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  Radikaler Umbau
In Münster und anderswo: Outsourcing bei Verlagen


Von Thomas Gehringer

epd     Wer Lutz Schumacher zuhört, der könnte glauben, der radikale Redaktionstausch von Münster Ende Januar sei ein voller Erfolg gewesen. Die Lokalseiten der "Münsterschen Zeitung" seien nun frischer, lebendiger und optisch moderner. Die MZ habe "den alten Muff abgestreift", behauptet der Geschäftsführer des Dortmunder Medienhauses Lensing, das die MZ neben den "Ruhr-Nachrichten" und fünf weiteren Tageszeitungen herausgibt.

Am 19. Januar hatte Schumacher im Auftrag von Verleger Lambert Lensing-Wolff den 19 Mitarbeitern der Lokalredaktion Münster mitgeteilt, dass ihre Arbeit ab sofort von einer anderen Firma übernommen werde (epd 7/07). Danach habe es zwar in der westfälischen Universitätsstadt eine aufgeheizte Stimmung gegeben, räumt Schumacher ein, auch eine Reihe von Abbestellungen. Aber das sei längst vorbei, und bei den Abonnenten verzeichne man wieder mehr Zu- als Abgänge.

Operation gelungen, der Patient blüht auf? Über die Qualität der neuen MZ-Lokalseiten gibt es in Münster durchaus unterschiedliche Ansichten, aber keine gesicherten Zahlen über die Auflagenentwicklung nach dem 19. Januar. Gewiss ist allerdings, dass die Lensing-Lösung wieder die Aufmerksamkeit auf das umstrittene Thema Outsourcing im Verlagswesen gelenkt hat.

Münster in den Köpfen

Outsourcing, das Auslagern von Unternehmensteilen oder Produktions- und Dienstleistungsprozessen, hat in den vergangenen Jahren auch im redaktionellen Kerngeschäft der Tageszeitungen um sich gegriffen. Jedoch nur selten ähnlich konfrontativ wie im Fall Münster, wo der Verleger geradezu handstreichartig gegen die Mitarbeiter vorging. Das sorgte für bundesweite Schlagzeilen und für Missstimmung auch im eigenen Lager.

Derartigen Lärm wie Lensing-Wolff möchte man keinesfalls verursachen - schon aus Image-Gründen. "Münster ist in den Köpfen und bleibt in den Köpfen", sagt ein Vertreter aus Verlegerkreisen, der nicht namentlich zitiert werden möchte. "Die Zeitungsbranche muss Obacht geben, dass sie ihre Rolle als gesellschaftspolitische Instanz nicht aufs Spiel setzt." Von Politikern sei bereits zu hören, es gebe zwar noch einige Qualitätszeitungen, sonst wohl aber nur Billigredaktionen.

Also lässt man sich zurzeit nicht gerne in die Münster-Ecke stellen. Wer ein Gespräch über das Thema Outsourcing mit einem Verweis auf die Ereignisse bei der MZ beginnt, ist beispielsweise bei Geschäftsführer Herbert Flecken von der Verlagsgesellschaft Madsack in Hannover an der falschen Adresse. "Unter Outsourcing verstehe ich etwas anderes", erklärt er leicht aufgebracht. Bei Madsack würden alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in die neuen Gesellschaften übernommen - zu tarifvertraglichen Bedingungen. Solche mündlichen Zusagen freuen den Betriebsrat, noch mehr freuen würde er sich über feste Vereinbarungen. Verhandlungen darüber laufen und sollen bis Ende Mai abgeschlossen sein.

Mehr Kundennähe

Der Madsack-Konzern (2.800 Mitarbeiter) hat einen großen Umbau vor: Vor einigen Jahren waren bereits die Peiner Allgemeine und die Schaumburger Nachrichten ausgelagert worden. Nun wird möglicherweise das gesamte Haus in eine Holding aus mehreren Einzelgesellschaften aufgeteilt. Am 1. Juli wird zuerst die "Neue Presse" eigenständig, weitere Unternehmensteile sollen innerhalb der nächsten Jahre folgen.

"Wir wollen nicht in einer zentralen Bürokratie erstarren", sagt Flecken, der mit dieser Strategie wieder mehr Kundennähe schaffen will. Die "Neue Presse" werde den Schwerpunkt stärker auf lokale Berichterstattung legen. Auch Anzeigenabteilung und Vertrieb müssten vor Ort stärker präsent sein. Das Ziel sei "Kosteneinsparung durch mehr Umsatz".

Einen radikalen Umbau haben andere Häuser bereits hinter sich. Zu den Pionieren zählt die "Rhein-Zeitung". Verleger Walterpeter Twer ließ nie einen Zweifel daran, welchen Zweck das Outsourcing beim Koblenzer Mittelrhein-Verlag (MRV) hatte: Rund ein Drittel der Personalkosten wollte Twer auf diese Weise einsparen. Mittlerweile wurden fast alle Verlagsbereiche, einschließlich der Redaktionen - die Rhein-Zeitung hat 18 verschiedene Ausgaben - in neun eigenständige Gesellschaften ausgelagert, begleitet von Personalabbau und Gehaltskürzungen. Nach Tarif wird bei der größten Zeitung in Rheinland-Pfalz in den meisten Abteilungen schon lange nicht mehr gezahlt.

Bereits 1995 war Twer aus dem Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) ausgetreten. Betriebsrat und MRV-Geschäftsführung befinden sich im Dauerclinch vor den Arbeitsgerichten. Einen 14-tägigen Streik im Jahr 2003 saß Walterpeter Twer erfolgreich aus. Das Arbeitsklima wird als miserabel geschildert.

Laufende Verfahren

Zurzeit fechten noch drei Lokalredakteure Kündigungsschutzklagen aus. Von weitreichender Bedeutung ist dabei die Frage, ob die Ausgliederung in Regionalgesellschaften als Betriebsübergang im Sinne des Paragrafen 613 BGB gewertet wird. Dann müsste die neue Gesellschaft alle Rechten und Pflichten des alten Arbeitgebers übernehmen, auch betriebsbedingte Kündigungen wären nicht möglich. Im November hat das Landesarbeitsgericht Mainz den Betriebsübergang bejaht, doch die Verfahren sind noch nicht abgeschlossen.

Die Ereignisse von Münster sind 250 Kilometer südlich jedenfalls besonders aufmerksam verfolgt worden. Lothar Junk, Betriebsratsvorsitzender bei der "Rhein-Zeitung", war "richtig glücklich, dass das mal Öffentlichkeit hat. Was da passiert ist, war uns ja nicht neu."

Weitere Beispiele für umfangreiches Outsourcing finden sich etwa bei der "Sächsischen Zeitung" in Dresden und der "Schwäbischen Zeitung" in Leutkirch. Hier wurden die übernommenen Redakteure zum Teil zu den alten Bedingungen weiterbeschäftigt, während neu eingestellte Kollegen deutlich unter Tarif bezahlt werden und nur Teilzeitverträge erhalten. Ein wohl nicht unerwünschter Nebeneffekt ist die Tatsache, dass in den kleineren ausgelagerten Unternehmen Betriebsräte oft gar nicht mehr gewählt werden. Ein anderer Trick ist die Stellen-Besetzung durch Leiharbeitnehmer.

So wird es auch bei der ehemals ruhmreichen "Frankfurter Rundschau" (FR) gemacht: Das wirtschaftliche angeschlagene Blatt arbeitet seit einem Jahr mit einem "externen Pressedienstleister" zusammen. Dorthin sind die Pauschalisten des Hauptblattes ausgelagert worden. Zwar finden diese in der neuen Gesellschaft nun eine Festanstellung, was FR-Geschäftsführer Karlheinz Kroke stets als Erfolg verkauft. Die Löhne sind allerdings untertariflich. Ihre Arbeit im Haupthaus können die ausgelagerten Mitarbeiter fortsetzen, weil sie formal im Wege der Arbeitnehmerüberlassung von der neuen Gesellschaft entsandt werden. Kroke war übrigens bis 2005 Verlagsleiter der "Rhein-Zeitung".

Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) listet auf seiner Homepage ein Dutzend Zeitungshäuser auf, das Dauerarbeitsplätze durch billigere Arbeitskräfte von Leiharbeitsfirmen besetzt. Auch die "Oberhessische Presse" in Marburg, die ebenfalls zu Madsack gehört, ist darunter. Was all die verschiedenen Modelle bewirkt haben, ist freilich noch nicht untersucht worden. Was bedeutet Outsourcing für die internen Arbeitsabläufe in Zeitungsverlagen? Konnten die Verlage wirklich Kosten reduzieren? Wie hat sich das auf die Qualität des Produkts ausgewirkt? Das wäre auch ein lohnendes Feld für die Kommunikationsforschung.

"Eiserner Arsch"

Bisher drängt sich der Verdacht auf, dass Outsourcing im Verlagsbereich vor allem als probates Mittel gilt, um die tarifvertraglichen Regeln zu unterlaufen und alte Privilegien abzubauen. Vielen Verlegern ist die Tarifstruktur insgesamt zu wenig flexibel. Herbert Flecken etwa beklagt in seinem temperamentvollen Vortrag, dass hier "der eiserne Arsch" belohnt werde, sprich: Der Älteste bekommt am meisten. Dabei wurde bei der letzten Einigung der Tarifparteien im September 2006 die letzte Gehaltsstufe ab dem 15. Berufsjahr gestrichen.

Auch führt ein abgeschlossenes Studium nicht mehr dazu, dass ein Anfänger automatisch in das vierte Berufsjahr eingestuft wird. Der Flächentarifvertrag müsse erneuert werden, fordert Flecken, der sich zugleich ausdrücklich zur Tarifpartnerschaft mit den Gewerkschaften bekennt. Diese Haltung bröckelt jedoch: Wie Madsack orientieren sich laut BDZV nur noch 80 bis 85 Prozent der deutschen Zeitungsverlage am Flächentarifvertrag.

Das Medienhaus Lensing-Wolff zählte schon vor der umstrittenen Aktion bei der "Münsterschen Zeitung" nicht mehr dazu. "Insofern kann auch von einer Tarifflucht nicht die Rede sein", bemerkt Geschäftsführer Lutz Schumacher. Es kam in Münster nach dem 19. Januar zu Protestaktionen, die von Schumacher heute als eine "Kampagne der Gewerkschaften" bezeichnet werden. "Das ist ein schönes Schurkenstück gewesen, in denen die Rollen von Gut und Böse fest vergeben waren", sagt er mit ironischem Tonfall.

Lensing-Wolff hatte sich für diese Rolle aber auch redlich beworben: Die Alt-Redaktion war bereits Wochen zuvor in ein anderes Gebäude verfrachtet worden, vorgeblich aus Renovierungsgründen, während am alten Standort, wenn auch in einem anderen Stockwerk, die neue Redaktion aufgebaut wurde. Sie wird nun von der Media Service GmbH & Co. KG betrieben, einer hundertprozentigen Tochter des Medienhauses Lensing - "für mich ein externer Dienstleister", betont Lutz Schumacher.

Dass die Alt-Redaktion erst am Tag der eigenen Absetzung informiert wurde, daran kann Schumacher bis heute nichts Ungehöriges finden: "Wäre es denn besser gewesen, wenn sie vier Wochen vorher informiert worden wäre?", fragt er. Tatsächlich scheint dies die reguläre Politik bei Lensing zu sein. Wenig später wurde mit zehn Druckern der Dortmunder "Ruhr-Nachrichten" ähnlich verfahren. Ob der Betriebsrat vorab nicht doch hätte informiert werden müssen, wird demnächst womöglich vor Gericht entschieden.

Teil-Auslagerungen

Outsourcing ist auf Verlegerseite nicht nur aus Gründen des Stils umstritten. Während das Auslagern etwa des Fuhrparks, technischer Dienste, von Aboverwaltung und Vertrieb längst in vielen Häusern üblich ist, blieben die Redaktionen bis Mitte der neunziger Jahre verschont.

Verstärkt durch die Zeitungskrise und das Wegbrechen der Anzeigenmärkte, werden seither unterschiedliche (Spar-)Modelle ausprobiert: Umfassenden Lösungen wie in Münster, Koblenz, Dresden oder auch bei der Berliner Springer-Zeitung "B.Z." stehen Teil-Auslagerungen wie beim Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag gegenüber, wo nur die Sportredaktion in eine eigene Gesellschaft entlassen wurde, oder wie bei der "Rheinpfalz" in Ludwigshafen, wo für die neue Sonntags-Ausgabe ebenfalls eine separate Firma gegründet wurde. Wahr ist aber auch: Frühstarter wie Walterpeter Twer haben nicht gerade eine Outsourcing-Welle ausgelöst. In vielen Häusern ist bisher (noch) keine Rede davon, jedenfalls nicht im redaktionellen Bereich.

Der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) scheut dennoch eine klare Verbandsmeinung. Dabei hat sein Vorsitzender Helmut Heinen in Interviews seine Skepsis mehrfach kundgetan: "Eine Auslagerung von Redaktionen, etwa von Lokalredaktionen, heißt Preisgabe wesentlicher journalistischer Kernkompetenz", erklärte er auf einem Forum des Deutschen Journalisten-Verbands im Oktober 2001 in Bonn. Und im Gespräch mit der "Netzeitung" sagte er im Juli 2005: "Existenziell wichtig ist, dass die Unabhängigkeit, die publizistische Grundlinie und die Qualität der jeweiligen Zeitung keinen Schaden erleiden. Hier muss jeder Verlag seinen Weg finden. Nach meinem Selbstverständnis gehört dazu, dass die Kernbereiche wie Politik, Wirtschaft, Lokales, Sport und Kultur erhalten bleiben."

Ratgeber-Dienste

An den Rändern freilich nimmt man die eigene redaktionelle Kompetenz zunehmend weniger wichtig. Neben Börsentabellen und Wetterkästen werden komplette Seiten in Ressorts wie Service, Auto, Reisen und Medien eingekauft - auch das eine Form von Outsourcing. Auf diesem Markt mischen die Nachrichtenagenturen mit. Die Deutsche Presse-Agentur (dpa) hat zwar die Produktion redaktioneller Fertigseiten Ende des vergangenen Jahres eingestellt, übernimmt dafür aber - vorbehaltlich der kartellrechtlichen Zustimmung - die Springer-Tochter PPS (Presse-Programm Service) in Berlin, die Tageszeitungen mit dem aktuellen Rundfunkprogramm versorgt. Redaktionelle Programmtipps und sogar komplette Medienseiten werden ebenfalls geliefert, "wenn das jemand unbedingt will", sagt Geschäftsführer Christian Töpper. Das sei jedoch nur ein Nebengeschäft, im Übrigen dränge man nicht in den redaktionellen Bereich.

Manche Zeitungen haben bereits festgestellt, dass diese Form der Auslagerung redaktioneller Kompetenz nicht effektiv ist. Sowohl die "Aachener Zeitung" als auch die "Aachener Nachrichten", die beide unter einem Verlagsdach erscheinen, waren mit den PPS-Texten nicht zufrieden und füllen ihre aktuellen Medienseiten nun wieder lieber selbst.

Auch die 2003 gegründete "Publishing-Redaktion" des Deutschen Depeschendienstes (ddp) beliefert fünf Tageszeitungen mit "Seiten aus dem gesamten Spektrum der Ratgeber- und Themendienste". Eine Tageszeitung bezieht auch den redaktionellen Teil ihrer Fernsehseite von ddp: die Dortmunder "Ruhr-Nachrichten" aus dem Hause Lensing-Wolff.

Interessant ist der Fall des "Nordkurier" in Neubrandenburg: Nachdem 14 Redakteure aus Spargründen nicht mehr weiterbeschäftigt wurden, kaufte die Regionalzeitung mangels Personal ihre beiden Brandenburg-Seiten zeitweise von ddp ein. Als die Organisation der Mantelredaktion auf das Newsdesk-Prinzip umgestellt wurde, "haben wir wieder Kapazitäten für eigene Geschichten frei bekommen", sagt der stellvertretende Chefredakteur Oscar Tiefenthal. Daher könnten auch die Regionalseiten für Brandenburg wieder selbst produziert werden. Von ddp bezieht der "Nordkurier" weiterhin mehrere Dutzend Ratgeber- und Reise-Seiten im Monat.

Redakteure und Schreiber

Newsdesk beziehungsweise Newsroom sind im Kern nichts Neues, sondern die angelsächsische Art, den Redaktionsalltag zu organisieren: die Trennung von Redakteuren und Reportern, von jenen, die Texte redigieren und Seiten produzieren, und jenen, die recherchieren und schreiben. Dabei können Ressortgrenzen fallen und vor allem kürzere Kommunikations- und Verteilungswege geschaffen werden. Wenn's gut läuft, wird tatsächlich effizienter gearbeitet, wenn's schlecht läuft, entdeckt der Verleger, dass er ja nun mit weniger fest angestellten Redakteuren auskommt. Dann wäre allerdings der mögliche Qualitätsgewinn wieder futsch.

In Mantel- wie Lokalredaktionen zahlreicher Zeitungen ist das Newsdesk-Prinzip bereits eingeführt worden. Zu den Vorreitern zählten die Würzburger "Main-Post" und die "Braunschweiger Zeitung". Auch bei den "Ruhr-Nachrichten" in Dortmund wird bereits so gearbeitet, und Lutz Schumacher kündigt an, dass bald die Lokal-Ausgaben rund um Dortmund und noch in diesem Jahr auch im Münsterland nachziehen werden.

Wie beim Outsourcing ist dabei der Wunsch, kostengünstiger zu arbeiten, verbunden mit der Sorge vor einer Zukunft, in der Print endgültig abgehängt sein könnte von Online-Medien. Zwar ist die Umsatz-Entwicklung der Verlage nicht so schlecht, dennoch weisen Auflagenschwund und die Einbrüche auf den Anzeigenmärkten auf eine strukturelle Veränderung auf dem Medienmarkt hin: Die Zeitung verliert an Boden. Verlage definieren sich um in Medienhäuser, suchen ihr Heil in "Online First"-Strategien und schöpfen aus neuen Einnahmequellen wie der Postzustellung.

Tausendsassas

Journalisten spielen in diesem Szenario die Rolle von wahren Tausendsassas, die spielend mehrere Medien-Plattformen gleichzeitig bedienen können. Altgedienten Redakteuren wird diese Flexibilität vielerorts nicht zugetraut. Doch in der Vergangenheit wurde auch an der Ausbildung gespart: Die Zahl der Volontäre sank zwischen 1990 und 2004 drastisch: von 1.436 auf 1.072. Junge Journalisten finden schlechtere Einstiegskonditionen vor, wenn sie denn überhaupt einen Arbeitsplatz bekommen und sich nicht freiberuflich durchschlagen oder als Leiharbeitnehmer einspringen.

Das Personal ist jedenfalls vorhanden, um bei Auslagerungen ältere gegen jüngere, besser bezahlte gegen schlechter bezahlte Kräfte auszutauschen. Manche gehen dabei mit der Brechstange vor wie in Münster. Kosten einzusparen, sei nicht der zentrale Grund für den kompletten Austausch der Lokalredaktion der Münsterschen Zeitung gewesen, sagt Lutz Schumacher. Um für die Zukunft fit zu sein, müssten die Mitarbeiter Arbeitsweisen und -prinzipien rasch ändern können. Dazu müsse man manchmal auch den "nötigen Druck" ausüben können. Zurzeit jedoch würden "Leute, die nicht wollen", durch den Tarifvertrag geschützt.

Münster steht für eine besonders unappetitliche Variante in diesem von Verlegerseite angeheizten Generationenkampf: Unter Rechtfertigungsdruck geraten, begründete Lambert Lensing-Wolff seine rigorose Vorgehensweise öffentlich mit der vermeintlich "unterirdischen" Qualität seiner langjährigen Mitarbeiter. Erst setzte er seine Leute vor die Tür, dann trat er auch noch nach - mit Bemerkungen, die, sollten sie wahr sein, nur das Eingeständnis eigener Versäumnisse bedeuteten. Die Leute seien über viele Jahre hinweg "in diesem Termin- und Gefälligkeitsjournalismus regelrecht versaut worden", sagte Lensing-Wolff unter anderem.

Verlautbarungsjournalismus

"Unter dem Eindruck dieser Diffamierungen und angesichts einer neuen Redaktion, die eine Zeitung am Leser vorbei produziert, wurde den Rausgeschmissenen eins klar: Dahin möchten wir gar nicht zurück", erklärten die Betroffenen auf einer Solidaritätsveranstaltung in Münster. Die meisten der 19 Mitarbeiter haben individuelle Vereinbarungen unterschrieben, langwierige Verfahren vor dem Arbeitsgericht konnte der Verlag so vermeiden. Die im Schnitt etwa 50 Jahre alten Mitarbeiter erhalten, bis auf einige Sonderfälle, eine Abfindung und ein Jahr lang als Angestellte einer Transfergesellschaft ein reduziertes Gehalt. Allein der Betriebsrat zieht noch vor das Arbeitsgericht und versucht, einen Sozialplan durchzusetzen.

Tragisch ist ein weiterer Umstand: Der ehemalige MZ-Chefredakteur Claus-Jürgen Spitzer, der von Lensing-Wolff nach dem 19. Januar seines Amtes enthoben wurde, indem er ihn zum Herausgeber beförderte, ist Anfang Mai im Alter von 61 Jahren gestorben.

Nicht nur in Münster ist die Meinung, dass die eigenen Lokalteile in einem "gähnend langweiligen Verlautbarungsjournalismus" (Herbert Flecken) stecken geblieben sind, vermehrt zu hören. Das mutet freilich wie ein Treppenwitz an. Wie wichtig Verlegern und Geschäftsleitungen die Qualität der Lokal-Ausgaben in der Vergangenheit war, kann man an der dürftigen personellen Ausstattung der Redaktionen oder auch den tatsächlich "unterirdischen" Honoraren für freie Mitarbeiter erkennen, die mancherorts bei zwölf Cent pro Zeile liegen.

Schön, dass sich die Verlage unter dem Eindruck des Medienwandels des einzigen Vorsprungs erinnern, den sie nach wie vor besitzen: der Präsenz in lokalen und regionalen Räumen. Nun wäre hilfreich, wenn sich die Erkenntnis durchsetzen könnte, dass dieser Vorsprung nur durch Qualität gehalten werden kann. Wer sein Tafelsilber behalten will, muss es pflegen.

epd medien Nr. 37 vom 12. Mai 2007






 
 

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