epd Beim Bayernradio sind sie momentan arg nervös. Die Irritationen über die neue Jugendwelle, die nun doch nur auf DAB und im Internet und nicht auf UKW senden soll, beschäftigt den Sender über Gebühr. Der Hörfunkdirektor wirkt schwankend, und der Intendant muss sich an ein Interview aus dem Januar erinnern lassen, in dem er die Jugendwelle auf UKW und die Verlagerung von Bayern 4 Klassik auf DAB als denkbar bezeichnet hatte. Nach Protesten war dieser Gedanke, der einmal in der Welt war und laut Dürrenmatt eigentlich gar nicht zurückgenommen werden konnte, zwar offiziell revoziert worden - und doch scheint man hinter den Kulissen weitergearbeitet zu haben.
Als nämlich Hörfunkdirektor Johannes Grotzky jetzt in einem Interview verkündete, die Junge Welle werde definitiv nicht die UKW-Frequenzen von Bayern 4 Klassik erhalten, reagierte Rainer Tief, Programmbereichsleiter Jugend und Multimedia bei Bayern 3, konsterniert: "Wir akzeptieren das, aber wir haben das Projekt auf anderer Grundlage gestartet. Wir sind nicht in Hochstimmung." Offenbar war Tief von Grotzkys Rückzug überrascht worden.
So ist das mit der Kommunikation in Kommunikationsunternehmen: intern mangelhaft. Bayern 4 Klassik gerettet - doch was soll die Junge Welle ab Mitte nächsten Jahres werden und leisten. O-Ton Grotzky: "Mit der Jungen Welle wollen wir nicht nur junge Menschen abholen - sondern auch dem digitalen Hörfunk mit zum Durchbruch verhelfen." Das geht bestimmt gut: die Technik zuerst promoten und dann das Publikum dafür finden.
Donnerstag ist Rundfunkrat, die Irritationen schon so groß genug, vorher gehen die Verantwortlichen in Deckung. Wolfgang Aigner beispielsweise, der Leiter des Programmbereichs Bayern2Radio - ein Nachrichtenmann, der Mitte vergangenen Jahres zum Kulturverweser bestellt wurde. Seit Jahresanfang ist er im Amt, nun hätte man ihn nach seinen Erfahrungen, seinem Konzept fragen können. Doch Aigner will nicht, verweist auf den Rundfunkratstermin. Obwohl es da doch nicht um seine Welle geht.
Irgendwie schon, wird doch nach dem Platzen der UKW-Träume BR-intern ein großer Verschiebebahnhof aufgebaut. Grotzky denkt an "Hörfenster" der Jungen Welle mitten im Kulturprogramm, auf Flächen von Bayern2Radio, die bislang vom "Zündfunk", auch er vorgesehen für einen Wellenwechsel, genutzt werden. Irgendwo muss sich doch ein Plätzchen finden lassen. Junge Welle am Ende auch im Bayerischen Fernsehen? WDR und HR haben's ausprobiert, ohne viel Erfolg.
Aigner also möchte sich momentan bedeckt halten, man kann ihn später fragen. Halten wir uns also einstweilen an das, was Bayern2Radio immer noch und trotz alledem an Gutem hervorbringt. An das nächste, wiederum wunderschöne Großhörspiel aus der Abteilung Hörspiel und Medienkunst beispielsweise. Regisseur Klaus Buhlert hat (mit eigenen Kompositionen) E.T.A. Hoffmanns vergessenes Epos "Die Serapions-Brüder" inszeniert, mit den großen Stimmen von Manfred Zapatka, Felix von Manteuffel und anderen. Premiere war jetzt in einer dezent schwarzen Edelkassette des hörverlags, mit einem Beibuch, in dem Buhlert und andere die Entstehungsgeschichte und die Ästhetik des Hörwerks erläutern.
Ab dem zweiten Weihnachtstag werden die zwölfeinhalb Stunden auf Bayern2Radio zu hören sein - und schon ist das nächste Werk in gleicher Größenordnung in Arbeit: "Die Ästhetik des Widerstands" nach Peter Weiss, die sich das BR-Hörspiel zusammen mit dem WDR vorgenommen hat. Es sind diese programmlichen Großtaten, für die der öffentlich-rechtliche Rundfunk bezahlt wird, über die er sich kulturell legitimiert. Wir brauchen ein solches "Patentamt der Illusionen" (das Zitat lässt an Robert Musil denken und ist doch geistreicher Titel einer Rubrik in der BR-Sendung "hör!spiel!art.mix").
Über die medienpolitische Theorie hinaus ist es frappierend, wie produktiv die von Herbert Kapfer geleitete Redaktion Hörspiel und Medienkunst ist. Vor jetzt zehn Jahren wurde das neue, als Entgrenzung gedachte Konzept "...und Medienkunst" ins Werk gesetzt. In dem jetzt erschienenen, reich bebilderten Katalog "Intermedialität und offene Form" kann nachgelesen werden, dass über Jahre nicht nur "intermedial" experimentiert wurde, sondern dass Kapfer und seine beiden Dramaturginnen Barbara Schäfer und Katarina Agathos und die Hunderte von künstlerisch Mitwirkenden in hoher Quantität und Qualität sendbares Programm erarbeitet haben, das bleiben wird.
Darauf kann der Bayerische Rundfunk, der im ARD-Rund die wohl kreativste Hörspielabteilung sein Eigen nennt, stolz sein. Nach all dem und noch viel mehr wird man Wellenchef Aigner dereinst einmal fragen.
lili
epd medien Nr. 96, 6. Dezember 2006