schauspieler versuchten, wie Personen der Zeitgeschichte zu agieren und auszusehen, und sollte man nicht, wenn dokumentarisches Material fehlte, darauf verzichten, dieses Loch durch Reenactments zu stopfen?

Die Peinlichkeit des "Als ob" ist selbst im Fall, wo der Impersonator seine Sache gut macht ? wie Berkel, wie auch Jürgen Tarrach als Wischnewski ? einfach nicht wegzudiskutieren. Sie stellte sich auch bei "Mogadischu" ein und gab dem gesamten Werk einen Drall in Richtung Reenactment. Damit aber handelte sich der Film auch die Unbeholfenheit dieser Form ein, ihren Mangel an Fluss, ihr bemühtes: "Schaut her, so war es wirklich."

Die Akzeptanz des Films wird bei jedem Zuschauer davon abhängen, welches Vorwissen er hat und was es für ihn persönlich bedeutet, noch einmal in die letzten Tage der RAF und ihren Wahn vom bewaffneten Kampf zurückzutauchen. Die Älteren werden Interesse entwickeln, die Jüngeren sich vielleicht abgeschreckt fühlen. Es sei denn, sie sind bereit, als Zuschauer nicht immer nur ihren Spaß zu suchen.

Barbara Sichtermann

epd medien Nr. 95 vom 29. November 2008






 
 

© epd Hinweis zum Urheberrecht

 

 
Evangelischer Pressedienst, Emil-von-Behring-Straße 3, 60439 Frankfurt am Main
info@epd.de