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  Intermedial und crossaktiv
Wie der Hörfunk von morgen aussehen könnte


Von Helmut Merschmann

epd      Einem Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts formulierten Gesetz zufolge werden alte Medien von neuen Medien nicht dauerhaft verdrängt. Wolfgang Riepl, der das Gesetz 1913 aufschrieb, war überzeugt davon, dass die alten Medien sich erhalten, "nur dass sie genötigt werden, andere Aufgaben und Verwertungsgebiete aufzusuchen". Die jüngere Mediengeschichte zeugt vom Gegenteil: Ein rabiater Verdrängungswettbewerb um die Ressourcen Zeit und Aufmerksamkeit findet statt, ein Kampf um Marktführerschaft und Einfluss, ein Gerangel um Infrastruktur und Reichweite. Plattenspieler, Videorekorder, Faxgerät haben längst ausgedient. Der raue Wind der Digitalisierung hat erste Opfer bereits hinweggefegt. Weitere werden folgen. Der Hörfunk könnte dazugehören - zumindest in der uns heute vertrauten Form.

Immer mehr laufen dem Radio die Hörer davon, vor allem die jungen. Die Media-Analyse verzeichnet seit Jahren einen Abwärtstrend in der Zielgruppe der unter Dreißigjährigen. Ob aus Verdruss am Formatradio oder aus Neigung zum Internet - der konventionelle Hörfunk scheint mit den Rezeptionsansprüchen einer jungen Klientel immer weniger übereinzustimmen. "Der Erfolg des iPod spricht eine klare Sprache", glaubt der Berliner Radiomacher Tim Renner (Motor FM). "Die Leute wollen Musik mobil zur Verfügung haben, die für sie relevant ist, und keinen Hintergrundteppich, den sie nicht beachten."

Radikale Diversifizierung

Sein Heil sucht Renner in der Flucht nach vorn. Die von seiner Station betriebene Konvergenz von Hörfunk, Internet und Telekommunikation steht paradigmatisch für die gegenwärtigen Aktivitäten in der gesamten Branche. Der Hörfunk soll interaktiv und crossmedial werden. So können bei Motor FM - das im Internet als Live-Stream verfügbar ist sowie in Berlin und Stuttgart mit einem Radio empfangen werden kann - ausgestrahlte Musiksongs für 1,29 Euro erworben und heruntergeladen werden. Andere Privatstationen setzen auf Anrufshows mit Erlösen aus 49-Cent-Nummern, auf Radio-affine Downloads, Musik-Merchandising oder Bezahl-Radio und versuchsweise auf Fotodienste und Videostreams für neuartige digitale Empfangsgeräte wie Mobiltelefone und DMB- oder DVB-T-Empfänger.

Neben einer Emanzipation von Werbung, der für Privatradios primären Einnahmequelle, führt die Digitalisierung vor allem zu einer radikalen Diversifizierung. Digital genutzte Frequenzen bedeuten mehr Kanäle und zusätzliche interaktive Angebote für die Hörer, die sich schon heute im Wellensalat kaum noch zurechtfinden und ihr Radio zum überwiegenden Teil auf einer einmal eingestellten Frequenz betreiben. Diversifiziert wird künftig auch das Geräteangebot. Eine verwirrende Vielzahl neuer digitaler Empfänger gelangt auf den Markt und erlaubt neben Fernsehbildern auch den Betrieb von Audio-Inhalten. Zwischen Radio und Fernsehen muss bald nicht mehr unterschieden werden, weil die beiden Medien sich in der mobilen Nutzung entgrenzen.

Derweil bastelt die Branche an neuen inhaltlichen Ideen. Man setzt auf "personalisierte Radio-Erfahrung", auf Crossmedia und multimediale Inhalte. Angeblich will der Hörer sich nicht mehr bedudeln lassen, sondern verlangt nach einem von ihm selbst maßgeschneiderten Programm. Interaktivität und Hörerbeteiligung, Podcasting, "Visual Radio" und Mehrwertdienste lauten die Schlagwörter. Nicht zu vergessen: "User generated content". Die Erfolgsmodelle des Internet werden - ohne erkennbare Not - dem Radio oktroyiert. Der Einschätzung von Lutz Kuckuck, Geschäftsführer der Marketinginitiative Radiozentrale, dass das klassische Programm als Markenkern des Radios bestehen bleiben wird, ist angesichts der digitalen Perspektive nicht leicht zu folgen.

"Aufgabe von Linearität"

Schon heute steht bei vielen Sendern nicht mehr das im Äther laufende Programm im Zentrum der Überlegungen und Innovationen, sondern vielmehr digitale Dienste. So sind beim Deutschlandradio sämtliche Sendungen, die von äußeren Urheberrechten (wie Hörspiele und Musikprogramme) nicht tangiert sind, im Internet als Audio on demand vorhanden oder können als Podcast abonniert werden. In der "Aufgabe von Linearität" erblickt Intendant Ernst Elitz allerdings "sogar einen Gewinn". Denn nun kann der Hörer, der spezielle Sendungen im Tagesprogramm nicht in der Lage ist zu verfolgen, "zeitsouverän" selbst entscheiden, wann er "nachhören" will.

"Durch die Digitalisierung sind wir schon mittendrin in einer Revolution", sagt Elitz. "Das machen sich viele gar nicht klar." Die Zukunft des Radios malt er als Bild einer Zeitung, bei der man vor-, um- und zurückblättern kann. Hierzu werden auch Radiohörer bald im Stande sein.

Noch hält der öffentlich-rechtliche Rundfunk daran fest, digitale Angebote als zusätzliche Offerten zu betrachten, deren Betrieb man sich neben dem regulären Hörfunk technisch erlauben kann. Tendenziell ist darin jedoch eine Programmkonzeption bereits konterkariert und jegliche Planung eines zeitlichen Ablaufs für überflüssig erklärt. Redaktionelle Überlegungen müssen sich nur noch auf Inhalte beziehen, nicht mehr auf deren Platzierung. Die Radiogemeinschaft unterliegt einer Atomisierung der Masse: Der Hörer pickt sich heraus, was ihm gerade gefällt. Warum auch nicht? Auf verschiedene soziografische Geschmäcker zurechtgeschnittene Hörmodule könnten bald abonniert und möglicherweise vom "User" gar in eine zeitliche Abfolge gesetzt werden. Das wäre dann eine Simulation von Radio in Zeiten seiner digitalen Reproduzierbarkeit. Aus dem "Durchhörfunk", dem Radio als Tagesbegleitmedium, wird eine solitäre Sache.

Noch sind wir nicht so weit. Doch die Richtung ist vorgegeben. Schon heute ist der Hörer mit einer Vielzahl von Übertragungstechniken konfrontiert, deren Existenz, obschon im Wohnzimmer vorhanden, ihm mitunter gar nicht bekannt ist. Neben dem traditionellen Empfang von Hörfunkprogrammen über UKW, der augenblicklich noch neunzig Prozent des Radiokonsums ausmacht, lassen sich seit geraumer Zeit Sender über Kabel und via Satellit beziehen. Im digitalen terrestrischen Rundfunk (DVB-T) ist Hörfunk ebenso präsent wie im Internet, wo viele Stationen mittels Live-Stream weltweit abrufbar sind. Damit nicht genug. Das seit mehr als zehn Jahren existierende, oft belächelte und ebenso häufig totgesagte DAB (Digital Audio Broadcasting) - einst Synonym für Digitalradio - darf sich auf eine Wiedergeburt freuen.

Vielfalt der Technologien

Denn die Nachfolgetechnologie DMB (Digital Multimedia Broadcasting) soll die vorhandene DAB-Infrastruktur, in die viel Geld investiert wurde, nutzen. Auch DVB-H (Digital Video Broadcast Handheld), das auf DVB-T aufsattelt und vornehmlich mit "Handy-TV" in Verbindung gebracht wird, erweist sich als hörfunktauglich und vermag, ebenso wie DMB, neben Audio- auch Videosignale zu verarbeiten. Gleichfalls auf dem Handy, bislang allerdings nur auf wenigen Geräten der Marke Nokia, ist das so genannte UMTS-Radio zu empfangen, das sich breitbandigen Mobilfunk zunutze macht.

Überdies steht mit DRM (Digital Radio Mondiale) ein weltweiter Digitalrundfunk für die Lang-, Mittel- und Kurzwelle bereit, was aber selbst in Fachmärkten mit dem Digital Rights Management verwechselt wird. Und zu guter Letzt versucht man augenblicklich mit DXB (Digital Extended Broadcasting) in einem Modellversuch der Fraunhofer Gesellschaft, DMB und DVB-T zu versöhnen.

Niemand blickt noch durch. Alle bedauern es. Doch keiner vermag dem seltsamen Treiben Einhalt zu gebieten. "Das ist schon misslich", findet Dietmar Timm, Online-Verantwortlicher beim Deutschlandradio, der es nicht für eine gute Strategie hält, "die potenziellen Kunden zu verwirren". Tim Renner sieht es gelassen: "In der Tat ist es schwer, auf ein Format zu wetten. Mir reicht es, dass es ein D im Namen geben wird." Hans-Dieter Hillmoth, Radiovorsitzender im Verband Privater Rundfunk und Telemedien (VPRT) und Radio-FFH-Geschäftsführer, hält eine voreilige Festlegung auf einen Standard für nicht sinnvoll: "Wir alle wissen nicht, was der Hörer akzeptieren wird. Der VPRT favorisiert, dass die Gerätehersteller alle Techniken einbauen."

Das Nachsehen hat der Hörer. Die forcierte Deregulierung bringt ihn in eine Lage, in der er leicht aufs falsche Pferd setzen könnte und möglicherweise doppelt in die Tasche greifen muss. Das Ganze ähnelt fatal dem Formatstreit beim Video zu Beginn der achtziger Jahre, als sich das technisch schlechteste System qua Marktmacht und -manipulation durchsetzte.

Schon deutet sich bei DAB das gleiche Spiel an: Nach einem soeben vorgestellten Konzept der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten (DLM) soll das derzeitige Kompressionsverfahren MPEG I Layer 2 vom effizienteren MPEG 4 AAC+ abgelöst werden: "Die DLM erwartet, dass sich die Codierungs- und Übertragungsstandards in Zukunft ständig verbessern werden (vgl. Meldung in epd 93/06 und Dokumentation in epd 94/06). Dies hat zur Folge, dass sich Hörer darauf einstellen müssen, Radiogeräte immer wieder zu erneuern." Das bedeutet, die vorhanden DAB-Geräte werden mit einem Schlag untauglich. Zum Glück sind es nicht so viele. Schätzungen gehen von 50.000 bis 100.000 Stück aus.

Zwischenstand der Digitalisierung

Dass der Hörfunk digital wird, ist politisch gewollt. Was den Zeitpunkt angeht, gibt es indes unterschiedliche Vorstellungen. Die digitalen Frequenzblöcke stehen mehrheitlich ab 2008 zur Verfügung. Nach dem Willen der Europäischen Unkion soll 2012 der Umstieg vom analogen auf den digitalen Hörfunk vollzogen sein. In Deutschland ist 2015 als realistisches Datum im Gespräch. Ob dann der "Big Bäng" kommt, wie Hillmoth die komplette Überführung aller analogen Hörfunkangebote in die digitale Welt nennt, ist unklar. Dass Radio noch über 2015 hinaus über UKW zu empfangen sein wird, diese Variante hält etwa Stefan Grüttner, Chef der Hessischen Staatskanzlei, für nicht unwahrscheinlich.

Nachdem sich auf der internationalen Wellenkonferenz RRC06 im Sommer 104 Länder Europas, Afrikas, Nordasiens und des Nahen Ostens über die Nutzung des Frequenzspektrums abgestimmt haben, sind die Karten fürs digitales Fernsehen und den digitalen Hörfunk neu gemischt und die Frequenzbänder VHF und UHF neu geordnet worden. Nun geht es den Beteiligten um Planungssicherheit. Niemand will in eine vage Zukunftstechnologie investieren, ohne zu wissen, woran er ist. Von den Privatsendern wird ein "Masterplan Radio" gefordert, der den Erhalt der derzeitigen Angebote und die Entwicklungschancen für ergänzende Dienste sichert. Die Zukunft des digitalen Radios, so VPRT-Vorstand Hillmoth, dürfe "nicht in Hinterzimmern entschieden werden".

Außen vor blieben die Privaten allerdings bei den kürzlich vorgestellten "Leitlinien zu einem Frequenznutzungskonzept", die die Technische Kommission der Landesmedienanstalten und der Produktions- und Technik-Kommission von ARD, ZDF und Deutschlandradio vorlegte. Darin ist der VHF-Bereich (Band III) für das DAB/DMB-System reserviert, während DVB-T und DVB-H dem UHF-Bereich (Band IV/V) zugeordnet werden. Zu gleichen Teilen sollen sich öffentlich-rechtlicher und privater Rundfunk dort die verfügbaren Kapazitäten teilen.

Viele wollen digitale Frequenzen

Dem VPRT geht insbesondere die 50-prozentige Aufteilung von Netzkapazitäten gegen den Strich, weil sich dann "der Umfang der ‚Grundversorgung' nach technisch möglicher und nicht nach inhaltlich gebotener Rangfolge ableiten" würde. Die Befürchtung: Dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk wäre es mit jedem neuen Kompressionsverfahren möglich, neue Sender zu etablieren, weil Übermittlungskapazitäten eingespart werden. Nach Ansicht des VPRT müssen die Übertragungskapazitäten bedarfsgerecht verteilt werden. Nicht nur private Radiostationen, sondern auch Anbieter "neuer rundfunkähnlicher Dienste" - Presse, Musikindustrie, Plattformbetreiber und Telekommunikationsunternehmen - hegten ein großes Interesse an der Nutzung von Digitalfrequenzen.

Das Machtgerangel ist noch nicht entschieden. Nach Auskunft von Reinhold Albert, Vorsitzender der Direktorenkonferenz der Landesmedienanstalten, sind weitere Schritte in dieser Diskussion notwendig: "Ob der öffentlich-rechtliche Rundfunk fünfzig Prozent der Kapazitäten tatsächlich nutzen darf, ist genauso später zu entscheiden wie die Frage, ob der private Rundfunk diese Kapazitäten benötigt oder ob sie nicht aus ökonomischen Gründen in dieser ganzen Fülle gar nicht benötigt werden." Derweil spricht sich der bayerische Staatsminister Eberhard Sinner dafür aus, die Diskussion um DAB und eine Frequenzverstärkung auf Kanal 12 neu aufzurollen: "Deutschland muss bei der Digitalisierung aufholen, um die wirtschaftlichen Chancen dieser Technik optimal zu nutzen", erklärte Sinner jüngst in einem Interview.

Medienpolitik zieht eben an verschiedenen Enden in verschiedene Richtungen und ist - als Konsequenz aus der Digitalisierung - immer auch Wirtschafts- und Standortpolitik. Selten aber Verbraucherpolitik. Der kürzlich veröffentlichten Studie "TV 2010" zufolge, für die das Softwarehaus Buhl Data 3000 Teilnehmer befragte, hat die Digitalisierung des Fernsehens einen Zuschauerschwund bewirkt. Technisch interessierte Zuschauer sähen nur noch 130 Minuten fern, während das Mittel laut ARD/ZDF-Medienforschung bei 210 Minuten liege. Internet, Spielekonsolen, Festplattenrekorder und Filme auf DVD laufen dem Leitmedium Fernsehen den Rang ab.

Bedeutet dies eine Chance fürs Radio oder eine Gefahr? Lassen sich die heute Zwanzigjährigen wieder vor den Schallwellenempfänger locken, wenn nur die Hörangebote interessant und digital sind? In zwei, drei Generationen weiß man mehr.

epd medien Nr. 99, 16. Dezember 2006

 






 
 

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