epd „Die Mainzer Tage der Fernseh-Kritik sind ewig“, sagte Tagungsmoderator Steffen Seibert zum Abschluss der 40. Mainzer Tage der Fernseh-Kritik, die in diesem Jahr am 26. und 27. März stattfanden (Leitartikel und Meldungen in epd 25/07). Das Thema: „Öffentlichkeit im Wandel. Fernsehen im digitalen Wettbewerb“. Kritiker bemängelten am Rande der Tagung genau dies: in Mainz würden die ewig selben Gäste die ewig selben Platten spielen.
Eine Kritik, die in diesem Jahr nicht ganz zutraf. Denn neben „alten Verdächtigen“ kamen auch die zu Wort, die für das „neue Fernsehen stehen“, für YouTube, MyVideo, diverse Abrufdienste und Video-Bloggs also. Holm Friebe („Zentrale Intelligenz Agentur“) und Thomas Ramge („brand eins“) etwa, die dem Publikum den Internetsender „Joost“ vorstellten, der dieser Tage startet, oder Philipp Schindler von Google, dem gerade mal neun Jahre alten Mediengiganten.
Dazu ein Friedrich Küppersbusch, der zwar eigentlich auch ein „alter Verdächtiger“ ist, aber zugleich so herzlich erfrischend, dass man „Zak“ - die Sendung, in der Claudia Schiffer Hoyerswerda für eine Modefarbe hielt - umso schmerzlicher vermisst, je länger sie nicht mehr gezeigt wird. Denn auch die in Mainz so gern zitierten neuen Internetstars wie Toni Mahoni („Spreeblick“) oder Katrin Bauerfeind („Ehrensenf“) stellen leider nicht so legendäre Fragen wie einst Küppersbusch dem CDU-Mann Rudolf Seiters: „Sie heißen Rudolf, ihr Bruder Adolf, und wie waren Ihre Eltern sonst so drauf?“ Küppersbuschs Vortrag in Mainz zeigte, dass er heute nicht wesentlich anders drauf ist als zu besten „Zak“-Zeiten.
Der TV-Produzent („probono“) gehörte dabei in Mainz zu denen, die eher zu den Skeptikern des Amateurfernsehens á la Youtube zählten und mit Verweis auf Nutzer-generiertes Fernsehen feststellte: „Es läuft noch nicht.“ Klaudia Wick erinnerte daran, schon 1970 sei angesichts des Videorekorders das Ende des linearen Fernsehens prophezeit worden. Die Medienkritikerin (u.a. für epd medien) zeigte so auf, dass manche Platten - gerade solche apokalyptischer Natur - in der Tat ewig laufen und auch in Zeiten der CD-ROM ein Dauer-Brenner tatsächlicher und vermeindlicher Medienexperten in Mainz und anderswo sind.
Einen anderen Aspekt brachte der Medienwissenschaftler Otfried Jarren ins Spiel. Nicht die neue Technik allein sorge für einen Wandel, wohl aber die Kombination neuer Technik mit dem Wandel der Gesellschaft: Individualisierung, Wertepluralität und Wechselverhalten waren einige von Jarrens Stichwörtern. Bindung könne nicht mehr vorausgesetzt, sondern müsse immer neu erzeugt werden. Die Medienbranche differenziere sich aus, damit änderten sich nicht nur Finanzierungsformen, sondern auch publizistische Normen und Werte.
In seinem Impulsreferat für die Abschlussdiskussion, verwies auch Medienwissenschaftler Christoph Neuberger auf einen Wandel: „Die klassischen Massenmedien verlieren ihr ,Gatekeeper'-Monopol, weil nun prinzipiell jeder publizieren kann.“ Neuberger forderte für diesen Wandel eine Anpassung des Medienrechts, das auf neue Verbreitungswege ausgedehnt und technologieneutral definiert werden müsse. Er kritisierte auch die Beschränkung der öffentlich-rechtlichen Internetangebote.
Eine Begrenzung, die bald fallen dürfte, wie in der Abschlussdiskussion mit den Intendanten Fritz Raff (SR) und Markus Schächter (ZDF) sowie den Medienpolitikern Kurt Beck (SPD) und Günther H. Oettinger (CDU) klar wurde. Gegen die Aufhebung der 0,75-Prozent-Begrenzung habe Brüssel nichts, sagte Beck. Zugleich ließen beide Politiker erkennen, dass das Nachdenken über öffentlich-rechtliche Bezahlangebote via Internet - etwa für Video-on-Demand - begonnen hat.
Insgesamt strahlten Vertreter von ARD und ZDF auf den diesjährigen „Mainzer Tagen der Fernseh-Kritik“ eine gewisse Gelassenheit im Umgang mit dem Internet aus. Bei den 14- bis 19-Jährigen sei das Fernsehen immer noch das beliebteste Medium, sagte etwa Kai Gniffke (ARD aktuell). ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut verwies auf den Erfolg der Telenovelas beim jungen Publikum. Der wiederum kann so riesig nicht sein. Der Marktanteil des ZDF beim jungen Publikum ist im Mai auf gerade mal 5,7 Prozent abgesunken.
Unsere heutige Dokumentationsausgabe enthält verschiedene Vorträge der diesjährigen „Mainzer Tage“ sowie eine vom ZDF zur Verfügung gestellte Abschrift der Schlussdiskussion zum Thema „Der öffentlich-rechtliche Rundfunk in der digitalen Welt“.
hen
epd medien Nr. 45 vom 9. Juni 2007