epd Hans-Geert Falkenbergs Tatkraft war ungebrochen bis zuletzt. Im Gespräch entwickelte er noch vor zwei Jahren geistvoll wie eh und je seine thematischen Visionen der INPUT-Konferenzen der Zukunft: Barcelona, Montreal... Dabei spannte er den Bogen bis 2009. Dann wollte er mit INPUT wieder in Deutschland sein. 2009: da wäre er neunzig gewesen. Erleben wird er es leider nicht mehr: Am 30. März ist er im Alter von 85 Jahren gestorben (vgl. Meldung in dieser Ausgabe).
Eigentlich war Falkenberg seit 1980 in Pension. Bei ihm, dem Ewigjungen, war das aber nun wirklich ein Unruhestand. 25 weitere Jahre unterhielt er ein eigenes Büro im WDR; das hatte er seinem Sender, in dem er sich seit Ende der 70er Jahre nicht mehr zu Hause fühlte, abgetrotzt. Von seiner Klause aus, in der sich Akten, Videocassetten und Bücher stapelten, stieß er noch immer Initiativen wie die Deutsche Mediathek an und organisierte vor allem INPUT. Viele werden sich auch noch an die temperamentvollen Redeschlachten erinnern, mit denen Falkenberg und sein Widerpart Henrich von Nussbaum immer wieder die "Mainzer Tage der Fernsehkritik" aufmöbelten.
Flucht aus dem Arbeitslager
Geboren am 24. Juli 1919 in Stettin, wuchs Falkenberg in einer bürgerlichen Familie auf. Bis 1939 besuchte er das Medienstiftsgymnasium der Stadt. Bei seinem Abitur waren die Eltern bereits nach London emigriert - denn Falkenbergs Mutter war Jüdin, also bedroht. Der Sohn kam bei reichen Verwandten unter. Falkenberg erinnert sich, dass sein Ersatzvater, Jude auch er, beim Einmarsch der Deutschen in Prag noch gejubelt hatte - ,endlich eine deutsche Stadt'. Als er dann aber selbst an Leib und Leben bedroht war und die Deportation fürchten musste, nahm er Gift - um wenigstens in deutscher Erde begraben zu werden.
Bei Kriegsbeginn 1939 musste Falkenberg, damals 20 Jahre jung, gleich "Arbeitsmann" und Soldat werden. Von 1941 bis '44 gelang es ihm, bei der Seismos GmbH in Hannover unterzukommen, einem Unternehmen, das sich laut Vita mit "Lagerstättenforschung durch künstliche Erdbeben" beschäftigte, also möglicherweise vom Regime als "kriegswichtig" eingestuft wurde. Der jüdischen Herkunft seiner Mutter wegen kam Falkenberg 1944 dann doch noch in ein Zwangsarbeitslager, aus dem er 1945 flüchtete und im Untergrund das Kriegsende abwartete.
Neu gewonnene Freiheit, endlich erwachsen werden: 1945 begann Falkenberg sein geisteswissenschaftliches Studium in Göttingen (und später auch Harvard). In diese Zeit fallen auch erste journalistische Gehversuche. Falkenberg, dem es an Selbstbewusstsein nie mangelte, setzte ganz oben an: Interview mit Nobelpreisträger Thomas Mann Ende der vierziger Jahre. Der Großschriftsteller soll sich hinterher in seinem Tagebuch angetan über die attraktive Erscheinung des jungen Mannes geäußert haben. Im Sommer 2003 sagte er in einem Zeitzeugeninterview zur Geschichte des WDR: "Ich weiß, dass ich sehr fotogen bin. Dass ich im Fernsehen noch fotogener bin. Was dann Anrufe provozierte von Freundinnen aus den 30er Jahren."
Theater und Buchverlagswesen waren die ersten Betätigungsfelder für Falkenberg. Bei S. Fischer und dann Kindler war er Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre Cheflektor. Für den Verleger Helmut Kindler lotete er Möglichkeiten eines "Verlegerfernsehens" aus. Eine Studienreise führte ihn in die USA, wo Henry Kissinger Kontakte für ihn zu Fernsehmanagern angebahnt hatte.
Deutschland verändern
Das waren auch schon die einzigen TV-Erfahrungen, die Falkenberg mitbringen konnte, als ihn Werner Höfer 1965 als Hauptabteilungsleiter zum WDR holte. Die Aufgabe: das neue, damals noch bildungsbetonte "wdr/Westdeutsches Fernsehen" mit aufzubauen. Falkenberg wurde einer der maßgeblichen Programmchefs jener Jahre und blieb beim WDR zwölf lange Jahre in verantwortlichen Positionen. Seine neue Aufgabe sah das SPD-Mitglied von Anfang auch als politische Aufgabe: "Ich bin zum WDR gekommen, um Deutschland zu verändern - politisch!" Der Geist von 1968 wurde von ihm zwar befördert im Programm. Gemein gemacht hat er sich damit aber nie. Den Studenten jener bewegten Zeit fehlte aus seiner Sicht klassische Bildung, fehlte der Sinn für Kunst und Kultur.
Das waren die Werte, die Falkenberg groß schrieb und ins Bild setzen ließ. Die Wochenzeitung "Echo der Zeit" kritisierte 1967: "In der bisherigen Programmstruktur sind Bildung und Unterhaltung auf eine ziemlich unerquickliche, weil dilettantische Weise miteinander verquickt. Höfer ist kein Fachmann für Bildungsfragen. (...) Die derzeitige Hauptabteilung ,Bildung und Unterhaltung' ist eine Missgeburt. (...) Heute firmiert beim WDR unter ,Bildung' oft noch ein feuilletonistischer Bla-bla-Betrieb."
Daran war so viel richtig, als dass im bildungsträchtigen Dritten Fernsehprogramm permanent diskutiert wurde, Professoren tonangebend waren und vor allem "talking heads" zu sehen waren. "Das Fernsehen wurde auf eine Weise verbalisiert", erinnert sich der frühere WDR-Kulturredakteur und spätere SWR-Chefredakteur Klaus Simon, die ihm "sehr fremdartig" vorgekommen sei (Simon sollte später mit Falkenberg aneinandergeraten). Für Falkenberg hingegen war seine beste Sendung jene, in der er nach der Ausstrahlung eines Beckett-Stücks dieses anschließend mit Großkopfeten wie Theodor W. Adorno, Martin Ensslin, Ernst Fischer und Walter Boehlich ausgiebig bis in die Nacht hinein diskutierte.
Das Elitäre in der Publikumsansprache war damals auch unter Redakteuren nicht unumstritten. Die Reihe "Veränderungen im Film" hatte 1967 auf hohem Niveau u.a. über den Strukturwandel der brasilianischen und ceylonesischen Filmindustrie informiert. Der damalige Literaturredakteur Werner Koch monierte hinterher bei seinem Kollegen vom Film, bei Georg Alexander: "Warum, um Himmels willen, unterhalten sich da fünf Cineasten über ein doch recht verständliches Problem in einer Sprache, die - zum Beispiel ich - nicht mehr verstehen kann."
"Das mag mein Fehler gewesen zu sein"
Werner Filmer, der damals als Redakteur von "Kultur und Gesellschaft", zuständig für die ARD, das Treiben im Dritten Programm beobachtete, schätzte die "eruptive Intellektualität" von Falkenberg, schränkt jedoch ein: "Aber die Programme dümpelten immer gegen die Wahrnehmungsgrenze." Falkenberg gab rückblickend zu, nie Quoten studiert zu haben: "Das mag mein Fehler gewesen zu sein."
Es gab indes noch andere: Als Chef war Falkenberg schwierig, beförderte zwar die seinen, kanzelte aber auch jene ab, die nicht ins Konzept passten. In seinen späteren Jahren verfestigte sich mehr und mehr der Ruf von "Don Chaos"; die unbestreitbar fruchtbaren intellektuellen Anstöße, die er gegeben hatte wie kein zweiter, gerieten demgegenüber in den Hintergrund.
Selbstkritisch bekannte Falkenberg gegen Ende seines Lebens auch: "Mein Fehler war, dass ich mich isoliert immer auf meine eigene Kraft zu verlassen können glaubte." Das führte dazu, dass er wenig hausinterne Unterstützung in Konfliktfällen erlebte: bei Verteilungskämpfen ums Geld beispielsweise oder bei Programmstrukturreformen wie im Frühsommer 1972, als der spätere NDR-Intendant Friedrich Wilhelm Räuker, beim WDR damals Leiter "Wissenschaft und Erziehung", in einem Positionspapier "klare und verlässliche Zielprojektionen" für das Westdeutsche Fernsehen forderte: "Es darf nicht zu einem ständigen Experimentierfeld werden."
Sein Antipode Falkenberg, gegen dessen Art der Programmgestaltung Räukers Warnung vor dem "Experimentierfeld" zweifelsohne gezielt war, hielt dagegen. Zumal beim Schulfernsehen warnte er vor einer "Abhängigkeit des Rundfunks von staatlichen Vorstellungen" und beurteilte "eine Cofinanzierungs- und Coproduktionspolitik mit dem Wesen einer öffentlich-rechtlichen Anstalt nicht für vereinbar". Um finanziellen und produktionellen Spielraum für die auch von ihm (wie von Räuker) gewollte Verstärkung der Bildung zu schaffen, plädierte Falkenberg für die "Verminderung" von etwas, das von Anfang an neben der Bildung zur Hauptaufgabe des Dritten Fernsehprogramms gehört hatte: die von Falkenberg in Anführungsstriche gesetzte "Selbstdarstellung des Landes" Nordrhein-Westfalen. Ein Ziel, das im Rundfunkrat des Senders kaum mehrheitsfähig gewesen sein dürfte.
Als Linker war Falkenberg in der konservativen SPD Nordrhein-Westfalens nicht wohlgelitten. Ministerpräsident Heinz Kühn persönlich hat sich einmal nach Falkenbergs politischer Einstellung erkundigt. Die unerschrockene Antwort: "Ich würde sofort die DDR anerkennen!" Das aber durfte man damals noch nicht sagen.
Kulturabbau und Kaltstellung
Der frühere WDR-Intendant Klaus von Bismarck nutzte eine Festrede zum 25-jährigen Bestehen des epd-Fachdienstes "Kirche und Rundfunk" im Februar 1972, um einen im WDR entbrannten Kulturkampf öffentlich zu machen: "Das Fernsehen zieht natürlich auch einige Geister an, die auf ihre Fahne ,Systemveränderung' geschrieben haben; sie sind nicht zunächst auf Programmverbesserungen im Interesse eines Publikums, so wie es eben ist, aus, sondern sie wollen mit Hilfe dieses Massenmediums politische Veränderungen herbeiführen."
Der Redakteursausschuss protestierte förmlich, und auch Falkenberg widersprach seinem Intendanten schriftlich: "Solange der Programmbereich Kultur im ARD-Gemeinschaftsprogramm so gut wie nicht existent ist, erscheinen mir alle Überlegungen, die von ,Unausgewogenheit' und ,Einseitigkeit' sprechen, jeder Basis im Programm zu entbehren." In einem eigenen Positionspapier "Was ist Kultur - heute?" antwortete Falkenberg auch auf den Vorwurf der Linkslastigkeit: "Wir dürfen niemals in den Fehler verfallen, die wenigen Beschwerden über Sendungen, die selbst für den Programmanteil der Kultur (33.000 Minuten pro Jahr) im Fernsehen des WDR weit unter 1 Prozent liegen, in das Zentrum unserer Betrachtungsweise oder gar Selbstkritik zu rücken."
Der Konflikt blieb mindestens vier weitere Jahre virulent. Politische Redakteure des WDR fassten 1976 den "Zweifaller Beschluss". Darin hieß es, die Programmbereiche Politik und Kultur müssten sich einander wieder annähern, denn "der moderne, gesellschaftspolitische Kulturbegriff" sei "mit der Ghettoisierung der Kulturredaktionen kaum vereinbar".
Im Jahr darauf, 1977, entschied der damals neue Intendant Friedrich-Wilhelm von Sell, die Falkenberg'sche Hauptabteilung aufzulösen und ihre Redaktionen auf drei Programmbereiche aufzuteilen - offiziell mit der Absicht, Kultur solle die anderen Ressorts "fermentieren". Der auf Ausgleich bedachte Klaus Katz, der 1975 den Programmbereich Wissenschaft und Erziehung übernommen hatte, wurde jetzt neuer Chef von Kultur und Wissenschaft. Im selben Jahr gibt der WDR auch das "Prinzip, im dritten Kanal vorwiegend Beiträge für interessierte Minderheiten zu senden, endgültig auf", so der WDR-Geschäftsbericht 1977. Die neue Marschrichtung hieß "Vollprogramm".
Schon die 70er Jahre brachten also einen Abbau der Kultur im Fernsehprogramm. Falkenberg wurde aus Leitungsposition hinausgedrängt, auch deshalb, weil er als unkooperativ, zu eigensinnig galt sowie unfähig, die zerstrittenen Kulturredaktionen des WDR-Fernsehens zu einen. Peter von Oertzen, damals SPD-Kultusminister von Niedersachsen, versuchte noch, für Falkenberg bei seinen NRW-Parteifreunden zu intervenieren, bekommt aber, so Falkenberg aus der Erinnerung, die Antwort: ,Gewinn du erst mal deine Wahl - dann kannst du in meinen Kreis hineinregieren.'
"Dieser Scham wegen sitze ich noch hier"
Die "Zeit" und andere überregionale Presse hätten damals heftig gegen den begonnenen Kulturabbau protestiert, die WDR-Oberen seien darob ins Nachdenken gekommen: "Dieser Scham wegen sitze ich heute noch hier", sagte Falkenberg im Sommer 2003. Als "Koordinator" für "Sonderprogramme" des Westdeutschen Fernsehens aber fühlte er sich spätestens ab 1977 kaltgestellt - und war es wohl auch.
Die Zeiten hatten sich geändert, das Mediensystem hatte für seinen hohen Bildungsanspruch keinen Platz und kein Interesse mehr. Das Beispiel von Hans-Geert Falkenberg bleibt dennoch lebendig, wirkt nach: Es ist die Bildung dieses Mannes, sein kultureller Eigensinn, sein Temperament, sein Mut, sein Widerspruchsgeist auch nach innen und oben. Das Fernsehen, das er sich vorstellte, wäre heute nicht mehr möglich, verlöre ganz sein Publikum. Aber seine inneren Qualitäten werden noch heute gebraucht. Ja: sie fehlen bei vielen.
epd medien Nr. 24-25, 02. April 2005