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Lizenz zum Kassieren. Die DFL und die Pressefreiheit


epd     Früher war alles besser. Da gab es nur ARD, ZDF und die Dritten. Schön übersichtlich. Heribert Faßbender moderierte samstags ab 18 Uhr in der ARD die "Sportschau" (die er liebevoll in "Spocht-Schau" umbenannte), Harry Valérien ab 22 Uhr im ZDF das "Aktuelle Sport-Studio". Live-Übertragungen von Spielen der Fußball-Bundesliga gab's kaum, private Free-TV-Konkurrenz und Pay-TV gar nicht.

Auch die neumodische Geldeinsammel-Organisation Deutsche Fußball Liga (DFL) gab es noch nicht. Sondern nur den guten, alten Deutschen Fußball Bund (DFB), mit dem sich ARD und ZDF immer schnell und unauffällig auf die Preise für die TV-Rechte an Bundesligaspielen einigten. Noch in der Mitte der 80er Jahre lagen die Rechte-Kosten bei umgerechnet vier Millionen Euro pro Saison. Ein Schnäppchenpreis!

Dann kam in Deutschland der Privatfunk auf, und flugs kaufte die Ufa den staunenden Öffentlich-Rechtlichen einfach mal die Bundesliga-Rechte weg. Zu einem damals astronomischen Saison-Preis von 20 Millionen Euro. Das war ein Kulturschock, das marktradikale Zeitalter dämmerte sozusagen schon, und man musste auch noch einen gewissen Ulli Potofski als Sport-Anchorman akzeptieren, der das samstägliche Fußballgeschehen in einer RTL-Sendung namens "Anpfiff" verwurstete.

Die Preise kletterten weiter. Als Sat.1 im Jahr 1992 mit "ran" an den Start ging, kosteten die Rechte schon 40 Millionen Euro, kurze Zeit später, das Pay-TV war im Spiel, mehr als 100 Millionen Euro. ARD und ZDF hatten im Grunde keine Chance mehr, stiegen aber aus sportlichem Ehrgeiz (und öffentlich-rechtlichem Stolz) in immer absurdere Biet-Kämpfe ein. Um die Jahrtausendwende nahm der DFB dadurch satte 355 Millionen Euro von der Kirch-Gruppe ein; eine Steigerung auf 460 Millionen Euro war bereits beschlossen. Doch dann fiel das Imperium des Leo Kirch in sich zusammen.

Im Jahr 2000, auf dem Höhepunkt des Geldflusses, ersann sich die Bundesliga noch eine Einnahmequelle: Nun sollte plötzlich auch für Radio-Liveberichte aus den Stadien Geld gezahlt werden. Zwischen 2500 und 30000 Euro verlangt die DFL seitdem pro Saison von privaten Radiosendern - und der Bundesgerichtshof hat diese Praxis am vergangenen Dienstag für rechtens erklärt. Aus dem "Hausrecht" der Klubs sei abzuleiten, dass sie Gebühren kassieren dürften, wenn Reporter live im Radio von den Spielen berichten, so der BGH.

Das Urteil kommt der DFL gerade recht. In einer Situation, in der sie die zuletzt gesunkenen TV-Rechte-Preise wieder kräftig anheben will, in der sie mit dem Ziel einer möglichst lukrativen Vermarktung 233 Einzelpakete für die Spielzeiten ab 2006/07 ausschreibt, klopft ein höchstrichterlicher Beschluss die Existenz von "Hörfunkrechten" fest. Die DFL wird das als Lizenz zum Kassieren auslegen.

Droht jetzt eine Kettenreaktion? Mit den Reportern der Zeitungen und Zeitschriften könnte es anfangen. Da könnte die DFL, zwecks Steigerung der Pay-TV-Einnahmen, eine Free-TV-Erstauswertung erst am Sonntag gestatten (wie in England und Frankreich üblich) - und daraus dann auch noch ableiten, dass die am Sonntag erscheinenden Zeitungen eine Konkurrenz zu den Rechteinhabern beim Fernsehen darstellen. So dass die Sonntagspresse auch blechen müsste, wenn sie einen Spielbericht veröffentlichen will.

Mit Bloggern, die ihre Notebooks ins Stadion mitnehmen und während des Spiels Berichte im Internet publizieren, könnte es weitergehen. Da könnte die DFL, ganz berauscht vom Rückenwind aus Karlsruhe, scharfe Kontrollen anberaumen: Alle Telekommunikationsmittel werden am Eingang erstmal von den DFL-Kontrollbeamten konfisziert und nur gegen Zahlung einer Gebühr wieder herausgegeben. Gut möglich auch, dass sich Trittbrettfahrer finden, die sich an die Hausrecht-Argumentation heranhängen. Ein bunter Abend eines Autohauses in Aschaffenburg? Kostet Gebühren für Radio- und Presseleute. Ein Schützenfest in der nordwestdeutschen Tiefebene? Bitte die Rechte erwerben beim Vereinsschatzmeister. Wer nicht zahlt, darf nicht berichten.

Im Endeffekt, das kommt bei all den cleveren, gerichtlich abgesegneten Gewinnerlösmodellen heraus, wird Deutschland im weltweiten Ranking der Pressefreiheit, das "Reporter ohne Grenzen" jährlich erstellt, noch weiter nach hinten rutschen. Schon jetzt liegen wir dort - hätten Sie's gedacht? - hinter Trinidad und Tobago. Früher war alles besser!  

rid

epd medien Nr. 89, 12. November 2005

 






 
 

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