Wien/Essen (epd). Die Darstellung der WAZ Mediengruppe, der OSZE-Medienbeauftragte habe den Konflikt der WAZ mit ihrem Tochterunternehmen "Romania Libera" nicht als Gefährdung der Pressefreiheit bewertet (epd 74, 73/04), ist von diesem zurückgewiesen worden.
Miklos Haraszti, Beauftragter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) für die Freiheit der Medien, dementierte am 21. September in Wien, dass er den Streitfall überhaupt geprüft habe. Dies war in einer WAZ-Pressemitteilung vom 17. September behauptet worden.
Haraszti bestätigte lediglich, dass ihn ein WAZ-Vertreter um Vermittlung gebeten habe. Dies habe er aber sofort abgelehnt. Der OSZE-Offizielle betonte, eine Vermittlung komme nicht in Frage, wenn die Bitte nur von einer Streitpartei komme. Die Journalisten der zu 70 Prozent im WAZ-Besitz befindlichen rumänischen Zeitung hätten ihn aber nicht angesprochen.
Zudem gehörten Belange privater Medien nicht zu seinem Mandat, so Haraszti. Die WAZ-Gruppe bewege sich im Bereich der "Fiktion" ("in the business of fiction"), wenn sie behaupte, der OSZE-Beauftragte für Medienfreiheit habe den Fall geprüft und jegliche Verletzung der Pressefreiheit ausgeschlossen.
"Missverständnisse nicht befördern"
WAZ-Geschäftsführer Bodo Hombach sprach daraufhin am 22. September von "Missinterpretationen". Seiner Darstellung nach hatte der WAZ-Repräsentant für Südosteuropa, Srgjan Kerim, Haraszti den Fall "Romania Libera" vorgetragen. Wie ergänzend in Essen zu erfahren war, hatte Kerim über diese Unterredung einen Aktenvermerk nach Essen geschickt. Dessen Inhalt sei daraufhin in die Pressemitteilung vom 17. September übernommen worden. Hombach erklärte dazu, die "journalistische Auswertung" von Harasztis Worten "sollte solche Missverständnisse nicht befördern". Mündliche Auskünfte zu seiner Stellungnahme habe die WAZ-Gruppe nicht gegeben.
Dem deutschen Medienunternehmen liege es fern, so Geschäftsführer Hombach weiter, den OSZE-Beauftragten für Medienfreiheit zu "vereinnahmen". "Wir möchten allerdings mitteilen", so die offizielle Hombach-Erklärung vom 22. September weiter, "dass es bei unseren Zeitungen in Rumänien wie auch beim Ringier-Verlag Konflikte gibt, die unter anderem damit begründet sind, dass es eine Vermischung von redaktioneller Arbeit und dem Anzeigenbereich gibt".
Dies sei "im Sinne einer freien, unabhängigen Berichterstattung kontraproduktiv", betonte Homach und fügte hinzu: "Wir möchten gern mit dem Medienbeauftragten der OSZE in einen Dialog treten, ob die OSZE dabei hilfreich sein kann, von dieser Praxis offiziell abzuraten."
Hombachs "Vermischungs"-Vorwurf wurde vom Geschäftsführer der "Romania Libera", Petre Mihai Bäcanu, zurückgewiesen. Der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" sagte er in Bukarest, der Konzern wolle den Redakteuren der "Romania Libera" offenbar Bestechlichkeit vorwerfen, um den bestehenden Konflikt um die journalistische Gestaltungsfreiheit umzudrehen. Die rumänischen Journalisten werfen dem WAZ-Manager in Essen, Klaus Overbeck, vor, sie zu einer Entpolitisierung ihrer Berichterstattung und zu einer stärkeren populären Orientierung auf Boulevardjournalismus zwingen zu wollen. Dies wird von der WAZ zurückgewiesen. Bestätigt wird in Essen die rumänische Praktik, Redakteure mit drei Prozent Provision an Anzeigen zu beteiligen, die sie selbst eingeworben haben.
"Bodo Münchhausen" auf Seite eins
Unter der Überschrift "Bodo Münchhausen" hat die "Romania Libera" das OSZE-Dementi am 23. September auf Seite 1 gebracht. Nach der vorherigen WAZ-Darstellung in der Pressemitteilung sei jetzt "eindeutig sichtbar", wer von den WAZ-Verantwortlichen "ohne zu blinzeln gelogen" habe und "bis zu welchem Niveau man gelangt ist", geht aus einer epd vorliegenden deutschen Übersetzung des rumänischen Zeitungsartikels hervor. Zur Frage, ob dieser öffentliche Affront gegenüber dem Mehrheitsgesellschafter der Zeitung arbeitsrechtliche Konsequenzen haben werde, sagte WAZ-Sprecher Stefan Zowislo dem epd am 24. September, der Artikel werde geprüft, es würden noch Gespräche geführt.
Wie die WAZ-Gruppe inzwischen ebenfalls bestätigt hat, ging ein "intensiver Meinungstausch", den neun Redakteure der "Romania Libera" am 20. September in Essen mit WAZ-Verantwortlichen gehabt hätten, ursprünglich nicht auf eine Einladung der WAZ zurück; dieser Eindruck war aus einer Verlagspressemitteilung vom 20. September entstanden ("atmosphärisch guter Rahmen"). Tatsächlich seien die rumänischen Kollegen von sich aus mit dem Bus nach Essen angereist und hätten vor dem Verlagshaus, polizeilich angemeldet, demonstrieren wollen, so Zowislo gegenüber epd. Das Verlagsmanagement habe sich daraufhin im Interesse der Deeskalation entschlossen, die Kollegen zu einer Aussprache einzuladen.
lili
epd medien Nr. 75, 25. September 2004