MEDIEN
AKTUELLES HEFT
INTERVIEWS
MEDIENLINKS
SERVICE
WEB-ARCHIV
DAS RESSORT
HOME
SUCHE
ADRESSEN
PRODUKTE
LINKS
SITEMAP
Dokumentation
Film
Medien
Sozial
Bayern
Hessen
Niedersachsen-Bremen
Nord
Ost
Rheinland-Pfalz/Saarland
Südwest
West
Bilddatenbank
Grafikdatenbank
Die Nachrichten-Agentur
Anzeigen
Freie Stellen
Kontakt
Impressum
   
Abonnieren Sie unsere Newsletter! Druckversion Empfehlen Sie die Seite weiter! Bestellen Sie direkt!
  "Strahlkraft"
Ein epd-Interview mit RBB-Intendantin Dagmar Reim



Dagmar Reim
©Foto: RBB

epd: Frau Reim, die ARD als Senderverbund hat schwierige zwei Jahre hinter sich. Immer neue Affären um Schleichwerbung und prekäre Exklusivverträge, dazu streitige Personalauseinandersetzungen mit Herrn Boßdorf zum Beispiel. Sind die Probleme inzwischen bewältigt?

Reim: Ich hoffe. Doch Probleme haben es so an sich, dass sie immer mal wieder auftauchen können, im Zweifelsfall dort, wo man sie gar nicht vermutet. Ingesamt denke ich, dass wir aus den Schwierigkeiten, die wir hatten, die richtigen Konsequenzen gezogen haben. Indes: Selbstgerechtigkeit oder gar Bräsigkeit wären erste Versuchungen, die Fehler zu wiederholen.

Die Selbstverpflichtungen von ARD und ZDF sollten manchen Fehlern vorbeugen, unter anderem, dass die gebotene Trennung von Programm und Werbung verletzt wird. Dennoch ist es in erheblichem Umfang geschehen. Ist nicht eine Ursache dafür, dass in den Sendern und ihren Tochterunternehmen die Selbstverpflichtungen zu wenig als Führungsaufgabe nach innen begriffen werden? Dass man den Mitarbeitern klar macht: Es hat Konsequenzen auch für Deine Alltagsarbeit, wenn wir Intendanten uns öffentlich zu Standards bekennen?

Das ist selbstverständlich richtig. Der Punkt ist: Man lebt im Alltag und hat vorher die Latte hoch gelegt. Dann kann es passieren, dass einige hoch erhobenen Kopfes darunter durchlaufen. Gerade habe ich einen neuen Mitarbeiter eingestellt und ihn gefragt: Haben Sie schon die Unternehmensleitlinien des RBB bekommen? Seine Antwort: Er habe einen Stapel Papier bekommen, könne sich aber daran nicht erinnern. Wir produzieren eine Menge Papier, weisen aber zu wenig darauf hin, was darin für uns essenziell ist. Die Trennung von Programm und Werbung gehört ganz zweifellos zu diesen Grundsätzen.

„Der Fall Ullrich war ein Sündenfall“

Als die Jan-Ullrich-Verträge mit der Zusicherung finanzieller Spritzen gegen exklusive Interviews ruchbar wurden, riefen viele Senderchefs: Wenn wir das gewusst hätten! Ist es ein Problem der unüberschaubaren Komplexität, dass die Intendanten Vorlagen abnicken, ohne Inhalt und Konsequenzen genau zu kennen?

Auch, aber nicht nur. Komplexität heißt, dass wir in der ARD für bestimmte Arbeitsfelder Federführer haben. Wenn der Saarländische Rundfunk der Federführer für den Radsport ist, fühle ich mich in der Regel nicht aufgerufen, Verträge, die Saarbrücken verhandelt und vom dortigen Justiziar geprüft sind, nachzuprüfen. Wenn ich alles prüfen wollte, was andere verhandelt haben – Beispiel Bundesligarechte -, dann hätte ich keine Sekunde mehr für den RBB. Deswegen ist das Prinzip der Arbeitsteilung richtig. Gleichwohl: Der Fall Ullrich war ein Sündenfall, und er hätte auffallen müssen. Das Prinzip „Vertrauen auf Gegenseitigkeit“ muss gelten, weil wir sonst nicht mehr arbeiten können. Das ist in allen föderalen Systemen so, auch bei den Bundesländern. Wenn in diesen ARD-Zusammenhängen der Keim des Misstrauens gesät würde, wäre die Arbeitsgemeinschaft am Ende. Und das will niemand von uns.

Reim stellt sich zur Wiederwahl

epd   Am 11. Mai wird der Rundfunkrat des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB) eine neue Intendantin oder einen neuen Intendanten wählen. Die Amtszeit beginnt am 1. Mai 2008. Amtsinhaberin Dagmar Reim stellt sich zur Wiederwahl. Weiterer Kandidat ist Reinhard Griebner, Redakteur in der RBB-Chefredaktion Fernsehen; ein anderer Bewerber hatte kurzfristig zurückgezogen. Im epd-Interview mit Volker Lilienthal erläutert Reim die Arbeitschwerpunkte ihrer ersten Amtszeit (seit 2003) und äußert sich auch zur Lage der ARD (vgl. auch Meldung in dieser Ausgabe).

Die ARD hat sich einvernehmlich und gegen Zahlung einer hohen Abfindung von Hagen Boßdorf getrennt – was auch für Sie den schönen Nebeneffekt hatte, dass Herr Boßdorf auf Weiterbeschäftigung durch den RBB verzichtete. Nun aber, nach Bekanntwerden neuer Stasivorwürfe, droht der Fall wieder aufgerollt zu werden. Die ARD will ihr Geld zurück – was halten Sie davon?

Ich bin fest überzeugt, dass unsere Juristinnen und Juristen umfassend prüfen werden, ob es für die ARD möglich ist, Rückforderungen zu stellen. Ich glaube nicht, dass die Erfolgsaussichten sehr groß sind.

Als Frau sind Sie in der Intendantenrolle nicht mehr allein, seit Monika Piel dazugestoßen ist. Freut Sie das?

Ja, wer kann schon von sich sagen, dass sich seine Aktien innerhalb eines Tages verdoppelt haben?

Man hört, Sie hätten sich in den fast vier Jahren, die Sie jetzt Intendantin sind, in der Herrenrunde der ARD-Senderbosse stark eingemischt, seien oft unbequem, ja manchmal hartleibig gewesen. Wie war Ihre Sicht auf die männlichen Kollegen?

Ich glaube, niemand hat 2003 erwarten können, dass jetzt eine nette kleine Frau kommt, die man über den Tisch ziehen könnte.

„Zumal wir nichts Unsittliches erwarten“

Medienpolitisch ist für die ARD Windstille nicht in Sicht. Der EU-Kompromiss ist nun offiziell, muss aber noch umgesetzt werden. Dann das Urteil des Bundesverfassungsgerichts über die Verfassungsbeschwerden – was erwarten Sie?

Wir sind oft gefragt worden, warum wir solche Prozesshansel sind und nach Karlsruhe gehen. Wir sind aber keine Prozesshansel. Es geht uns darum, die Gebührenfindung staatsfern zu erhalten. Wenn wir es hingenommen hätten, dass in einem laufenden Gebührenverfahren Ministerpräsidenten mal eben so sagen: Das interessiert uns nicht, was die KEF macht! - dann hätten wir uns abmelden können. Wir sind nicht nach Karlsruhe gegangen, um ein paar Cent mehr zu erhalten, sondern wir hoffen darauf, dass die höchsten Richter die Staatsferne der Gebührenfindung bestätigen. Zudem: Wenn wir es akzeptiert hätten, dass Ministerpräsidenten nach Gusto über die Gebührenhöhe bestimmen, wäre der Brüsseler Verdacht, wonach die deutsche Rundfunkgebühr eine unerlaubte staatliche Beihilfe sei, geradezu bestätigt worden.

Es könnte sein, dass Karlsruhe nicht nur den Ländern, sondern auch den Sendern Lektionen erteilt. Haben Sie da was zu befürchten?

Nein. Aber es kann passieren. Sie wissen ja: Vor Gericht und auf hoher See... Aber in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland war der öffentlich-rechtliche Rundfunk bei den Verfassungsrichtern immer gut aufgehoben. Diese Hoffnung haben wir auch diesmal. Zumal wir nichts Unsittliches erwarten.

Was ist eigentlich aus Ihrem Verstoß im Spätsommer vergangenen Jahres geworden? Vom Solidarsystem ARD verlangten Sie zusammen mit Ihrem MDR-Kollegen Udo Reiter einen Ausgleich für übermäßige Gebührenausfälle in Ihren Sendegebieten infolge Hartz IV und der daraus folgenden Gebührenbefreiungen. Ist es richtig, dass Sie auf taube Ohren gestoßen und gänzlich erfolglos geblieben sind?

Alles andere wäre ein Wunder gewesen. Ich habe mit keiner anderen Reaktion gerechnet. Das ist dieselbe Reaktion, die Herrn Wowereit und Herrn Platzeck widerfährt, wenn die zu ihren Ministerpräsidentenkollegen sagen: Wollt Ihr uns helfen? Beim Geld hört die Freundschaft auf. Aber ich war mir mit Udo Reiter einig, dass dies kein Gejaule und Gemeckere der armen Vettern ist, sondern dass sich hier eklatant eine Schere zwischen Ost und West weiter öffnet. Wir können nicht hinnehmen, dass eine gleichmäßige Rundfunkversorgung, die für ganz Deutschland vorgesehen ist, langfristig kippt, weil die Einnahmen im Osten wegbrechen. Nun sind wir ein Jahr weiter und es sieht so aus – das sage ich in aller Vorsicht –, dass die Gebührenausfälle vorübergehend möglicherweise nicht mehr so dramatisch sein werden. Aber es gibt für den RBB heute keinen Grund, Entwarnung zu geben.

Es bleibt also – trotz allmählicher wirtschaftlicher Besserung in Deutschland – bei Ihrem Grundanspruch?

Selbstverständlich. Es gibt bei mir eine innere Wiedervorlage. Die äußere wird es dann geben, wenn ich valide neue Zahlen über den Gebührenertrag in Berlin und Brandenburg habe. Der Konjunkturaufschwung kommt in den Regionen, in denen wir senden, wenn überhaupt, dann später an; das ist unsere Erfahrung. Es gibt eine große Armut in dieser Weltgegend. Darüber sind sich nicht alle im Klaren. Die Gebührenbefreiungsquote liegt im Bundesdurchschnitt bei etwa 9,5 Prozent. Hier sind es 13,5. Und dann gibt es eine Marge an eigentlich Gebührenpflichtigen, die nicht zahlen. Auch dies kennen die Kollegen im Westen in dieser scharfen Form nicht.

„Kritische Grenze für die Gemeinschaftsaufgaben“

Ihre Programmzulieferungsquote an das Erste wurde bereits von 7 auf 6,85 Prozent gesenkt, um Ihnen eine Ersparnis von immerhin 1,1 Millionen Euro jährlich zu verschaffen. Doch Ihr Fernsehdirektor Gabriel Heim klagt, der RBB werde bei der Mitfinanzierung von außerplanmäßigen Aufwendungen wie zum Beispiel der Übertragung einer Papstwahl oder ähnlichem über seine Kräfte belastet. Stimmt das?

Was der Kollege Heim meint, ist dies: Die Balance zwischen den Finanzströmen kann bei uns nicht so gut laufen wie bei einem großen Sender. Unser Investment in das Erste ist prozentual gerechnet natürlich nicht besonders hoch. Jedoch in absoluten Zahlen für unsere Verhältnisse eben doch. Wenn ein großer Bundesliga-Vertrag geschlossen wird, wenn sehr teure Filmpakete geschnürt werden, dann ist das für den RBB immer ein Schluck aus der Pulle. Für das Geld könnten wir sehr lange senden. Bei uns gibt es eine kritische Grenze für die immer teurer werdenden Gemeinschaftsaufgaben.

Artikulieren Sie dergleichen auch in der Intendantenrunde?

Selbstverständlich. Da ziehen alle Intendanten kleinerer Sender an einem Strang, ich befinde mich zu diesem Punkt in einem engeren Kontakt mit Herrn Glässgen, Herrn Raff, auch mit Herrn Reitze und seit neuestem mit Herrn Reiter. Selbstverständlich wollen wir alle gemeinsam die Kraft der Gemeinschaft erhalten und nicht schwächen. Leider stellen wir seit Jahrzehnten fest, dass es keine Gebührengerechtigkeit gibt. Die Gebühr wird nicht regional bedarfsgerecht verteilt. Um ein Beispiel zu geben: Die Grundausstattung eines Studios kostet beim reichen WDR dasselbe wie beim RBB. Ein Server fürs Programm kostet einen großen Sender dasselbe wie einen kleinen. Sie können sich denken: Wenn die Decke dünn ist, wird es leicht zugig.

„Der Standort ist ein Traum“

Das stärkste Pfund, mit dem der RBB programmlich innerhalb der ARD wuchern kann, ist sein Standort, oder?

Der Standort ist ein Traum. Berlin ist mehr als ein Brennglas für die deutsch-deutsche Entwicklung, Berlin ist der Schauplatz überhaupt, was Sie auch daran sehen, dass jährlich tausende junger kreativer Leute aus Mode, Werbung und Kunst nach Berlin strömen.

Dennoch ist das ARD-Hauptstadtstudio, das dem RBB verwaltungstechnisch untersteht, plural mit Journalisten aus allen Landesrundfunkanstalten besetzt. Ist der RBB als Berliner Sender bundesweit hinreichend vernehmbar?

Es wäre vermessen, mehr zu erwarten. Mit der Gründung des Hauptstadtstudios, geschehen noch zu Zeiten des SFB, waren die Messen gesungen. Dieses Studio ist allein für Bundespolitik zuständig, wir entsenden dorthin eine Kollegin und einen Kollegen. Unser eigentliches Feld ist Berlin jenseits der Reichstagskuppel. Da gibt es eine Menge zu berichten, gerne auch für das Bundesprogramm. In alle ARD-aktuell-Formate liefert der RBB sehr viel zu.

„Wir werden diesen Umbau schaffen“

Als Gründungsintendantin des RBB hatten Sie keine leichte Aufgabe, aber Sie waren für viele Betroffene im Sender keine bequeme Chefin. Nun treten Sie für eine zweite Amtsperiode nach dem 30. April 2008 an, der Rundfunkrat muss entscheiden. Welche Schwerpunkte würden Sie in Ihrer künftigen Arbeit setzen?

Wenn Sie erlauben, erläutere ich die wichtigsten Aufgaben der ersten Periode, denn daraus ergeben sich die für die Zukunft des Senders. Zwei Kleine sind zusammengekommen und machen noch keinen Großen aus. Aber: zwei Kleine sind schon kräftiger als ein Kleiner allein. Als wir nach der Fusion die Lage von ORB und SFB analysierten, stellten wir fest, dass wir zwei Fernsehprogramme und sieben Radiowellen produzieren. Das hätten wir nicht mehr finanzieren können. Der Preis, den wir mit der Fusion bezahlen mussten, war ein deutlicher Personalabbau. Bis zum 1. Januar 2009 werden es über 300 Stellen weniger sein. Wenn Sie von ursprünglich 1750 Stellen ausgehen, sind das fast 20 Prozent weniger. Das ist ein extrem schmerzhafter Abbau, der für sehr viele Kolleginnen und Kollegen Arbeitsverdichtung zur Folge hat. Vom ersten Tag an habe ich allen immer die Wahrheit gesagt und nicht so getan, als würden wir etwas geschenkt bekommen. Wir werden diesen Umbau schaffen. Bis jetzt haben wir ihn geschafft, ohne ein Programm einzustellen, ohne die gute Qualität unserer Angebote einzubüßen und ohne eine einzige betriebsbedingte Kündigung.

In der zweiten Amtszeit, wenn ich sie denn machen kann, würde es darum gehen, die Qualität noch auszubauen und aus dem RBB insgesamt einen Sender mit Strahlkraft zu machen. Im ARD-Flottenverbund sind wir ein kleineres, aber auch, wie ich hoffe, schnelleres Boot. Wir haben unendlich viele interne Strukturen verändert und Menschen in Bewegung gebracht. Und wir haben sehr viel für die Programme erfunden. Das auf den Prüfstand zu stellen und zu schauen, was geglückt ist und wo wir noch stärker werden können – das würde zu den Zielen der zweiten Amtszeit gehören. Und wenn es gelänge, die Radioprogramme, auf die der Sender sehr stolz sein kann, in ihrer Vielfalt zu erhalten, wäre viel erreicht.

„Für große Unterhaltung haben wir gar kein Geld“

„Strahlkraft“ ist eine schöne Metapher. Aber was bedeutet das eigentlich?

Ich kann es mit Inhalt füllen. Radioeins ist ein Programm, um das uns die gesamte ARD beneidet. Das ist ein Programm für jüngere Erwachsene, kein Jugendradio. Das ist ein Unikat. Sie hören hier Musik, die es sonst nirgends gibt, und Sie hören interessantes, witziges und anspruchsvolles Wort. So etwas müsste doch eigentlich Exportchancen haben, oder? Zudem wollen wir Köpfe haben, die für den Sender stehen. Solch ein Kopf ist etwa Jörg Thadeusz. Kleine Formate wollen wir entwickeln, die irgendwann ARD-fähig werden. Für große Unterhaltung haben wir gar kein Geld. Aber dass es uns gelungen ist, so eine Berlinische Kreation wie Kurt Krömer zu entdecken und bei uns zu behalten – er hatte sehr viele Angebote kommerzieller Sender – und in die ARD zu bringen, so etwas freut mich. Ein kleiner Sender darf sich nie scheuen, eine Krabbelstube zu sein. Auch Anne Will kommt ja ursprünglich vom SFB. Das ist für uns noch heute ein Kompliment. Stars können wir nicht bezahlen und werden sie irgendwann verlieren. Aber wir müssen immer aufmerksam bleiben, weil gerade in dieser kreativen Hauptstadtregion junge Talente heranwachsen.

Sie lobten die Radioprogramme. Aber wie sieht es mit deren Akzeptanz bei den Hörern aus?

Wir sind im ARD-Vergleich teilweise noch Schlusslicht. Mir ist es aber wichtiger, dass wir uns hörbar von kommerziellen Massenprogrammen unterscheiden. Wir müssen nicht more of the same bieten. Sondern nur der vernehmbare Unterschied verhilft uns ins digitale Zeitalter. Nach der Masse zu schielen, das können die anderen im Zweifelsfall besser. Dennoch ist unsere starke Landeswelle Antenne Brandenburg Marktführer in der Gesamtregion Berlin-Brandenburg, und radioBERLIN 88,8 rangiert in der Metropole auf Platz 2.

„Gern mehr 50-Jährige gewinnen“

Im vergangenen Jahr hatten Sie das Kulturradio zum Unternehmensziel ausgerufen. Wo sehen Sie dieses Programm heute, auch nach der vielen Kritik, die es gegeben hat?

Die Kritik war unausweichlich. Bei Kulturwellen ist es so: Sie können sich damit zufrieden geben, dass Sie die erreichen, die Sie immer schon erreicht haben. Diese Hörer haben aber den entscheidenden Nachteil, dass sie sich irgendwann verabschieden, und sei es aus biologischen Gründen. Bei der Bestandsaufnahme der Kulturwellen von SFB und ORB mussten wir feststellen, dass der Altersschnitt der Hörer nicht etwa gleich blieb, sondern binnen zwei Jahren um bis zu zehn Jahre stieg. Dieser Entwicklung konnten wir nicht länger tatenlos zusehen, zumal es sich um unser teuerstes Radioangebot handelt. Verjüngung heißt in diesem Fall: Wir würden gern mehr 50-Jährige dafür gewinnen. Darum kümmern wir uns. Wir haben uns auch den Tagesverlauf von Menschen angeschaut, die noch nicht pensioniert sind, und niemanden gefunden, der sich nachmittags um 15 Uhr 55 Minuten über Theodor W. Adorno anhören kann. Daher die Zweiteilung des Programms: tagsüber ein Angebot, das man auch dann hören kann, wenn man noch im Büro ist oder nur eine relativ kurze Aufmerksamkeitsspanne hat, und am Abend dann die großen, Aufmerksamkeit verlangenden Stundensendungen.

Zugegeben: auch Kulturradio, das bleiben will, kann sich nicht gleich bleiben, muss sich ändern. Doch war nicht auch in der inhaltlichen Kritik von Traditionalisten wie Das Ganze Werk ein Körnchen Wahrheit und warum hat der RBB den öffentlichen Dialog mit diesen Kritikern so strikt verweigert?

Wir haben ihn nicht verweigert. Die Hörfunkdirektorin hat zweimal mit den Leuten diskutiert, der Chefredakteur des Kulturradios ebenfalls. Neulich wurde in der Akademie der Künste über die Rolle der Kultur im Radio diskutiert. Auf dem Podium saßen mit Ausnahme von zwei Kollegen lediglich Menschen, die nicht mehr im Berufsleben stehen. Niemand vom RBB war geladen. Wir baten darum, unsere Sichtweise auf dem Podium erläutern zu dürfen. Es war nicht erwünscht.

Nach dem Kulturradio als Unternehmensziel 2006: Ist inzwischen Entspannung eingetreten?

Ich glaube schon. Von Leuten, die Lesungen veranstalten, von Konzertveranstaltern und vielen anderen aus der Kulturszene erfahren wir ein starkes Interesse an dem, was wir tun. Und auch unsere Redaktionen kommen inzwischen sehr viel besser mit ihrem eigenen Programm klar. Sie haben Ermunterung erfahren und sich zum Beispiel einen Wettbewerb für Kurzhörspiele und Kurzfeatures einfallen lassen. Wir haben auch einige Hörer hinzugewinnen können. Wichtig ist uns: Kulturradio ist nicht auf Quotenjagd. Es soll eine wichtige Rolle in der an Kultur interessierten Zielgruppe spielen.

„Kaum jemand ist so untreu wie die Jungen“

Welche Baustellen hat der Hörfunk sonst?

Bei unserer Jugendwelle Fritz machen wir die Erfahrung, dass kaum jemand so untreu ist wie die Jungen. Da müssen wir sehr hinterher sein, die nicht zu verlieren. Der iPod macht uns scharfe Konkurrenz. Natürlich bieten wir unser Programm teilweise auch für die neuen digitalen Plattformen zum Abruf an. Doch das alles kostet, Technik und Rechte. Und meine Schreckensvision ist, dass wir am Ende 23 neue Verteilwege haben und kein Geld mehr fürs Programm. Niemand hat da eine Ideallösung. Fest steht, dass die Jungen für uns so unendlich wichtig sind, weil das Radio für sie quasi die öffentlich-rechtliche Einstiegsdroge ist. Im Fernsehen fehlen uns die jungen Zuschauer fast ganz.

Unternehmensziel 2007 ist die Stärkung der regionalen Kompetenz. Oder, in den Worten Ihrer Fusionsbilanz von Ende vergangenen Jahres: „Das rbb Fernsehen will die Gemeinsamkeiten in Berlin und Brandenburg stärken.“ Tatsächlich wird Ihr Drittes nur eine halbe Stunde am Tag auseinander geschaltet und sendet nur dann Spezifisches für Berlin oder Brandenburg. Genügt das im Sinn der Regionalisierung?

Wir denken schon. Wir wären publizistisch in der Lage, mehr zu tun, die Regionen geben das her. Aber gerade im Sinne der Stärkung von Gemeinsamkeit haben wir uns für 23,5 Stunden einheitliches Programm entschieden. Regional wird in der besten halben Stunde vor der „Tagesschau“ gesendet. Auch gibt es „Klartext“, ein Magazin, das gut recherchiert und teilweise sehr kritisch über Ereignisse in unserem Sendegebiet berichtet. Da wird alles andere als nur der Weichzeichner eingesetzt. Und die regionalen Themen spielen in unserem Gesamtprogramm eine herausragende Rolle.

„Wir dachten, dass wir richtig gelobt werden“

Als Gründungsintendantin des RBB mussten Sie die unterschiedlichen Betriebskulturen des SFB und des ORB zusammenführen und auch ganz schmerzhaft zahlreiche Stellen abbauen – mehr als 300 sollen es bis zum Jahr 2009 geworden sein. Das hat Proteste in der Belegschaft ausgelöst, Ihnen persönlich wurde ein autokratischer Führungsstil vorgeworfen. Hat sich die Lage inzwischen beruhigt?

Ja, sie hat sich beruhigt. Es hat keine einzige betriebsbedingte Kündigung gegeben. Wir haben uns von freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern trennen müssen. Wir hatten nicht mehr das Geld und auch nicht mehr den Bedarf, zum Beispiel deshalb, weil wir heute nicht mehr zwei volle Fernsehprogramme senden. Dann wurde aus zwei Kulturwellen eine. Es ist ganz klar, dass damit Beschäftigungsmöglichkeiten in erheblichem Umfang entfallen sind. Anfangs hat es mit der betriebsinternen Kommunikation darüber gehapert. Die Freien haben aber inzwischen ihre Vertreterinnen und Vertreter gewählt, die mit den Programmverantwortlichen alle Probleme besprechen können. Damit haben wir so eine Art Frühwarnsystem installiert.

Der engere Führungskreis im RBB wird seit 2005 teilweise erfolgsabhängig bezahlt – innerhalb der ARD war das damals ein Novum, stieß in der Berliner Politik aber auch auf massive Kritik. Von „Selbstbedienungsladen“ war die Rede. Womit verteidigen Sie Ihr Modell?

Wir dachten, dass wir dafür richtig gelobt werden würden. Es ist deswegen ein sehr gutes Modell, weil man im öffentlich-rechtlichen Rundfunk wenig Anreize geben kann, wie sie in der Wirtschaft üblich sind. Es gibt keine Sonderzahlungen, es gibt keine Incentives. Unsere Führungskräfte finden es wichtig, dass es einen kleinen Teil des Gehalts gibt, den sie selbst beeinflussen können. Es sind nur fünf Prozent, und diese fünf Prozent haben wir auf drei Ziele aufgeteilt: Das Unternehmensziel – derzeit die Stärkung der Regionalkompetenz – spielt eine Rolle, zweitens ein bereichsspezifisches Ziel, je nachdem, wo man arbeitet, und drittens ein persönliches Ziel. Da redet dann der Vorgesetzte mit der Führungskraft darüber, wie sie ihren Bereich geführt hat. Gerne würden wir das auch im Tarifbereich sehen. Aber das ist ein weites Feld. Momentan möchten die Gewerkschaften mit uns allein nicht darüber verhandeln. Gegebenenfalls wollen sie es aber bundesweit mit der ARD angehen.

Frauenförderung war Ihnen als der ersten ARD-Intendantin überhaupt von Anfang an sehr wichtig. Was haben Sie erreicht?

Fast 40 Prozent unserer Führungskräfte auf der Hauptabteilungsebene sind inzwischen weiblich. Im ORB waren es schon 32, doch im SFB nur neun. Heute ist das ganz anders: Hannelore Steer, meine Stellvertreterin, ist unsere Hörfunkdirektorin, Claudia Nothelle ist die einzige Fernseh-Chefredakteurin innerhalb der ARD. Meine männlichen Kollegen in der Geschäftsleitung sahen es ebenso, dass wir uns intensiv um Frauenförderung kümmern mussten. Ein verbleibender Mangel im RBB wie in allen ARD-Häusern ist, Frauen für die Produktion zu gewinnen. Das fehlt komplett. Da gehen wir jetzt in die Technischen Universitäten, die ja zunehmend Ingenieurinnen ausbilden, und werben für den RBB als Arbeitsplatz.

„Berater kosten viel Geld“

Der RBB muss sparen. Sie haben Ihre Mitarbeiter aufgefordert, Sparvorschläge einzureichen. Dabei soll ein Volumen von bis zu 20 Millionen Euro bis 2009 herausgekommen sein. Was waren die interessantesten Vorschläge?

Als ich hier anfing, hatte ich gleich einen Haufen von Angeboten auf dem Tisch. Unternehmensberatungen wollten den Sender rationalisieren. Ich habe kein einziges dieser Angebote angenommen. Denn: Diese Berater kosten viel Geld, und ich habe nicht die besten Erfahrungen mit dieser Branche gemacht. Die besten Unternehmensberater sind unsere Mitarbeiter. Weil sie wissen, wie es läuft und wo wir Luft haben. Mein Lieblingsvorschlag war der, dass wir nur noch große Wasserflaschen servieren. Sie glauben nicht, was es an Verschwendung bedeutet, wenn man bei großen Konferenzen vor jeden einzelnen Teilnehmer kleine Wasserflaschen hinstellt. Und wie preiswert es sein kann, nur Wasser und keinen Fruchtsaft anzubieten. Kleinvieh macht auch Mist. Daneben sind natürlich auch große Brocken gekommen: Verbreitungswege, Kürzungen im Investitionshaushalt, ein Tarifvertrag zur Altersversorgung.

Zu 70 Prozent haben die Sparvorschläge die so genannten programmfernen Bereiche betroffen. Die Programme wurden also zu nur 30 Prozent belastet. Das klingt nach wenig, ist aber auch schon viel. Klar ist auch, dass unsere Programme sehr viel preiswerter als bei großen Sendern hergestellt werden. Der RBB kann stolz darauf sein, dieses Sparprogramm aus eigener Kraft geschafft zu haben.

Der RBB ist im größer gewordenen Europa ein Sender mit Brückenfunktion insbesondere nach Polen. Mit „Kowalski trifft Schmidt“ senden Sie ein deutsch-polnisches Fernsehmagazin. Doch die Kollegen beim polnischen Fernsehen haben es nach dem Regierungswechsel in Warschau nicht leicht: Der TVP-Intendant Bronislaw Wildstein wurde auf Regierungsverlangen durch den ehemaligen Leiter der Staatskanzlei, Andrzej Urbanski, ersetzt. ARTE-Präsident Gottfried Langenstein berichtete im epd-Interview von erheblichen Störungen in der Zusammenarbeit mit den polnischen Partnern. Welche Erfahrungen macht der RBB?

Momentan gibt es eklatante Probleme zwischen Deutschland und Polen. Auch wir sind davon betroffen. Das gemeinsam produzierte deutsch-polnische Magazin „Kowalski trifft Schmidt“ ist im polnischen Fernsehen auf einen sehr schlechten Sendeplatz verbannt worden.

Islam-Thema „ohne Not losgetreten“

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat einen Integrationsauftrag, der aber momentan eher religiös buchstabiert wird. Was halten Sie von dem Anspruch der in Deutschland lebenden Muslime, ihren Platz auch im Rundfunk zu finden? Wird das zum Problem für die christlichen Kirchen, dass sie ihre angestammten Plätze zukünftig teilen müssen?

Ich sehe diese Gefahr, und sie ist ein Stückchen hausgemacht. Die Kirchen haben Privilegien in Deutschland. Auch programmlich sind die Verkündigungssendungen und die Sendungen mit religiöser Thematik, die unsere Redaktionen unabhängig erstellen, in den Rundfunk-Staatsverträgen verankert. Wenn wir dies nun auf die Muslime ausweiten würden, muss sich die Gesellschaft damit auseinandersetzen. Selbstverständlich könnte man freitags ein jüdisches Wort, samstags ein christliches Wort und sonntags ein muslimisches Wort anbieten. Dann wird aber montags auch das buddhistische Wort seinen Platz finden wollen. Ich sehe uns da in eine schwierige Diskussion geraten.

Inwieweit ist die Gefahr hausgemacht?

Innerhalb der ARD hat ja Herr Voß, wie ich fand ohne Not, dieses Thema losgetreten. Wenn man das tut, kann man nicht gleich wieder einschränken und sagen: Euer Platz ist aber nur der im Internet. Dass die Erste Klasse im Fernsehprogramm sitzt und die Zweite nur im Internet, das geht meiner Meinung nach gar nicht. Hier hätte ich mir mehr Abstimmung vom ehemaligen SWR-Intendanten gewünscht. Wir hätten eine Bestandsaufnahme dessen, was wir bereits anbieten, machen sollen. Denn selbstverständlich berichten unsere Redaktionen schon jetzt viel über Muslime, ihren Glauben und ihr religiöses Leben in Deutschland. Keine Programmmacherin, kein Programmmacher freut sich über weitere Verkündigungssendungen.

Die christlichen Kirchen hegen eigene Pläne für das digitale Satellitenfernsehen. Was halten Sie davon?

Es gibt katholische und protestantische Pläne. Ich bin von den Katholiken und Protestanten gefragt worden und habe ihnen gesagt, dass meine Zweifel überwiegen. Wenn sie einen eigenen katholisch-protestantischen Fernsehsender starten, so meine Prognose, dann werden die Kirchen die privilegierte Stellung bei ARD und ZDF verlieren.

Warum?

Weil sie dann ja etwas Eigenes haben und auf Platz 344 der Fernbedienung gut auffindbar sein werden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Privilegierung erhalten bleiben kann, wenn man einen eigenen Kanal bespielt. Für mich verabschieden sich die Kirchen damit vom Integrationsgedanken in den Hauptprogrammen von ARD und ZDF.

epd medien Nr. 36 vom 9. Mai 2007






 
 

© epd Hinweis zum Urheberrecht

 

 
Evangelischer Pressedienst, Emil-von-Behring-Straße 3, 60439 Frankfurt am Main
info@epd.de