epd Die Welt ist ein Dorf, und einer ihrer größten Helden heißt Dörflein. Der Tierpfleger aus Berlin, diese Wette darf man wohl eingehen, wird am Jahresende zu diversen Rückblick-Shows eingeladen werden. Der Mann sieht zwar ein wenig wild aus, aber Tipps zur Bartpflege muss er sich von Politikern nicht anhören, denn er hat ja einen Job. Und was für einen! Neben ihm zeigen sich Politiker gerne, fragen Sie Sigmar Gabriel. Dörfleins Arbeitsplatz dürfte zurzeit der beliebteste im ganzen Sonnensystem sein. Würde der Berliner Zoo seine Stelle ausschreiben, erhielte er ein paar Millionen Bewerbungen, schätzungsweise.
Thomas Dörflein ist bekanntlich der Ziehvater von Knut. Wahlweise auch von "König Knut", "Knuddel-Knut", "Knutsch-Knut", "Weltstar Knut", "Cute Knut" und so weiter. Mit solchen Wortschöpfungen, so die hier in aller Bescheidenheit geäußerte Bitte, sollte es jetzt mal gut sein. Kein Zweifel: Knut ist süüüß! Das Kindchenschema funktioniert perfekt, der tapsige Weißpelz mit den schwarzen Knopfaugen rührt ans Herz. Zudem ist die Aufzucht eines Eisbären im Zoo selten, und diese bedrohte Tierart ist - nicht erst seit Knuts Geburt -zum Symbol für die Folgen der Erderwärmung geworden.
Das öffentliche Interesse ist also gerechtfertigt, aber die in Ekstase versetzte Medien-Meute will doch vor allem eins: Emotionen und niedliche Schmusebilder, die die Idylle vom friedlichen Zusammenleben von Mensch und Tier beschwören.
Zum Zentralorgan schwang sich ein öffentlich-rechtlicher Sender auf. Der Rundfunk Berlin-Brandenburg zeigte wöchentlich in seiner regionalen "Abendschau" kurze Filmbeiträge über die Fortschritte im Leben des kleinen Eisbären. Alles beschaulich und nett, ganz im Stil der putzigen Dokusoaps aus den Zoos, die nachmittags bei ARD und ZDF für Quote sorgen. Die Sache eskalierte, als "Bild", die Zeitung, die ihren Lesern bekanntlich gern mal einen Bären aufbindet, am 19. März titelte: "Wird süßer Knut totgespritzt?" Die Behauptung, Tierschützer hätten gefordert, das Jungtier zu töten, wurde zwar von FAZ und Bildblog.de flugs als Unfug enttarnt, aber die Lawine war nicht mehr aufzuhalten.
Bis heute wird diese verdrehte Halbwahrheit von Medien nachgeplappert. So auch am vergangenen Freitag, bei Knuts erstem öffentlichem Ausflug, von RBB-Reporter Ulli Zelle. Er erklärte live, Tierschützer hätten ja die Aufzucht kritisiert und gefordert, der Bär "müsse die Todesspritze bekommen".
Die von "Bild" ausgelöste Empörung spülte Knut erst recht auf die Titelseiten und in die TV-Programme internationaler Medien. Berlin, die Stadt mit dem Bären im Wappen, gerade vom "Spiegel" mit dem Titel "Comeback einer Weltstadt" beschenkt, hatte nun wirklich einen Weltstar. Da bog die wegen des EU-Gipfels ohnehin zahlreich anwesende Journaille mal eben in den Zoo ab. "Die Leute in Amerika haben die Schnauze voll, immer nur von Irak, Irak, Irak zu hören", erklärte CBS-Journalist Thorsten Höfler unter 500 Kolleginnen und Kollegen am Bärengehege. Neues von Knut: Das sind doch endlich mal gute Nachrichten!
Gegen den medialen Trubel am Freitag war der Auftakt der samstäglichen ARD-Reihe "Knut, das Eisbärbaby" geradezu von wohltuender Sachlichkeit. Freilich wurden hier alte "Abendschau"-Bilder für das Kinderprogramm einfach neu zusammengestellt und getextet. Dafür schob der Rundfunk Bären und Buntes (RBB) am Sonntag noch eine abendliche Sondersendung ein, die zugleich als DVD über den RBB-Shop vertrieben wird. Überall ist das große Geschäftemachen angesagt, eine derartige Popularität bleibt nicht ohne kommerzielle Folgen. Nun hat es Knut sogar als erstes Tier in der achtwöchigen (!) Geschichte des deutschen Lifestyle-Magazins "Vanity Fair" auf dessen Titelseite gebracht. Und "Bild" fabuliert weiter über die Liebe zwischen Knut und seinem Pflegepapa.
Treibende Kraft für Knuts globale Beliebtheit war jedoch das Internet. Die "Abendschau"-Beiträge sind über die RBB-Onlineseiten abzurufen. Der Sender richtete einen Blog ein, in dem Liebeserklärungen von Knutisten aller Länder eintreffen. Die Verehrung und Vermenschlichung trägt zuweilen tragikomische, sogar beängstigende Züge. Knut sorgt für gute Laune, löst Glücksgefühle aus und soll die Welt retten. Eine "Sabi" hofft stellvertretend für Millionen andere: "Vielleicht kannst du vieles bewirken, wozu die ,großen' Menschen nicht fähig sind."
tgr
epd medien Nr. 25 vom 31. März 2007