Essen (epd). Die WAZ-Mediengruppe will ihre osteuropäischen Zeitungen künftig besser kontrollieren. Die bisherige Verlagspolitik, sich bei den osteuropäischen Titeln nur um verlegerische Aufgaben zu kümmern, und die Inhalte allein der Chefredaktion zu überlassen, könne wegen negativer Erfahrungen so nicht mehr aufrechterhalten werden, sagte WAZ-Geschäftsführer Bodo Hombach dem epd am 19. November.
Verträge, die eine redaktionelle Einmischung prinzipiell ausschlössen, würden künftig nicht mehr unterzeichnet, so Hombach. Dabei gehe es der WAZ allerdings nicht darum, sich in die Politik anderer Länder einzumischen. Stattdessen müssten journalistische Qualitätsstandards und die Wahrhaftigkeit der Berichterstattung gesichert werden.
Damit reagiert die WAZ unter anderem auf die Kritik an zwei bulgarischen Tageszeitungen, an denen sie beteiligt ist. Die bulgarischen WAZ-Titel "24 Stunden" und "Dneven Trud" waren unter anderem im "Spiegel" (Ausgabe 19. November) für "Hasskampagnen" gegen die Kunsthistorikerin Martina Baleva kritisiert worden. Diese hatte das 1892 entstandene Gemälde "Das Massaker von Batak" analysiert und herausgefunden, dass es nicht auf Original-, sondern auf nachgestellten Fotos beruhte.
"Das Massaker von Batak" ist Teil des bulgarischen Gründungsmythos. Es bezeichnet ein Massaker während der türkischen Fremdherrschaft 1876 an der Bevölkerung von Batak im heutigen Bulgarien. Baleva fand heraus, dass die Opferzahlen der Schlacht damals aus patriotischen Gründen gefälscht worden waren. Sie geriet aufgrund ihrer Forschungen in das Visier bulgarischer Nationalisten. Eine im Frühjahr in Sofia geplante Tagung zu dem Thema in Zusamenarbeit mit dem Deutschen Historischen Museum Berlin und der FU Berlin wurde abgesagt. Auch die Medien heizten die Stimmung an, so dass Baleva sich inzwischen in Deutschland aufhält und eine Rückkehr nach Bulgarien aus Angst vor Verfolgung derzeit ausschließt.
"Zu Toleranz ermutigen"
Die zur WAZ gehörende Tageszeitung "Dneven Trud" druckte einen Artikel mit der Überschrift "Schindluder mit den Knochen von Batak", in "24 Stunden" drohte der Direktor des Nationalhistorischen Museums Balevar an, Baleva wegen "Leugnung des Holocausts" zu verklagen. Das Massaker selbst hatte die Kunsthistorikerin allerdings nicht in Zweifel gezogen.
Die WAZ hatte bereits am 16. November mitgeteilt, dass sie den Generalsekretär der Internationalen Journalistenvereinigung IFJ, Aidan White, um Beratung gebeten habe. Journalisten und Medien müssten gleichermaßen aufpassen, nicht unwissentlich zum Transportmittel für Intoleranz und Hass zu werden, hatte die WAZ mitgeteilt. "Die Debatte ist über die Standards eines robusten, demokratischen Austausches hinausgewachsen, wenn eine Atmosphäre der Einschüchterung geschaffen wird, die jemand dazu bringt, das Land zu verlassen", hieß es. Wenn Fehler gemacht worden seien, müssten sie korrigiert werden. Vor allem müsse der Tonfall der Berichterstattung zu freier Meinungsäußerung und Toleranz ermutigen.
Konkrete Maßnahmen werde die WAZ bei der Journalistenaus- und -weiterbildung treffen, sagte Hombach. Auch dazu diene die Kooperation mit der IFJ, die Inhalte und Konzepte dieser Ausbildung erarbeiten und nach Möglichkeit auch die entsprechenden Kurse anbieten solle.
Weitere Aufgabe der IFJ solle sein, WAZ-Medien zu beobachten und Fehlentwicklungen zu melden. "In solchen Fällen werden wir handeln und haben es auch in der Vergangenheit getan", sagte Hombach. Kürzlich habe sich der Verlag von einem Titel in Montenegro getrennt, nachdem bekanntgeworden sei, dass die dortige Geschäfts- und Redaktionsleitung die Tageszeitung offenbar zur Manipulation von Aktienkursen missbraucht hatte.
Hombach sagte, eine Vereinbarung zur Kontrolle der Medien der WAZ-Gruppe, wie sie nun mit der IFJ wieder getroffen worden sei, habe ursprünglich auch mit der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) bestanden. Nach dem Weggang des SPD-Politikers Freimut Duve als Beauftragter für die Freiheit der Medien 2004 habe sich dessen Nachfolger Miklós Haraszti jedoch für nicht mehr zuständig erklärt. Die dadurch entstandene Lücke werde nun wieder gefüllt und durch neues und zusätzliches Engagement belebt.
hen
aus epd medien Nr. 92 vom 21. November 2007