epd: Frau Rados, Sie haben soeben den Robert Geisendörfer Preis erhalten für Ihre Reportage „Feuertod“, eine Reportage über eine afghanische Frau, die sich selbst angezündet hat. Sie begleiten in der Reportage die letzten Tage der jungen Frau im Krankenhaus, Sie sprechen mit der Familie der Frau und der Familie des Ehemanns, die sich gegenseitig die Schuld an der Tat der jungen Frau geben. Wie haben Sie die Frau und die Familien gefunden und wie haben Sie deren Vertrauen erworben?
Rados: Die Geschichte war überhaupt nicht geplant. Wir sind eigentlich gar nicht für diese Geschichte nach Herat gefahren, sondern wir wollten eine kleine Reportage machen über das Krankenhaus, in dem die Frauen betreut werden, die sich selbst angezündet haben. Eigentlich wollte ich in Herat eine lange Reportage über Frauen und Armut machen. Wir haben also einmal in dem Krankenhaus vorbeigeschaut und plötzlich rollte sich die Geschichte vor uns auf, so wie sie sich in dem Film darstellt. Der Arzt sagte mir, diese junge Frau sei gekommen, wir gehen zu den Eltern, die haben kein Auto, ich frage, ob wir mitkommen können zu ihnen und sie fangen an zu streiten... Die Wirklichkeit rollte also mit einer unglaublichen Wucht vor uns ab. Der große Vorteil war, dass ich eine Kamerafrau dabeihatte, weil ich ja eine Frauengeschichte machen wollte. Und weil wir zwei Frauen waren, durften wir immer wieder ins Krankenhaus und konnten dort auch übernachten. Wir waren bis zur letzten Sekunde überzeugt, dass die junge Frau, Gololai, überlebt. Sie konnte reden, war aktionsfähig. Wir glaubten nicht, dass sie sterben würde, obwohl der Arzt von Anfang an sagte, dass sie nicht überleben wird.
„Kann ich Gott spielen?“
So ist das oft bei Reportagen: Sie gehen irgendwohin und plötzlich tut sich eine Wirklichkeit auf. Ich weiß, dass es hart ist, sich die Geschichte anzuschauen, aber es war auch sehr hart, sie zu drehen. Ich bin an einem Nachmittag zurück ins Hotel und da kamen mir die Tränen.
Man fühlt sich da sehr hilflos, denke ich mir. Sie können das ja nur mit ansehen.
Man ist zwar Reporter, aber man ist natürlich auch ein Mensch. Und man fragt sich: kann ich Gott spielen? Es kam ein Moment, da haben wir die Medikamente gekauft. Für uns sind 20 Dollar nicht viel Geld, aber für die Familie war das sehr viel. Aber wir mussten aufpassen, dass wir die Realität nicht verändern. Die beiden Familien, die der jungen Frau und die ihres Mannes, haben immer gestritten. Wenn wir dann zu den anderen gingen, um die zu interviewen, fragten die einen uns: Warum gehen Sie da hin? Wir haben doch Recht. Das war sehr heikel.
Eine Frau und der Krieg
epd Die RTL-Chefkorrespondentin Antonia Rados erhielt am 2. Juli den Robert Geisendörfer Preis der Evangelischen Kirche für ihre Reportage „Feuertod“ (epd 52/07). Der Film zeigt die letzten Tage einer zwangsverheirateten afghanischen Frau, die sich aus Verzweiflung über ihre Situation selbst angezündet hat und in einer Klinik behandelt wird. Die Journalistin wurde bekannt als Kriegs- und Krisenreporterin von RTL und des Nachrichtensenders n-tv. Für ihre Berichterstattung aus dem Irak erhielt sie 2003 den Hanns Joachim Friedrichs Preis für Fernsehjournalismus. Antonia Rados, 1953 in Klagenfurt geboren, begann ihre journalistische Karriere beim ORF. In Österreich wurde sie 1989/90 durch ihre Berichterstattung aus Rumänien bekannt. 1991 ging sie zum WDR, von dort wechselte sie zu RTL. Zuletzt veröffentlichte sie die Bücher „Live aus Bagdad“ und „Zwischen Gucci und Allah“. Diemut Roether befragte die Geisendörfer-Preisträgerin nach ihrer journalistischen Arbeit, nach Ethos, Engagement und Krieg.
Es gibt in dem Film auch Szenen bei der afghanischen Polizei, mit dem Ehemann, das haben Sie auch zur selben Zeit gedreht?
Der Film zeigt die Ereignisse, wie sie sich entwickelten: Wir fuhren zu der Familie und fragten: Wo ist der Ehemann? Es hieß, der ist festgenommen, dann sind wir zur Polizei gefahren und haben dort auf ihn gewartet. Am Ende gibt es eine furchtbare Szene, als er verhört wird und wir dachten, die Polizei sagt ihm jetzt, dass seine Frau gestorben ist, aber sie sagen es ihm gar nicht. Die Lehre dieses Films war für mich, dass in dieser Geschichte niemand schlecht ist und niemand gut. Die Umstände der Zwangsheirat wurden relativ schnell deutlich. Die Mutter sagte uns: Sie wollte eigentlich gar nicht heiraten, aber ich habe gesagt, es ist besser. Wir haben im Team darüber diskutiert und sagten: Die Kraft der Traditionen und der konservativen Atmosphäre ist stärker als das Individuum. Also muss man das Individuum stärken, den individuellen Frauen Rechte geben.
„Absurde Szenen“
Sie sind in diesem Film sehr nah an die Familien rangekommen. Sie haben selbst einmal gesagt, man muss aufpassen, dass man die Grenze zum Voyeurismus nicht überschreitet bei solchen Geschichten. Wo setzen Sie Ihre Grenzen? Was zeigen Sie und was zeigen Sie nicht?
Sehr viel zeigt man nicht. Es gibt keine Regel. Im Krankenhaus ist für mich die individuelle Regel: Ich möchte auch nicht gezeigt werden, wenn ich dort nackt liege. Es gab absurde Szenen, die wir nicht gezeigt haben: Jeden Morgen wurde das Mädchen neu bandagiert. Dann lag sie nackt auf dem Bett. Sie hatte gar keine Wunden, sie war so verbrannt, dass die Haut ganz weiß war. Und um sie herum standen die Ärzte, Männer, die über sie diskutierten. In einer sehr prüden Gesellschaft, in der sich die Frauen verschleiern und zwangsverheiratet werden, standen die Männer um diese nackte Frau herum...
Die Frau war also nur noch ein Fall...
Ja, und das in der afghanischen Gesellschaft. Wir hatten zwei Kameras, die Kamerafrau hatte eine und ich hatte auch eine. Wir mussten die Grenze dessen, was wir drehen, jedes Mal wieder ausloten. Einmal war ich bei der Kranken, als es ihr sehr schlecht ging und ich merkte, wie ich mit der Kamera immer weiter wegging.
Sie haben sich also distanziert, auch um das zu ertragen?
Andererseits war da die Mutter, die uns instinktiv als Verbündete ansah und immer näher ans Bett heranzog...
„Im falschen Land“
Dachte sie, Sie könnten ihr helfen?
Es war vor allem eine psychologische Hilfe, die sie brauchte. Sie hatte Streit mit der anderen Familie und sah uns zwei Frauen als Verbündete an. Manchmal rief uns auch die Kranke, um mit uns zu reden. Sie sagte uns immer wieder, dass sie nicht sterben wolle, und wir sagten ihr, sie werde nicht sterben, obwohl wir es besser wussten. Solche Situationen sind sehr schwierig. Wenn Sie selbst eine Frau sind, berührt Sie das viel mehr. Sie denken: Die Frau lebt im falschen Land, und Sie merken immer wieder: Wenn der gesellschaftliche oder rechtliche Rahmen zusammenbricht, trifft das die Frauen am härtesten.
Wie oft waren Sie in Afghanistan?
Ich war 1980 beim Einmarsch der Sowjetunion erstmals in Afghanistan. Seither war ich zwanzig oder dreißig Mal in dem Land. Als die Sowjets abzogen und als später die Taliban kamen, war ich auch im Land.
Sie waren häufig in Afghanistan, sind immer wieder im Irak gewesen, waren auch in vielen arabischen Ländern unterwegs. Interessiert Sie die arabische und muslimische Welt besonders?
Das ist Zufall. Ein Reporter ist ja immer auch dem politischen Zeitgeist ausgesetzt. In den Achtzigern war ich sehr oft in Lateinamerika, in Chile unter Pinochet und in Argentinien zu Zeiten der Militärdiktatur. Ich war auch in Zentralamerika, in Panama. Aber seit dem 11. September 2001 ist der Nahe Osten massiv im Mittelpunkt unseres Interesses, und ein Reporter geht natürlich da hin, wo in der Aktualität Reportagen zu machen sind. Ich habe ja zwei Standbeine: Ich mache sehr viel Aktualität, für den Nachrichtensender n-tv, und dann mache ich lange Reportagen.
„Geschwindigkeit eines Düsenjets“
Sie machen sowohl Aktualität als auch lange Dokumentationen. Wie geht das? Verdrängt die Aktualität nicht die tiefer gehenden Recherchen? Die Aktualität ist doch immer stärker: Wenn etwas passiert, müssen Sie sofort live auf den Sender gehen, Wann nehmen Sie sich die Zeit für die Hintergrundgeschichten?
Ich habe als Dokumentaristin angefangen. Das ist schon sehr lange her. Als ich anfing, gab es noch keine Live-Übertragungen. Man ist sich gar nicht bewusst, dass sich das Fernsehen in den vergangenen dreißig Jahren mit der Geschwindigkeit eines Düsenjets entwickelt hat. Meine erste Möglichkeit, eine Geschichte aus einem Land rauszubringen, war im Februar 1989, als die Sowjets aus Afghanistan abzogen. Damals habe ich zum ersten Mal eine Satellitenstation gesehen. Von Handys war noch gar nicht zu reden. Der Vorteil in jenen Jahren war, dass wir ohne weiteres für drei, vier Tage verschwinden konnten mit Ausreden wie: Ich habe kein Telefon gefunden. Das war die Realität, wir saßen noch am Telex.
Ich bin nicht sehr nostalgisch. Ich glaube, dass die moderne Berichterstattung sehr viele Vorteile hat, aber sie hat natürlich auch ihre Nachteile. Wenn Sie heute mit einem kleinen Satellitentelefon in Afghanistan sind, sind Sie überall erreichbar. Das ist gut, weil die Leute sehr schnell über alles informiert sind - zum Beispiel über einen Terroranschlag in Kundus - aber auf der anderen Seite hat das den Nachteil, dass Sie nicht einmal eine Minute nachdenken können. Was heißt das? Reporter müssen ihre Hausaufgaben machen. Sie müssen zwischendurch lesen und sich informieren.
Wie informieren Sie sich?
Seit ich sieben bin, lese ich Zeitungen. Ich habe als Kind angefangen, Zeitungen zu lesen und nie aufgehört. Der Journalismus ist für mich keine Droge, aber Zeitung lesen ist beinahe eine Droge. Ich lese immer alles, ich langweile mich nie auf dem Flughafen. Da lese ich entweder Bücher oder Zeitungen und ich bilde mir ein, dass das hilft, wenn man die langen Reportagen macht. Die langen Reportagen mache ich gerne, weil ich nicht diesen Zeitdruck habe: Ich kann sie übermorgen abgeben anstatt vorgestern.
Sie können in den langen Geschichten sicher auch mehr differenzieren.
Ja, man kann mehr differenzieren, aber wir wissen auch, dass die Aufmerksamkeit der Zuschauer sehr gering ist. Sie haben keine Zeit mehr, fünfzig Minuten vor dem Fernseher zu sitzen und zuzuhören, was eine Reporterin erzählt. Das heißt, die Leute schauen vielleicht sogar konzentrierter auf die kurzen aktuellen Zwei-Minuten-Reportagen.
„Jeder Reporter kann nein sagen“
Aktuelle Berichterstattung bedeutet: Etwas passiert, Sie werden angerufen und müssen innerhalb kurzer Zeit eine Einschätzung geben, obwohl Sie vielleicht selbst noch gar nicht genau wissen, was passiert ist. Überfordert das die Reporter nicht?
Erstens kann jeder Reporter nein sagen. Ich habe noch nie gehört, dass einer gefeuert wurde, weil er gesagt hat: Gebt mir noch eine Stunde, ich weiß noch gar nicht, was los ist. Reporter neigen dazu, in eine gewisse Wehleidigkeit zu verfallen, wie arm sie sind. Das stimmt nicht. Der Druck ist tatsächlich sehr groß, aber man kann damit umgehen. Es spielt natürlich auch eine gewisse Erfahrung mit. Es ist ein Unterschied, ob Sie zum ersten Mal in ein Land fahren und berichten müssen oder ob Sie schon fünfzig Mal dort waren. Es stimmt, dass wir manchmal schwimmen, aber das ist nicht die Schuld der Redaktion, sondern die des Reporters.
Also, Sie empfehlen, ruhig auch mal nein zu sagen?
Ja, man muss überall auch mal nein sagen. Das gehört dazu, wenn man verantwortungsvoll arbeiten möchte. Viele Journalisten reden sich raus und sagen: Ich will diese Geschichte gar nicht so machen, aber mein Chefredakteur will das so. Ich habe noch nie erlebt, dass sich ein Chefredakteur mir gegenüber durchgesetzt hat und gesagt hat, die Geschichte muss so gemacht werden. Wenn ich das nicht wollte, habe ich die Geschichte eben nicht gemacht. Der Reporter ist zwar nur ein Rädchen, aber er ist doch das letzte Rad. Ich glaube nicht an diesen Mythos, dass der Chef anruft und sagt: Wenn du das nicht machst, wirst du gefeuert.
„Die Summe der Individuen“
Sie sind schon seit zwölf Jahren bei RTL. Dieser Sender ist nicht gerade bekannt dafür, dass er viele lange differenzierte Reportagen oder Dokumentationen zeigt. Finden Sie dort die Arbeitsbedingungen, die Sie brauchen?
Sie werden es nicht glauben, aber ich kann mir keinen besseren Sender wünschen. Ich habe ja viele ausprobiert. Die öffentlich-rechtlichen Sender sind sehr gut, aber für mich ist die Kombination von RTL und n-tv das, was ich gerne mache. Ich fühle mich dort sehr gut aufgehoben. So wie der Reporter manchmal nein sagen muss, muss er auch manchmal sagen, diese Geschichte muss jetzt aber gemacht werden. Ich habe mit Peter Kloeppel bei RTL einen sehr guten Ansprechpartner. Davor war Heiner Bremer mein Ansprechpartner, den ich auch sehr geschätzt habe. Ein Sender ist ja immer die Summe seiner Individuen, aber solche Leute sind sehr wichtig. Heiner Bremer war der Grund, dass ich überhaupt zu RTL gegangen bin.
Sie haben bei n-tv auch eine Zeit lang ein Auslandsmagazin moderiert. Warum haben Sie das wieder aufgegeben?
Dafür hatte ich keine Zeit mehr. Aber ich habe bei n-tv eine Reportagereihe, die „Antonia Rados unterwegs“ heißt. In dieser Reihe lief der „Feuertod“, dann habe ich eine Reportage über Deutsche in Afghanistan gemacht. Demnächst gibt es eine Reportage über fromme Iraner, die sehr konservativ und religiös sind und doch keine Terroristen.
Das heißt, n-tv gibt Ihnen viel Sendefläche?
Für jemand, der so ein Nachrichtenfreak ist wie ich, ist ein Nachrichtensender genau das Richtige.
Sie waren, bevor Sie zu RTL gingen, zwei Jahre beim WDR. Warum hat es Sie dort nicht gehalten?
Ich war beim WDR so ein frei fliegendes Neutron. Ich nehme da die Schuld auch auf mich. Das hat einfach nicht funktioniert, aber das lag an den Umständen und nicht an den Personen. Ehe ich als Reporterin unglücklich werde, suche ich mir lieber etwas anderes. Ich war immer neugierig. Ich bin einfach losgefahren und sagte, ich schaue mir das an und entscheide vor Ort, ob das eine Geschichte ist. Vielleicht ist das auch eine typische Arbeitsweise von Frauen, ich treffe immer wieder Kolleginnen, die ähnlich arbeiten.
Sie haben einmal gesagt, eine Frau muss doppelt so viel arbeiten wie ein Mann.
Ich würde sogar sagen, sie muss dreimal so viel arbeiten. Meine Generation war in gewisser Weise die erste Generation. Sprich: Es entwickelt sich ein gewisser Ehrgeiz, gleichzeitig gibt es sehr viele Schwierigkeiten und man sagt sich, die gibt es nur, weil ich eine Frau bin. Aber weil man anders arbeitet, eckt man einfach mehr an.
„Komplexe Situationen“
Stimmt es, dass Ihr erster Auslandseinsatz ein Interview mit Arafat war?
Ja, wir saßen in der Konferenz und redeten so rum, dass man Arafat zu diesem Thema interviewen müsste. Und ich sagte, dann interviewen wir ihn halt. Da sagte der Chefredakteur zu mir: Dann fahren Sie eben! Ich bin gefahren und so wurde ich Kriegsberichterstatterin. Aber die Umstände waren damals noch ganz anders. Live-Berichterstattung war ausgeschlossen, es war undenkbar, dass ich mich selbst vor die Kamera stellte. Ich erinnere mich, das ich danach in Wien in ein Café kam und ehemalige Studienkollegen über das Arafat-Interview im Fernsehen sprachen. Als ich sagte, das Interview habe ich gemacht, hat mir keiner geglaubt. Für mich als junge Reporterin war das trotzdem etwas Besonderes.
Sie fahren sehr viel in Länder, wo Krieg ist. Sie sagen selbst, dass Sie das manchmal auch sehr mitnimmt, aber Sie fahren trotzdem immer wieder hin. Was fasziniert Sie daran? Was treibt Sie an?
Es ist vollkommen klar, dass am Krieg nichts Faszinierendes ist, und ich glaube, als Frau kann man das noch eher sagen als als Mann. Faszinierend ist es, Probleme zu lösen. Je schwieriger etwas ist, desto lieber ist es mir. Eine Situation, von der ich von vorneherein weiß, das wird schwierig, schreckt mich nicht ab. Im Gegenteil. Letzten Sommer zum Beispiel habe ich mich freiwillig für eine Reportage aus Zentralafrika über den Einsatz der Deutschen in Kinshasa gemeldet. Ich zeige immer auf, wenn es kompliziert wird. Es gibt keine ideale Situation. Meistens packt man unter extrem chaotischen Umständen seinen Koffer, versucht über drei Stationen in das Land einzureisen und wenn man dort ist, funktioniert nichts. Das Schwierigste ist erst einmal, in das Kriegsgebiet reinzukommen. Letztes Jahr bin ich von Zentralafrika direkt in den Libanon gereist, ohne zu wissen, ob ich überhaupt in den Libanon reinkomme. Wir wissen ja nicht vom ersten Tag an, was los ist, wie schlimm es wird. Das sind also komplexe Situationen, die man meistern muss, und das mache ich gern.
Wie arbeiten Sie sich ein? An wen wenden Sie sich, wenn Sie nach Kinshasa kommen?
Ich mache meine Hausarbeiten. Recherchiere im Internet, treffe Leute von internationalen Organisationen, rufe Kollegen an. Journalismus ist: Hausarbeiten machen, bevor man losfährt.
„Nicht so ernst nehmen“
Wie gehen Sie mit emotional sehr belastenden Situationen um?
Wenn ich mit einer Geschichte nicht fertig werden sollte, müsste ich den Journalismus aufhören. Ich habe das große Glück, dass ich ein Privatleben habe. Dass ich eine wunderbare Familie habe. Ich kann also auch einfach mal anrufen. Wunderbar an dieser Familie ist auch, dass man mich nicht so ernst nimmt... Man sollte sich als Journalist nicht so ernst nehmen. Ich finde, dieser Beruf ist ein Riesenprivileg. Ich kann überhaupt nicht klagen. Wir kommen in Situationen, da sterben Leute, Familien werden zerrissen, aber wir sind privilegiert, weil wir wissen, dass wir nach ein paar Wochen wieder wegfahren. Wir leben in einer wunderbaren Welt... Es ist ein ungeheures Privileg, dass Sie als Reporterin einfach in eine Stadt fahren und vom Bettler bis zum Präsidenten jeden befragen können. Wieso soll ich mich beklagen? Der Reporter ist jemand, der Sachen transportiert, das soll er nach bestem Wissen und Gewissen machen. Aber zu sagen, ich leide, weil ich über das Leid anderer berichte, würde nicht stimmen, weil die Leute viel mehr leiden als wir.
Trotzdem riskieren Sie manchmal Ihr Leben, zum Beispiel wenn Sie in den Irak fahren. Wie gehen Sie mit Ihrer Angst um? Oder haben Sie keine Angst?
Natürlich habe ich Angst. Aber oft erst im Nachhinein. Manchmal kriegt man hinterher die Schweißausbrüche für den Vortag. Wenn man keine Angst hätte, wäre man kein menschliches Wesen. Aber es hat noch niemandem geschadet, mutig zu sein. Zivilcourage, sich einzusetzen für das, wovon man überzeugt ist, das hat noch niemandem geschadet.
Eine meiner trostlosesten Erinnerungen als Reporterin ist eine Dokumentation, die ich in den Neunzigern für den ORF gemacht habe: Wir haben zwei Kriegsstädte porträtiert, eine in Nicaragua und eine in El Salvador. Und wir saßen am 24. Dezember in einem Dorf, in dem es nur Reisgerichte und Coca Cola gab. Die Kirche war von der Armee besetzt, die Guerilla sollte die Stadt attackieren und ich dachte mir, was mache ich hier?
„Wunderbare Leute“
Aber ich habe das Glück, in solchen Situationen viele mutige und wunderbare Leute zu treffen. Bei aller Grausamkeit und Brutalität, die der Krieg mit sich bringt, ist die Erinnerung an diese Leute ein Grund, immer wieder in solche Länder zu fahren. Wir haben zum Beispiel in Afghanistan einen Übersetzer, von dem wir sagen, der wird in ein paar Jahren der nächste Präsident: So intelligent, gewieft und gleichzeitig anständig ist er.
Die taz-Redakteurin Bettina Gaus, die auch viel aus Kriegs- und Krisengebieten berichtet hat, schreibt in ihrem Buch „Frontberichte“, dass sie mit Schrecken beobachtet, dass die militärischen Einsätze die Diplomatie ersetzen. Teilen Sie diese Befürchtung?
Nein. Ich glaube, man muss sich darüber im Klaren sein, dass wir eine neue Art von Kriegsführung haben. Die Mittelstreckenraketen des Kalten Krieges sind verschrottet. Seit dem Fall der Mauer, aber vor allem seit dem 11. September gibt es eine neue Weltlage. Jetzt gibt es asymmetrische Kriege mit kleinen Gruppen, Milizen, Anarchie, Chaos. Das erweckt den Eindruck, dass überall Krieg geführt wird und dass die Diplomatie keine Rolle mehr spielt. Man kann die eigene Epoche, in der man lebt, nur schwer beurteilen. Wir als Europäer sind in unseren eigenen Widersprüchen gefangen. Auf der einen Seite werfen wir den Amerikanern vor, dass sie ständig den Supercop spielen und überall eingreifen, auf der anderen Seite fordert die multipolare Welt auch von den Europäern, dass sie Truppen nach Darfur schicken oder nach Afghanistan. Ich habe nicht den Eindruck, dass nicht unzählige Friedensbemühungen gemacht würden in allen Krisen. Nur: Früher gab es das rote Telefon, mit dem man Breschnew in Moskau anrufen konnte. Aber wen rufen Sie heute an?
Es gibt Leute, die dem Kalten Krieg nachweinen, weil sie sagen, das war so einfach, aber diejenigen, die die Berlin- oder die Kuba-Krise erlebt haben, wissen, dass das auch sehr schlimm war. Wir haben heute zwar die asymmetrische Kriegsführung, aber es gab noch nie so viele Nichtregierungsorganisationen, noch nie so viele humanitäre Aktionen, noch nie so viel Berichterstattung über die einzelnen Krisen, noch nie so viel Wissen darüber, was in der letzten Ecke von Afrika vor sich geht. Heute kann man sich über den Zustand der Welt viel besser informieren als in den sechziger Jahren.
„Viel Positives“
Fühlt man sich als Berichterstatterin manchmal hilflos, wenn man in ein Krisengebiet fährt und sieht, dass Vernunftgründe keine Rolle mehr spielen, dass es nur noch Mord und Totschlag gibt?
Man sollte sehr vorsichtig sein mit Pauschalurteilen. Man kann nicht sagen, es geht alles den Bach runter im Nahen Osten oder in anderen Krisengebieten. Ich habe kürzlich über Pakistan gelesen, das zwar ein sehr instabiles Land ist, dass es eine der größten Wachstumsraten in der Dritten Welt hat. Es bildet sich eine Mittelschicht heraus, es gibt Oppositionelle, die den pakistanischen Präsidenten angreifen. Das Aufregende für einen Reporter heute ist doch, dass sich unheimlich viel Positives in Ländern wie Indien oder China abspielt, aber vielleicht wird darüber zu wenig berichtet. Wer hätte denn vor zehn Jahren gedacht, dass die Inder zwar nicht die Armut abschaffen, aber doch eine gewisse Mittelschicht herausbilden. Man darf nicht alles immer unter dem Blickwinkel des libanesischen Bürgerkrieges sehen oder des Palästinenserkonflikts.
Pakistan ist zum Beispiel ein Land, über das doch viel mehr berichtet werden müsste.
Das liegt nicht an mir, sondern am pakistanischen Informationsministerium, das sich seit einem Jahr weigert, mir ein Visum zu geben, um nach Peschawar zu fahren. Man kann natürlich illegal in das Land gehen, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich dann die Geschichte machen könnte, die ich gerne machen würde. Manche Länder tun alles, damit die Reporter nicht kommen.
„Wer sind wir?“
Liegt das nicht manchmal auch an den Nachrichten-Redaktionen, die nur über die Krisengebiete und zu wenig über andere Länder informieren?
Nein. Wir haben doch so viele Fernsehkanäle, die alle dasselbe zeigen. Wenn Sie also als Reporter dem Redakteur sagen: Ich habe eine Geschichte in Pakistan, die wichtig ist, ich würde gern mal über eine Koranschule in Pakistan berichten, dann ist jeder Chef doch froh, wenn er mal eine andere Geschichte kriegt.
Sie wurden für Ihre Berichterstattung aus dem Irak mit dem Hanns Joachim Friedrichs Preis ausgezeichnet, und Friedrichs wird gern mit dem Satz zitiert: „Ein Journalist darf sich nicht mit einer Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten.“ Stimmen Sie mit ihm überein?
Ich stimme voll mit ihm überein. Das ist wahnsinnig wichtig. Wenn man die Distanz aufgibt, muss man sie als Mensch aufgeben, aber nicht vor der Kamera. Wenn ich also irgendwo eine Frau sehe, die leidet, dann helfe ich ihr, aber ich werde mich hüten, einen Bericht darüber zu machen, wie ich jemandem helfe. Es ist unmöglich, in solchen extremen Situationen zu sein und als Reporter hin- und wieder wegzufahren. Aber der Zuschauer oder der Leser hat ein Recht darauf, so konkret wie möglich informiert zu werden. Er hat auch ein Recht darauf, eine Meinung zu hören, die nicht die des Reporters ist. Und er hat auch ein Recht darauf zu sagen, die Meinung des Reporters interessiert mich nicht. Wer sind wir?
Meinungsjournalismus ist wunderbar, er hat aber auch seine Nachteile. Auch als Reporter kann man sich irren. Ich habe mich oft genug geirrt. Das kritische Hinterfragen der eigenen Position ist absolut wichtig. Meine eigene Position zählt aber nicht. Das schönste Kompliment, das ich aus meiner eigenen Redaktion bekommen habe, war, als mich jemand nach dem Irak-Krieg fragte: Antonia, warst du jetzt für den Krieg oder dagegen? Es ist wichtig, dass man die eigene Meinung nicht permanent serviert, dass man den intellektuellen Versuch macht, herauszufinden: Welche Argumente sprechen gegen das, was ich für richtig halte? Das führt manchmal dazu, dass ich die andere Meinung mehr berücksichtige als meine eigene.