epd: Boulevard und Religion, für viele ist das ein Widerspruch. Wie passt das zusammen?
Diekmann: Das passt sehr gut zusammen. Weil Religion viele Menschen verbindet. Millionen unserer Leser sind Katholiken und Protestanten. Deshalb ist Religion selbstverständlich ein Thema, das in unsere Zeitung gehört. Die Menschen beschäftigen sich einfach mit den Sinn-Fragen: Woher wir kommen. Wohin wir gehen. Warum wir auf der Welt sind. Wir leben in einer Massengesellschaft, in der der Einzelne leicht vereinsamt. Alles ist unübersichtlicher und schnelllebiger - deshalb verlangen die Menschen nach Konstanten. Die suchen sie im Bereich der Esoterik und finden sie hoffentlich im Christentum. Religion ist also ein absolut boulevardtaugliches Thema.
Das war bei „Bild“ nicht immer so. Hat sich die Haltung zur Religion nach dem 11. September verändert?
Nein. Das hat vielmehr damit zu tun, ob die Leute an der Spitze einer Zeitung für diese Themen offen sind. Wie zum Beispiel mein Vorgänger Claus Larras, mit dem ich 1992 zu „Bild“ gekommen bin. Wir haben die Zeitung damals für kirchliche Themen geöffnet. Und wir waren der Meinung, dass eine Schlagzeile aus dem kirchlichen oder religiösen Bereich nicht unbedingt immer lauten muss: „Wieder mehr Kirchenaustritte!“ Es war uns ein Anliegen, christliche Themen einfach darzustellen und Kirchenvertreter zu finden, die zum Beispiel die zehn Gebote verständlich erklären können. Als ich dann 2001 Chefredakteur wurde, haben wir das wieder aufgenommen. Und unsere verschiedenen Aktionen sind nicht nur beim Leser gut angekommen, sondern wurden sogar von den Kirchen ausgezeichnet. Zum Beispiel 2003, als wir das Jahr der Bibel mit einem täglichen Bibelspruch begleitet haben.
„Nicht basisdemokratisch entschieden“
Verstehen Sie „Bild“ als eine christliche Zeitung?
Wir sind keine Kirchenzeitung. Wir sind nicht der „Dom“ oder der „Rheinische Merkur“. Aber wir sind selbstverständlich eine Zeitung, die sich christlichen Werten verpflichtet fühlt. Viele unserer politischen oder kulturellen Vorstellungen und unser gesamtes Menschenbild haben ihre Wurzeln in der christlichen Glaubensbotschaft und letztlich in der Bibel.
Wird diese Grundhaltung von der gesamten Redaktion so getragen, oder ist es die Meinung des Chefredakteurs?
Bei „Bild“ werden Schlagzeilen nicht basisdemokratisch entschieden. Aber ich stehe mit meiner Meinung auch keineswegs alleine da. Denn wenn Themen eine große Zahl von Lesern interessieren, gehören sie einfach in die Zeitung.
Was „Bild“ heilig ist
epd „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann (42) sieht seine Zeitung den christlichen Werten verpflichtet. Die Aufgabe des Blattes sei die Pflege des abendländisch geprägten ethischen Fundaments. Religion hält der Chefredakteur für ein „absolut boulevardtaugliches Thema“. Die epd-Redakteure Rainer Clos und Thomas Schiller sprachen mit Diekmann über das Spannungsfeld von Religion und Boulevard, Presserats-Beschwerden und das, was der „Bild“-Redaktion heilig ist.
Stützen Sie die These von der Wiederkehr der Religionen?
Absolut. Was ist denn die große Debatte unserer Zeit? Der kalte Krieg ist abgelöst worden durch einen Konflikt, der von der Spannung zwischen den Vorstellungen des Abendlandes und des Morgenlandes geprägt wird. Es geht dabei um zwei unterschiedliche Wertesysteme. In Europa haben wir ein klares ethisches Fundament. Und dies zu pflegen, es klar zu formulieren und auch darüber zu informieren ist natürlich Aufgabe einer Zeitung, die jeden Tag fast zwölf Millionen Menschen erreicht.
Woran machen Sie die Veränderung fest?
Zum Beispiel daran, dass sich die katholische Kirche an einer steigenden Zahl von Eintritten und einer abnehmenden Zahl von Austritten erfreut. Da passiert offensichtlich etwas. Ich glaube, dass wir das erkannt haben und diesen Wandel adäquat darstellen. Eine Zeitung wie „Bild“ lebt von Personalisierung, von Emotion und von Orientierungshilfe. Dafür stand Johannes Paul II. und in seiner Kontinuität jetzt ausgerechnet ein deutscher Papst. Sehen Sie sich die „Spiegel“-Bestsellerliste an: Papst Benedikts Buch „Jesus von Nazareth“ ist auf Platz eins.
...und Hape Kerkelings „Ich bin dann mal weg“ ist immer noch oben.
Seit 48 Wochen. Ich kann mich an kaum ein Buch erinnern, das Ähnliches geschafft hat. Pilgern ist ein Riesenthema geworden. Vergangene Woche treffe ich den Vater meiner Nachbarin mit Rucksack und Turnschuhen. Da sagt er, er mache sich auf den Jakobsweg.
„Bild“ wird nicht nur von Christen gelesen, sondern auch von Muslimen oder Menschen, die an gar nichts glauben. Müssen Sie zu den Religionen gleichen Abstand wahren?
Nein, überhaupt nicht. Wir haben doch ein klares Menschenbild und eine klare Vorstellung davon, wie wir leben wollen, was wir gut finden und was wir nicht gut finden. „Bild“ hat zu kaum einem Thema eine klare Äquidistanz. Wir werben mit dem Slogan „Bild Dir Deine Meinung“. Unsere Leser nehmen uns als meinungsstark wahr und wir wollen ihnen die Orientierung erleichtern. Indem wir sagen, was wir für richtig und für falsch halten. Auch die Schlagzeile „Wir sind Papst“ war ja nicht Ausdruck von Äquidistanz, sondern die Proklamation einer sehr persönlichen Freude.
„Den Achtundsechzigern war kaum etwas heilig“
Es gibt Tabus für die „Bild“-Zeitung?
Es gibt Dinge, die gehören sich einfach nicht. Trotz des Einflusses der Achtundsechziger, denen ja kaum etwas heilig war.
Was ist „Bild“ heilig?
Die religiösen Gefühle unserer Leser. Die Mehrheit unserer Leser ist christlich geprägt, fast 80 Prozent. Beim Zeitungmachen müssen wir deren Gefühle berücksichtigen. Auch auf die Intimsphäre eines Menschen nehmen wir Rücksicht, solange er sich damit nicht selbst in die Öffentlichkeit begeben hat. Wir machen unsere Berichterstattung immer davon abhängig, inwieweit jemand sein Privatleben offen zur Schau trägt. Das hat jeder selbst in der Hand. Wer das tut, muss sich natürlich auch gefallen lassen, dass dann darüber berichtet wird. Der TV-Star, der seine Anwälte in Gang setzt, um seine Kinder zu schützen, sie dann aber anschließend in die Fernsehvermarktung schickt, der hat keinen Anspruch darauf, geschützt zu werden.
Gibt es einen ethischen Kompass, eine Art innere Stimme der Redaktion?
Unser Verleger Axel Springer hat uns auf bestimmte Grundsätze verpflichtet, die berühmten Verlagsleitlinien. Dazu gehörte das Ziel der Wiedervereinigung, das ja zum Glück erreicht ist. Nach dem 11. September 2001 kam das Bekenntnis zur transatlantischen Freundschaft hinzu. Auch die Ablehnung von rechtem und linkem Extremismus gehört zu unseren Leitlinien, genau wie die Zustimmung zur sozialen Marktwirtschaft. Und - was mir besonders wichtig ist - das unbedingte Eintreten für das Lebensrecht Israels. Das sind die Grundsätze, die uns heilig sind. Ansonsten vertrauen wir auf unseren inneren Kompass.
„Extrem zurückhaltend“
Was würden Sie heute nicht mehr so machen wie noch vor zehn Jahren?
Da haben sich in der Tat Dinge verändert. Manches haben wir früher wie selbstverständlich veröffentlicht. Das betrifft das Thema der Selbstmordberichterstattung. Heute wissen wir, dass die Berichterstattung über Selbstmorde labile Menschen möglicherweise zum Nacheifern veranlasst. Deswegen sind wir in diesem Bereich extrem zurückhaltend. Und die entsprechenden Artikel müssen von der Chefredaktion genehmigt werden. Wenn jemand aber mitten in der Stadt vom Rathausdach springt und ein riesiges Verkehrchaos verursacht, können wir nicht einfach sagen, darüber berichten wir nicht. Das wäre Nachrichtenunterdrückung. Es gibt aber ganz viele Fälle ohne jegliche Relevanz. Die gehören auch nicht in die Zeitung.
Aber der Presserat beschäftigt sich weiterhin häufig mit „Bild“.
In der Prozess- oder Unfallberichterstattung setzt uns der deutsche Pressekodex sehr enge Grenzen, was die Nennung von Namen oder das Zeigen von Bildern angeht. Ich hatte erst neulich eine Diskussion mit dem Deutschen Presserat darüber. In den angelsächsischen Ländern ist das alles kein Thema. Selbstverständlich berichtet die „New York Times“ - eine Zeitung, von der wir alle doch immer sagen, es sei die beste Zeitung der Welt - nach jedem Gerichtsprozess oder Unfall mit vollem Namen von Tätern und Opfern. Und sie veröffentlich selbstverständlich auch alle relevanten Bilder dazu. Nachdem der Deutsche Presserat uns für den Abdruck der Fotos zweier im Irak getöteter GSG-9-Leute gerügt hatte, habe ich an den Chefredakteur der „Sunday Times“ geschrieben. Er hatte die Bilder ebenfalls veröffentlicht. Er sagte, er habe ein Dankesschreiben der deutschen Botschaft erhalten, weil es durch die Veröffentlichung gelungen sei, die beiden Opfer zu identifizieren.
Was ändert sich derzeit im Wertegefüge?
Es wäre schön, wenn wir sensibler für unsere eigenen Werte und unsere eigenen christlichen Traditionen wären. Da haben uns die Muslime manchmal etwas voraus. Natürlich nicht die Radikalen. Wir müssten insgesamt einfach ein stärkeres Bewusstsein dafür entwickeln, auf welchem Fundament wir stehen und was das bedeutet.
Ist es denn leichter, die katholische Kirche rüberzubringen, als den Protestantismus?
Die katholische Kirche hat einen Star, den Papst. Und wenn der sein Amt so ausfüllt, wie es der jetzige tut oder wie es der verstorbene Papst getan hat, ist das für die Attraktivität der Glaubensbotschaft ein ganz großer Vorteil. Die katholische Kirche hat in ihrer über 2000 Jahre alten Geschichte bewiesen, wie viel Kraft in ihr steckt. Sie hat immer wieder Männer hervorgebracht, die die Botschaft weitertragen. Vor zehn Jahren wäre es wahrscheinlich nicht vorstellbar gewesen, dass eine Zeitung wie „Die Zeit“ zeitgleich mit der „Bild“-Zeitung vorab Auszüge aus dem neuen Papst-Buch druckt. Und wir machen das ja nicht, weil wir Missionsgedanken hätten oder ich ein heimliches Mitglied von Opus Dei wäre. Sondern weil wir mit diesen christlichen Themen auch publizistisch erfolgreich sind.
„Wir machen kein Minderheitenprogramm“
Zahlt sich das auch wirtschaftlich aus?
Mit Religion kann man sicher auch Geld verdienen, aber darum geht es uns gar nicht. Schauen Sie unsere Bibelprojekte an: Bei der ersten Bibel, der Volksbibel vor drei Jahren, hätte ich niemals damit gerechnet, dass sie sich innerhalb von zehn Tagen 250.000 Mal verkauft. Die letzte war die Dürerbibel, davor die Immendorff-Bibel. Bei der haben wir zwei schwierige Themen miteinander verbunden: zeitgenössische Kunst und Religion. Selbst das ist 100.000 Mal weggegangen. Wir sind bei den Bibelverkäufen bei über 500.000 Stück, verdienen aber ganz bewusst nicht daran.
Wann kommt die Luther-Bibel von „Bild“? 2017 werden 500 Jahre Reformation gefeiert.
Das notiere ich sofort. Zuerst bringen wir aber eine Papst-Bibel heraus. In limitierter Auflage. Mit echtem weißem Leder, einer Goldprägung des päpstlichen Wappens und persönlichen Texten von Papst Benedikt XVI. Ende Juni soll sie auf den Markt kommen.
Würden Sie auch eine Ausgabe des Koran herausgeben?
Ehrlich gesagt kann ich mir das nicht vorstellen. Wir machen kein Minderheitenprogramm. Wir zielen auf ein breites Publikum und das ist in Deutschland eben christlich geprägt. Aber mit der türkischen Tageszeitung „Hürriyet“ verbindet uns eine enge Partnerschaft. In entscheidenden Situationen, etwa beim Streit über die Mohammed-Karikaturen, haben wir gemeinsame Aktionen gestartet.
Gibt es Anliegen, bei denen Sie „Bild“ an der Seite der Kirchen sehen?
Ja natürlich. Beim Thema Familie, bei Fragen der Solidarität - überall da, wo es um das christliche Menschenbild geht. Unser größtes gemeinsames Anliegen heißt sicherlich Lebenshilfe, gerade in einer Gesellschaft mit zunehmender Individualisierung. Daher kommt dieses riesige Interesse an Sinnsuche und Orientierung. Anders ist doch die große Nachfrage, etwa nach Büchern des Dalai Lama, kaum zu erklären.
„Zum Glück haben wir viel gelernt“
Was ist das Motiv für Ihr Engagement für das Klima oder für Afrika?
Da gibt es eine ganz altmodische Formulierung: Bewahrung der Schöpfung. Ich glaube, dass das ein Thema ist, das immer mehr Menschen mobilisiert. Vor zwanzig oder dreißig Jahren hieß es noch „Freie Fahrt für freie Bürger“. Oder „mein Strom kommt aus der Steckdose“. Das ist heute keine mehrheitsfähige Haltung mehr. Sicher, damals war das Auto auf der Prioritätenliste ganz weit vorn. Aber heute haben wir andere Bedürfnisse und Erkenntnisse. Und eine Zeitung wie „Bild“ muss sich diesen Veränderungen anpassen, auf den gesellschaftlichen Wandel eingehen. Umwelt zum Beispiel ist ein Thema, das heute sehr ernst genommen wird. Genau wie gesunde Ernährung. Das sind ja nicht irgendwelche Spinner, die ins Reformhaus gehen und Tofu essen. Es herrscht ein allgemeines Bedürfnis danach, sich bewusster zu ernähren und gesünder zu leben. Seinen Teil dafür zu tun, dass wir die Schöpfung, die wir geerbt haben, auch weitergeben. Zum Glück haben wir da viel gelernt.
Das heißt, wir können in nächster Zeit mit weiteren Kampagnen rechnen?
Wir sind schon ordentlich dabei. Ende Mai kommt der Afrika-Aktivist Bob Geldof und macht einen Tag lang die Zeitung. Wir kooperieren außerdem schon mit den drei großen deutschen Umweltverbänden, was ich ausgesprochen positiv finde. Auch dabei geht es darum, die Menschen zu sensibilisieren. Es ist aber natürlich keine Frage, dass wir auch weiter über Umwelt-Irrsinn berichten. Wenn also auf Borneo Regenwald abgeholzt wird, um Ölpalmen zu pflanzen, damit wir dann per Tanker unser Material für Biokraftstoffe bekommen, ist das der größte Unsinn. Aber in vielen Bereichen ist es durchaus sinnvoll, den öffentlichen Druck zu erhöhen - etwa auf die Autoindustrie, um Treibstoff sparende Motoren anzubieten. Doch es geht uns nicht darum, den Leuten den Spaß am Flug in den Urlaub zu vermiesen.
epd medien Nr. 40 vom 23. Mai 2007