epd: Vor 40 Jahren startete Ö1. Wenn Sie jetzt eine vorläufige Bilanz ziehen - was sehen Sie als die größte Errungenschaft?
Treiber: Die größte Errungenschaft war, da bin ich mir ziemlich sicher, wie sich die Einstellung der Mitarbeiter gewandelt hat. Ich nehme mich da selbst nicht aus. Damals war der Sender neu, viele Leute waren jung und neu, und sie haben ihre Sendungen in erster Linie für sich selbst gemacht, bestenfalls noch für einen Freundeskreis. Wenn die Sendungen auch noch einem größeren Publikum gefallen haben, war das schön. Wenn nicht, war es egal. Heute, und da kann ich für ziemlich alle Mitarbeiter sprechen, sind wir der Meinung, dass das Publikum das Recht hat, das für es adäquate und gewünschte Programm zu bekommen. Wir haben uns sehr angestrengt, Medienforschung betrieben, an der Feinjustierung der Schemata gearbeitet, um immer näher an unser doch sehr spezielles Publikum heranzukommen.
„Sensationell erfolgreich“
Darin waren Sie dann aber doch sehr erfolgreich.
Wir haben bei Gründung des Senders 1967 einen bescheidenen Publikumserfolg gehabt. Man ist davon ausgegangen, dass für ein Kultur- und Bildungsradio nur eine sehr kleine Minderheit ansprechbar ist. 1994, zu dem Zeitpunkt, als ich Senderchef geworden bin, hatten wir 4,9 Prozent Tagesreichweite, das waren ungefähr 350.000 tägliche Zuhörer. Heute haben wir 8,8 Prozent Tagesreichweite, das sind etwa 650.000 tägliche Hörer. Absolut genommen ist das natürlich keine enorme Zahl. Österreich ist ein kleines Land, und der kleine Markt ist in vielerlei Hinsicht ein Nachteil. Mit solchen Reichweiten in einem größeren Land würden wir als sensationell erfolgreich auffallen.
Sie haben aber auch viel Werbung für das Programm Ö1 betrieben.
Klappern gehört zum Geschäft, das ist eine Binsenweisheit, aber sie ist richtig. Das Produkt muss stimmen, das ist die Grundvoraussetzung, aber dann muss es auch noch verkauft werden. Wir hatten auch einmal die kindische Vorstellung, dass sich ein gutes Programm von selbst verkauft, weil die gescheiten Leute wissen, was sie davon haben. Aber das funktioniert so nicht. Deshalb haben wir der Kommunikation große Aufmerksamkeit geschenkt. Ich sage das deswegen so unpräzise, denn Marketing allein würde zu kurz greifen. Kommunikation schließt vieles ein, von der Werbung bis zum Kontakt im Internet.
„Etwas Kulinarisches“
Ö1 hat einiges außerhalb des Programms unternommen, Publikum an sich zu binden. Es gibt einen Ö1-Club, eine Zeitschrift, im Funkhaus das Kulturcafé - was sind das für Aktivitäten?
Uns war klar, wenn Zeitungen selber Radio veranstalten, werden sie immer weniger Grund haben, über unser Programm zu informieren. Deshalb haben wir beschlossen, unser eigenes Programmheft zu machen. Daraus hat sich dann die Idee entwickelt, einen Ö1-Club zu gründen - diese Idee habe ich vom Schweizer DRS2 „geborgt“. Wir dachten, dass wir etwas mehr als 4.000 zahlende Clubmitglieder brauchen, um die Zeitung zu finanzieren. Innerhalb von zwei Monaten waren es dann schon 6.000. Inzwischen hat der Ö1-Club 55.000 Mitglieder. Sie zahlen im Jahr 23 Euro Mitgliedsbeitrag. Das ist für sie nicht viel Geld, aber für uns ein wesentlicher Anteil für alle unsere Marketingaktivitäten.
| Das Kultur- und Infoprogramm Ö1
epd Ö1, das Kultur- und Informationsradio des öffentlich-rechtlichen Österreichischen Rundfunks (ORF), hat am 1. Oktober sein 40-jähriges Bestehen gefeiert. Der Sender verfügt über ein Personal- und Programmbudget von etwa 31 Millionen Euro pro Jahr und ist auch über das Web zu empfangen (http://oe1.orf.at/konsole/ live). Alfred Treiber, Jahrgang 1944, ist seit 1995 Programmchef des Kanals, zuvor war er Chef der Hauptabteilung Literatur und Feature. Unter der Leitung Treibers ist die Beliebtheit des Senders bei den Hörern gestiegen: Im Jahr 2006 erzielte Ö1 eine Reichweite von 644.000 Hörern täglich (8,8 Prozent). Unser Mitarbeiter Fritz Wolf sprach mit Treiber über die Perspektiven für Kulturradios in einem konkurrenzstarken Medienumfeld. |
Außerdem waren wir der Meinung, zur Hörerbindung gehöre auch, dass wir unser Publikum hereinholen müssen, auf verschiedene Art und Weise, mit Führungen, mit Veranstaltungen im Sendesaal. Und dann wollten wir die Leute nicht nur hereinbitten und dann wieder wegschicken, sondern ihnen auch etwas Kulinarisches bieten. Also haben wir vor zehn Jahren ein Radiocafé gebaut. Dort ist auch gleichzeitig ein Studio eingerichtet worden und es finden kleinere Veranstaltungen statt. Das haben wir Radiokulturhaus genannt. Es wird nicht mit dem Programmbudget finanziert, sondern finanziert sich selbst durch Ticketverkauf.
Schließlich haben wir uns noch gesagt: Wir produzieren doch viel Inhalt, der die Leute interessieren könnte. Radio ist ein flüchtiges Medium, und wenn jemand etwas verpasst hat, ist es weg. Heute produzieren wir von Sendungen oder von Veranstaltungen im Radiokulturhaus etwa 50 CDs im Jahr, und das sind finanziell relativ erfolgreiche Nischenprodukte. Uns kostet ja die Produktion des Inhaltes nichts mehr.
„Wildes Durcheinander“
Als vor 40 Jahren Ö1 zu senden anfing, sprach man von einem Strukturprogramm. Wie war die Ausgangslage?
Was wir vorher hatten, nenne ich Kraut- und Rübenprogramme. Schulfunk, Landfunk, Frauenfunk, Unterhaltungssendungen, E-Musik. Ein wildes Durcheinander, von dem man gehofft hat, dass es in dieser Mischung jemanden interessiert. Es hat aber offensichtlich zu wenige Leute interessiert. Also wurde Ö1 als durchstrukturiertes Kulturprogramm entwickelt: Hier sollte sich die Kreativität Österreichs widerspiegeln, hier sollte politische Hintergrundberichterstattung zu finden sein, hier sollte Religion und Wissenschaft stattfinden. Daneben gab es in dieser Reform Ö3 als damals völlig neues Popprogramm, nach dem Muster von Radio Luxemburg, aber sehr viel mehr auf Popmusik konzentriert und auch zum Teil mit Information und Wortsendungen durchsetzt, also kein reines Berieselungsprogramm. Und schließlich noch die Regionalprogramme.
Wie untersuchen Sie, was die Zuhörer von den Sendungen von Ö1 halten?
Wir haben eine ständige Medienforschung. Und alle drei Jahre testen wir im sogenannten Radiotagebuch den Erfolg von Sendungen, auch mit Schulnoten und mit Zuhördauer, über drei Wochen hindurch. Das Publikum wird gefragt: Was haben Sie gehört? Wie haben Sie es gehört? Unter welchen Umständen? Und wie würden Sie es benoten? Das ist für uns als Ergänzung zu den Reichweiten eine sehr gute Sache, nicht nur eine quantitative, sondern eine qualitative Untersuchung.
Ihr Publikum teilt sich in drei große Gruppen: Radiohörer, die vor allem Information suchen, dann die Musikhörer und schließlich diejenigen, die sich für das kulturelle Wortprogramm interessieren. Wie balancieren Sie das aus?
Die Mischung eines solchen Mischprogramms ist schwierig. Es sind einige wichtige Dinge zu beachten. Der Rhythmus muss stimmen. Ich brauche einen Rhythmus von Wort und Musik, ich brauche einen Rhythmus zwischen Spannung und Entspannung, zwischen anstrengendem und leicht konsumierbarem Programm. Und ich brauche die passende Mischung von Sendungen. Unser Wunschziel ist eigentlich, dass uns die Hörerinnen und Hörer den ganzen Tag durchhören können, ohne dass sie es langweilig finden. Die Leute sollen uns lange hören - ohne Abschaltimpuls. Das gelingt natürlich nicht immer. Aber wir haben im Laufe der Jahre sehr viel Zeit, Geld und Energie aufgewendet, um dem schrittweise näherzukommen. Wir haben das einigermaßen erreicht. Die Reichweiten der einzelnen Sendungen sind gut ausbalanciert.
„Viel zu nervös“
Aber es sind doch nicht alle Sendungen erfolgreich. Das Hörspiel, so war in der Ö1-Zeitschrift zu lesen, tut sich schwer, auch die Wissenschaftssendung „Dimensionen“. Wie reagieren Sie darauf?
Unsere halbjährlichen Radiotests sind immer nur Momentaufnahmen. Das Hörspiel ist ein gutes Beispiel. Es ist im Jahr 2005 überdurchschnittlich gut angenommen worden, hat 2006 nachgelassen, ist jetzt aber wieder auf dem alten guten Niveau. Wir reagieren nicht sofort mit einer Programmreform, wenn einmal eine Sendeform über eine Periode hinweg nicht funktioniert. Unsere Philosophie heißt: Sinkt im Zeitraum von drei Jahren der Zuspruch für eine Sendung, wird debattiert, ob wir die Sendung einstellen sollen. Hat eine Sendung in dieser Zeit lange steigende Zahlen, dann versuchen wir meistens, einen Mehrwert herauszuholen, zum Beispiel mit CD-Produktionen. So viel Geduld erscheint mir sehr wichtig. Denn mir ist die Reaktion besonders auf dem Popsender-Sektor viel zu nervös, wenn etwas nicht gleich funktioniert.
Sind Sie schon mit Programmen richtig gescheitert?
Wir hatten eine Architektursendung, die hat ständig an Hörern verloren. Architektur ist vielleicht in der Beschreibung nicht so gut zu vermitteln. Also haben wir gesagt, es genügt, wenn sie in den aktuellen Kulturberichten in den Kulturjournalen vorkommt. Wir haben die Sendung eingestellt.
Am Abend hat das Radio einen schweren Stand gegenüber dem Fernsehen. Die Hörerzahlen gehen markant zurück. Wie gehen Sie damit um?
Wir haben uns lange Zeit mit dem Problem herumgeschlagen und einiges im Programmschema probiert. Dann sind wir zur Überzeugung gekommen, dass es keinen Sinn hat, mit dem Fernsehen zu konkurrieren. Wir müssen ein Programm als Kontrast zum Fernsehen machen und dann darauf hoffen, dass es genug Leute gibt, die zuhören. Wir haben dann auf den Abend den Konzerttermin gesetzt, von 19.30 Uhr bis 21 Uhr. Möglichst live, möglichst ereignisorientiert, möglichst wenig aus dem Archiv. Wir haben den ganzen Sommer umgestellt und nennen dann Ö1 den Festspielsender. Wir senden für Leute, die sich für die neuesten Premieren interessieren, Salzburger Festspiele, Bayreuth, auch von der Met. Für Leute, die sich dafür interessieren, ist das Fernsehen kein Konkurrent.
Wenn es das Konzertleben verlangt, dann werfen Sie aber auch schon mal das Programmschema um?
Juli und August werden immer speziell programmiert. Wir wissen, welche Festspiele und Konzerte wir übertragen, und passen das vorhandene Schema diesen Notwendigkeiten an. Musiksendungen haben dann absoluten Vorrang. Dafür gibt es einen gewissen Ausgleich, wenn unterm Jahr wortlastigere Symposien stattfinden. Dann haben wir auch keine Hemmungen, die Musikprogramme umzustoßen.
„Dem Radio gemäß“
Es zeigt sich in den letzten Jahren immer deutlicher, dass Wortsendungen das besondere Spezifikum des Radios ausmachen und dass darin möglicherweise seine Zukunft liegt. Sehen Sie das auch so?
Ich habe das immer so gesehen, und es ist bei uns auch nachgewiesen. Musiksendungen stagnieren bei uns auf hohem Niveau, die Wortsendungen gewinnen dazu. Alle Reichweitenzuwächse der letzten Jahre sind hauptsächlich dem Wort zu verdanken, mit wenigen Ausnahmen. In der Musik wächst das Interesse an moderierten Sendungen, wie morgens etwa „Pasticcio“, wo kleine Musikstücke von Moderatoren präsentiert werden. Hier entstehen originäre, dem Radio gemäße Produkte. Und schließlich sind bei uns die Journale ein wichtiger Faktor, mit steigenden Reichweiten. Und die Sendungen werden nicht kürzer, bei uns gibt es Hintergrundberichterstattung und Journale in allen möglichen Längen von zehn Minuten bis zu einer Stunde.
Andere Kultursender bauen ihr Programmschema oft mit großflächigen Programmstrecken. In Ö1 findet man eher kleinteilige Formen. Welche Überlegung steckt dahinter?
Wir haben das für uns auch ausprobiert und sind wieder davon abgekommen. Lange Programmstrecken bieten zu wenig Abwechslung. Unsere Hörer sollen durchhören und dabei möglichst viel Abwechslung haben. Das gilt auch für die Musikfarben. Wir sehen uns eher als Zug mit vielen Waggons, die jeweils eine ganz bestimmte Funktion haben. Die Waggons hängen hintereinander, und man weiß, wo der Postwaggon ist und wo der Speisewagen. Das passt besser zu den Gewohnheiten der Hörer. Unsere Morgenstrecke zum Beispiel: Das ist wie das Amen im Gebet. Das Morgenjournal dauert 22 Minuten, das weiß inzwischen jeder. Dann kommen acht Minuten Kultur. Dann kommt meistens Barockmusik, dann das zweite Morgenjournal. Danach folgt „Pasticcio“ und dann das „Radiokolleg“, der ins Moderne umgewandelte Schulfunk. Auf die Erwachsenenbildung folgt eine lange Musikstrecke und dann das Mittagsjournal. Das ist sehr klar gegliedert. Und wenn wir daran etwas ändern, dann nur in homöopathischen Dosen. Wir wissen, dass unser Publikum auf allzu viele Änderungen negativ reagiert. Ein Schema ist schwer zu lernen. Es braucht lange Zeit, bis es ins Bewusstsein des Publikums dringt.
„Qualität stimmt“
Wie stellen Sie es an, junges Publikum zu gewinnen, ohne die alten Hörer zu verlieren?
Die Jungen zu gewinnen, ohne die Alten zu verlieren, das war unser Slogan schon bei der zweiten Reform 1995. Wir haben im Programm etwas unternommen und zum Beispiel begonnen, Kabarett live zu übertragen. Und wir haben, was viel wichtiger ist, die Musikfarben verändert und uns musikalisch geöffnet. Die Klassik ist etwas in den Hintergrund getreten und neuere Strömungen sind hereingekommen: Weltmusik, Jazz und Crossover. Es war nicht mehr so wichtig, dass Klassik kommt, sondern dass die Qualität stimmt. Und schließlich haben wir im Marketing und in der Kommunikation sehr viel getan, um den jungen Hörern zu zeigen, dass das Programm nicht senil ist. Wir sind an alle Universitäten gegangen, haben Ö1 vorgestellt, ein Caféhaus dort eingerichtet, auch Programm von dort übertragen. Wir haben Festivals selbst gegründet, die ganz gut funktionieren. Eines davon heißt „Glatt und verkehrt“ und findet jedes Jahr in Krems statt. Hier wird alle mögliche Musik wild durcheinander gemixt und experimentiert.
Wie alt ist das Ö1-Publikum?
Unser Publikum ist im Durchschnitt 54 Jahre alt und leicht weiblich dominiert. Wir sind bei allen Forschungen darauf gestoßen, dass die Frauen kulturinteressierter sind als die Männer: Das hat auch Einfluss gehabt auf die Beschäftigung von Moderatorinnen und Journalistinnen.
Wie gehen Sie mit den Moderatoren und Sprechern um? Welche Standards sind da gefordert?
Wir haben das in der Information lange diskutiert. Früher haben wir Nachrichten von geschulten und ausgebildeten Sprechern lesen lassen. Dann sind wir dazu übergegangen, dass die Redakteure, die diese Nachrichten schreiben, selber lesen. Das hat zunächst einmal einen Sprachverlust bedeutet, aber es war authentischer. Wir mussten natürlich Geld investieren zur Schulung dieser Redakteure. Da gibt es einen Standard im Haus, der von eigenen Schulungskräften überwacht wird. Auch auf anderen Sektoren sprechen Autoren selbst, wenn sie es können und wenn sie es wollen. Wenn nicht, setzen wir Sprecher ein, aber das ist stark in den Hintergrund gedrängt worden.
„Höchstens Berieselungsprogramm“
Sie haben sich vor kurzem in der Ö1-Zeitschrift über die Selbstzufriedenheit und Selbstgenügsamkeit von manchen Programmchef-Kollegen gewundert. Im Herbst treffen Sie sich auf einer Tagung der Europäischen Rundfunkunion (EBU) in Berlin - was wird da diskutiert?
Die Kulturchefs werden berichten, wie es in ihren Ländern läuft, wie es mit den Reichweiten steht, wo es Erfolge gibt und wo die Probleme liegen. Ich habe mich ein wenig über die Selbstzufriedenheit gewundert, weil es manchen Kollegen gelingt, mit blumigen Worten grausam niedrige Reichweiten zu rechtfertigen. France Culture zum Beispiel hat lächerliche ein Prozent Reichweite. Das sind in absoluten Zahlen etwa so viele Hörer wie bei uns. Dann sagen die Franzosen, was wollt ihr denn, das ist doch eine halbe Million Menschen, das ist doch nicht nichts. Da lohnt es sich doch, viel Geld auszugeben und das Programm zu machen, das wir für richtig halten.
Ich glaube, ein Kultursender mit einem Prozent Reichweite ist ein Misserfolg. 15 Prozent der Menschen kann man ansprechen, und wenn man davon nur ein Prozent erreicht, ist das kein Erfolg. In manchen Ländern sind natürlich auch die Möglichkeiten schlecht. Ein Senderchef aus Portugal hat einmal stolz verkündet, er mache ein Kulturprogramm um eine Million Euro mit vier Leuten 24 Stunden lang. Dazu fällt mir nichts mehr ein. Mit einer Million mit vier Leuten kann man kein vernünftiges Programm machen, höchstens ein Berieselungsprogramm mit scheinkultureller Leistung. Wie ein Popsender, nur mit Klassik. Das ist keine Kulturleistung.
Die Kulturchefs werden auf der EBU-Tagung über die Frage diskutieren, wie es mit der Konzentration der Hörer steht, welche Sendungslängen angemessen sind. Was ist Ihr Standpunkt?
Ich möchte gerne denen Mut machen, die den Kassandratönen nicht nachgeben wollen. Die Leute sind nicht so verblödet, dass sie nicht mehr länger als acht Minuten zuhören können. Für ein intelligentes Publikum stimmt das nicht. Wenn das Produkt stimmt, ist das keine Frage der Länge. Ich kann in acht Minuten entsetzlichen Blödsinn machen und in einer Stunde auch. Aber ich kann in acht Minuten sicher kein Thema umfassend behandeln. Wir werden also Erfahrungen austauschen: Ist dieser Virus schon in Europa allgemein verbreitet? Ich glaube, er ist nicht so weit verbreitet, dass er nicht heilbar wäre. Jedenfalls nicht in den Kulturprogrammen.
„Sinnstiftendes und Sinnvolles“
In den Popprogrammen, wo das Geld verdient wird, dort sind längere Wortstrecken natürlich ein Abschaltimpuls. Aber das darf man nicht unkritisch auf die Kulturprogramme übertragen. Die Leute wollen, wenn sie schon Radio hören, etwas Vernünftiges hören. Sie sind, wenn ich das altmodisch sagen darf, zunehmend ganz wild darauf, etwas zu lernen. Wir haben bei uns eine Sendung eingeführt, die heißt „Betrifft Geschichte“. Sie ist sehr kurz, fünf Minuten, und behandelt an fünf Tagen jeweils ein Thema, so dass also auch 25 Minuten Inhalt zustande kommen. Man kann da etwas erfahren über Kaiser Augustus, die Punischen Kriege, den Westfälischen Frieden. Man hat das alles in der Schule gehört und hat es längst vergessen.
Was ist das? Ein Bildungsüberfall?
Das würde ich nie machen. Man kann nicht heimtückisch Leute mit etwas ködern, was sie nicht interessiert. Ich glaube, solche Sendungen treffen auf ein Bedürfnis. Ganz generell gibt es in Zeiten der Beliebigkeit, der Überfrachtung mit akustischen und optischen und sonstigen Eindrücken, die ja in einem überwältigenden Ausmaß Trash sind, ein steigendes Bedürfnis wenigstens einer bestimmten Schicht von Leuten, etwas Vernünftiges zu hören. Religionssendungen zum Beispiel haben großen Erfolg. Die Jugend tendiert dorthin, nicht zur Kirche, aber zu religiösen Fragen. Sinnstiftendes und Sinnvolles anstelle des sinnlosen Zeugs, mit dem man den ganzen Tag konfrontiert ist - das ist eine Chance.
Haben die Zuhörer diesen Sendeplatz akzeptiert?
Das Publikum braucht rund ein Jahr, bis es eine Neuerung und einen Sendeplatz registriert. Inzwischen wissen die Leute, dass „Betrifft Geschichte“ da stattfindet. Wir haben es natürlich entsprechend platziert, das dann doch ist eine gewisse Heimtücke, nämlich vor das 18-Uhr-Abendjournal. Da sind viele Leute schon darauf eingestellt, Nachrichten oder das Journal zu hören. Wenn sie jetzt mitkriegen, dass da fünf Minuten vorher etwas besonders Spannendes zu hören ist, dann wächst die Zahl der Zuhörer für diese Geschichtssendung.
Auffällig ist, dass sich im Programm von Ö1 vergleichsweise wenige Publikumsmitmachsendungen finden. Warum?
Das ist schwer zu beantworten, ohne unhöflich zu sein. Ich glaube, dass der Beitrag des Publikums nicht in erster Linie darin bestehen sollte, anrufen und zu jedem Thema etwas sagen zu können. Wir machen das einmal am Tag, unseres Erachtens reicht das. Es kommt zu wenig dabei heraus. Wir erforschen lieber genau, was die Zuhörer wollen, wie sie es wollen und wie es ankommt. Dieses Feedback haben wir, im Sender wie im Radiokulturhaus wie auch im Club. Wir versuchen, aktiv herauszufinden, was das Publikum wirklich will. Das ist, was ich unter Dialog mit dem Publikum verstehe.
Wie alle Medien verändert sich das Radio derzeit sehr stark, vor allem durch das Internet. Wie sehen Sie die Zukunft von Ö1 in dieser Perspektive?
Fast alle Veränderungen - Downloads, iPod, mp3, Handy-Radio und was auch immer - betreffen neue zusätzliche Distributionswege. Das ist wichtig und betrifft uns auch. Häufig wird aber dabei vergessen, dass es nicht nur um das Wie des Verschickens geht, sondern vor allem darum was. Letztlich geht es immer um den Content. Und die Inhalte, die Kulturradios erzeugen, werden auch in Zukunft wichtiger sein als der Trash, der von vielen kommerziellen Sendern angeboten wird. Das Faszinierende an den neuen Techniken ist in erster Linie die Möglichkeit, zu jedem beliebigen Zeitpunkt an jedem beliebigen Ort konsumieren zu können. Das trifft auch auf das Internet zu, nur gibt es hier eine wirklich neue Qualität. Und die heißt Kommunikation. Einerseits können wir mit unserem Publikum in Kontakt treten, andererseits kann das Publikum selbst zum Contenterzeuger werden. ?
epd medien Nr. 78 vom 3. Oktober 2007