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  Revolution im Alltag
Berliner Konferenz über neue Medien in der arabischen Welt


Von Günter Herkel

epd     Auch an der arabischen Welt ist die rasante Entwicklung der Neuen Medien nicht spurlos vorüber gegangen. Radikaler als etwa in Europa erschüttern Technologien wie Satelliten-TV, Mobiltelefon und Internet tradierte Lebensformen. Die neue Kommunikationsfreiheit trägt aber nicht nur emanzipatorische Züge. An die Stelle staatlicher Zensur tritt, so fürchten viele, nunmehr das Diktat des Marktes. Welche Folgen der Eintritt arabischer Gesellschaften ins digitale Zeitalter hat, darüber diskutierten am 25. und 26. Juni im Berliner Haus der Kulturen der Welt Wissenschaftler und Journalisten auf einer zweitägigen Konferenz unter dem Titel "Neue Kommunikationsmedien in der arabischen Welt - eine Revolution im Alltag".

Fatima Mernissi gab sich polemisch: Die Satelliten hätten die arabische Welt längst demokratisiert, sagte die marokkanische Soziologin in ihrem einleitenden Vortrag. Der einzige, der das noch nicht begriffen habe, sei George W. Bush. Ihre Hauptthese: Mit dem Satellitenfernsehen sei ein neuer, unerwarteter Spieler in der Politik aufgetaucht: der zappende Konsument. Er sei Resultat des Wettbewerbs zwischen mächtigen Wirtschaftsgruppen, die gern in neue Fernsehkanäle investierten. Schließlich gehe es um nichts Geringeres als die Machtexpansion durch Einflussnahme auf die öffentliche Meinung.

Das Satellitenfernsehen, so Mernissi, habe die Macht vom Informationsproduzenten zum Bürger verlagert. Einem Bürger, der als "diabolisch wählerischer und unvorhersehbar mobiler Konsument" auftrete, der über das Privileg verfüge, zwischen mehr als 140 arabischen TV-Kanälen hin und her zu zappen.

Der mobile Konsument

Diese Sender erreichten ein Publikum von mehr als 300 Millionen Zuschauern, darunter einen beträchtlichen Anteil von Frauen und Jugendlichen, viele von ihnen Analphabeten. Damit werde tendenziell die gesellschaftliche Spaltung in Gebildete und Nichtgebildete aufgehoben. "Die Elite hat nicht länger ein Monopol über das, was gesagt und geschrieben wird."

Vor allem Frauen sieht Mernissi, Autorin unter anderem des Buchs "Geschlecht, Ideologie, Islam", als Nutznießerinnen dieser neuen digitalen Galaxie. Denn die panarabischen Programme unterlaufen nicht nur die nationalen Zensurinstanzen. Gemeinsam mit dem Internet sorgen sie für ein Verschwimmen der Grenzen zwischen privater und öffentlicher Sphäre. Indem sie bisherige Tabus brechen, tragen sie auch dazu bei, gesellschaftliche Spielräume gerade für Frauen zu erweitern. In der ägyptischen Film- und TV-Industrie etwa bildeten Frauen mit 50.000 der insgesamt rund 80.000 Beschäftigten bereits die Mehrheit.

Nicht alle teilten den Optimismus Mernissis. Für Salameh Nematt, Leiter des Washingtoner Büros der Tageszeitung "Al Hayat", ist auch mit der Satellitentechnologie nicht das Reich der Freiheit angebrochen. Die Medien, so sein kühles Urteil, seien ein Produkt der arabischen Gesellschaft, die als solche nicht demokratisch sei. "Die arabischen Medien befinden sich überwiegend in staatlichem Besitz, oder sie werden staatlich kontrolliert. Sie werden von den Regierungen eingeschüchtert. So etwas wie ein unabhängiges Medium existiert nicht in der arabischen Welt, egal ob es seinen Sitz in London oder woanders hat. Regierungen verfügen über Mittel, dich zu kriegen." Klare Worte, die Nematt mit drastischen Beispielen gewaltsamer Disziplinierung von Dissidenten zu untermauern wusste.

Meinung und Gegenmeinung

Unter den arabischen Satellitenkanälen hat im Westen vor allem El Dschasira - nicht zuletzt wegen seiner Rolle als Transporteur subversiver Botschaften radikaler Islamisten - einen hohen Bekanntheitsgrad erzielt. Der Erfolg von El Dschasira und seiner jüngeren Konkurrenten Al Arabiya und Abu Dhabi TV beruhe aber nicht auf Ideologie, so Naomi Sakr, Medienwissenschaftlerin an der Londoner Westminister-Universität.

Gerade El Dschasira als erster Nachrichtenkanal der arabischen Welt beziehe seine Popularität aus seiner Praxis, Meinung und Gegenmeinung überhaupt zuzulassen. Die zuvor unbekannte Spiegelung differenzierter politischer Positionen komme beim Publikum gut an. Nicht umsonst habe das Satellitenfernsehen vor allem nach der Gründung von El Dschasira im Jahre 1996 einen enormen Verbreitungsboom erlebt. Gemessen an den Zuschauerquoten müsse der Sender seit den Terroranschlägen des 11. September, spätestens aber seit dem zweiten Irak-Krieg reich sein. "Aber Geschäftsleute haben andere Kriterien", sagte Sakr.

Sicher: Seit der Gründung von El Dschasira, Al Arabiya und Abu Dhabi TV ist das Deutungsmonopol von CNN in internationalen Konflikten wie dem Irak-Krieg zwar weitgehend aufgehoben. Aber die innenpolitischen Tabus bestehen nach wie vor. An Themen wie die Korruption in den Golfstaaten oder die schwache Legitimation despotischer Regierungen im arabischen Raum trauen sich diese Sender wohlweislich nicht ran. Selbst El Dschasira, so spottete der Schriftsteller Mohieddin Lazikani, wage kein kritisches Wort gegen seinen Sponsor, das Regime von Katar.

Dass El Dschasira nach wie vor polarisiert, belegte ein Streitgespräch zwischen Salameh Nematt und Jian Alyaqoubi, einer irakischen Journalistin des umstrittenen TV-Senders. So wie vor Jahrzehnten panarabische Medien vom damaligen ägyptischen Präsidenten Nasser als "Stimmen Arabiens" aus Kairo gepuscht worden seien, habe auch El Dschasira als "verlängerter Arm des Außenministeriums von Katar" zu gelten, sagte Nematt. In seinem Bemühen, alle negativen Nachrichten über arabische Länder zu vermeiden, sei der Sender ein "Werkzeug zur Aufrechterhaltung von Diktaturen in der arabischen Welt".

El Dschasira: Keine Brücke

Auch die Irak-Berichterstattung von El Dschasira sei "nicht gewichtet". Jeder vom US-Militär getötete Iraker werde zum Märtyrer stilisiert, jeder von El Kaida getötete irakische Polizist dagegen schlicht als "Toter" verharmlost. Es sei aber "unzulässig, die Grenzlinien zwischen dem legitimen Widerstand und dem blanken Terrorismus im Irak zu verwischen", sagte Nematt. In seinem aktuellen Zustand sei El Dschasira keine Brücke zwischen Europa und der arabischen Welt. Vielmehr fördere der Sender durch seine antiwestliche Tendenz den "Kampf der Kulturen".

"Wir machen die Nachrichten nicht, wir berichten sie", widersprach Alyaqoubi. Westliche Sender hätten weitaus weniger ausgewogen berichtet als El Dschasira. Die BBC etwa habe nichts über das "Massaker Israels in Dschenin" berichtet. Anders als das US-Militär, dessen Pressekonferenzen El Dschasira übertrage, hätten Vertreter der Palästinenser wohl kaum die Möglichkeit, ihre Position im amerikanischen Fernsehen zu präsentieren. "Wenn die USA im Irak ein schlechtes Bild abgeben, liegt das an ihren Handlungen, nicht an uns", sagte Alyaqoubi. Die Aufgabe von El Dschasira sei es, Nachrichten vorwiegend für das arabische Publikum zu senden. Europäische TV-Sender hätten stundenlang live vom Begräbnis von Prinzessin Diana berichtet, "wir waren woanders", polemisierte die Journalistin.

So viel scheint klar: Mit der ihnen gelegentlich zugeordneten Rolle einer Demokratisierung der arabischen Welt sind die "neuen Medien" schlicht überfordert. Ihre Hauptwirkungen entfalten sie eher in der privaten Sphäre. Internet-Cafés und Mobiltelefone heben die bisher starren Klassen- und Geschlechterschranken auf, setzen die traditionelle familiäre Kontrolle außer Kraft.

Subtile Kontrolle des Internets

Auch das Internet hatte in den meisten arabischen Staaten zunächst mächtige Gegner. Die Regierungen fürchteten um ihr Informationsmonopol, den Konservativen graute vor der Aufweichung der islamischen Kultur. Mittlerweile, so berichtete Musa Shteiwi, Soziologieprofessor in Amman, gebe es kein arabisches Land mehr, in dem das Internet "offiziell" verboten sei. Angesichts der faktischen Unmöglichkeit, ein solches Verbot durchzusetzen, bemühe man sich jetzt um subtilere Kontrolle, etwa durch Vorschriften über die Benutzung bestimmter Suchmaschinen.

Nutzerstudien mit präzisen Daten liegen für die Region kaum vor. Wenn global gesehen 823 von 10.000 Menschen das Internet nutzten, so schätzt Shteiwi, müsse der entsprechende Wert für die arabische Welt bei etwa der Hälfte angesetzt werden. Regional gibt es signifikante Unterschiede: In der Spitzengruppe liegen - wenig überraschend - wohlhabendere Staaten wie die Vereinigten Arabischen Emirate, Jordanien, Kuweit, Ägypten sowie Saudi-Arabien.

Statistische Daten seien aber wenig aussagekräftig, da in der Regel nur Abonnenten von Internet-Anbietern erfasst würden. Unberücksichtigt blieben somit die Nutzer öffentlicher Anschlüsse, vor allem die Besucher der weit verbreiteten Internet-Cafés. Unter Gender-Aspekten komme diesen Treffpunkten eine geradezu revolutionäre Rolle zu. Zwar werde vielfach versucht, die traditionelle Geschlechtertrennung durch spezielle Arrangements - 1. Etage Männer, 2. Etage Frauen - zu konservieren. Dennoch habe das Internet gerade für Frauenorganisationen "den öffentlichen Raum enorm erweitert".

Begegnungen im Cyber-Café

Jamila Hassoune, Buchhändlerin aus Marrakesch, bestätigte diesen Ansatz einer "Revolution im Alltag" im Kontext einer eigenen Untersuchung der Internet-Nutzung von Jugendlichen in Südmarokko. Nach traditioneller islamischer Moral dürften unverheiratete Männer und Frauen sich nicht zusammen in einem Raum aufhalten. Das Cyber-Café als sozialer Raum unterlaufe diese Moral, da sein Besuch nicht von vornherein unter dem Verdacht unkeuscher Absichten stehe. Die direkte persönliche, private Kommunikation zwischen jungen Männern und jungen Frauen sei dadurch wesentlich einfacher geworden. Hassoune betreibt gemeinsam mit ihren Schwestern eine Art ambulanten Buchhandel bis hinauf in entlegene Dörfer des Hohen-Atlas-Gebirges. "Lese-Club unterwegs" - auch ein origineller Beitrag zur Entwicklung der marokkanischen Zivilgesellschaft.

Dabei unterscheidet sich das Nutzungsverhalten arabischer Internet-Benutzer gar nicht mal so sehr von dem westlicher Internauten. Nach Forschungen von Albrecht Hofheinz, Professor für Arabische Sprachen und Kultur an der Universität Oslo, verwandelt die Vorliebe für globale Anbieter wie Microsoft, Google und Yahoo auch die Menschen Marokkos, des Sudans und Ägyptens in ganz normale Bewohner des World Wide Webs.

Allerdings, so hat Hofheinz bei seinen Studien herausgefunden, sind arabischsprachige Internet-Nutzer diskutierfreudiger als andere. Eine Besonderheit: Acht bis zehn Prozent unter den Top 100 der beliebtesten arabischen Webseiten transportieren dezidiert religiöse Inhalte. Sonst dominieren die traditionellen Tabuthemen Sex und Politik. Viele politische Newsseiten und die entsprechenden Chat-Foren dienen dem Austausch über "Ungerechtigkeiten" gegen die muslimische Welt, also Nachrichten aus islamistischer Perspektive über den Irak, Palästina, die "Aggression Indiens" in Kaschmir oder die "Aggression Serbiens" in Bosnien. Diese Seiten, so Hofheinz, bedienten die schätzungsweise zwanzig Prozent der Bevölkerung in arabischen Staaten, die Sympathien für gewaltbereite Gruppierungen empfinden.

"Kein Kulturimperialismus"

In Berlin fehlte es nicht an Stimmen, die schon jetzt mit Melancholie die wachsende Konvergenz von arabischer und westlicher Kultur beobachten. Spielshows, Seifenopern und Call-In-Programme dominieren bereits heute die Programme vieler arabischer Kanäle. Wer wird Millionär?", Casting-Shows sind im Zeichen der Globalisierung auch im Orient längst erprobte Formate. Gerade interaktive Programme seien enorm populär. Ein "Big Brother"-Experiment in Bahrein habe allerdings nach öffentlichen Protesten und auf Druck einer parlamentarischen Mehrheit wieder abgesetzt werden müssen, berichtete Naomi Sakr (epd 16/04).

In einem von ihr eingespielten BBC-Film beteuerte ein Vertreter des Veranstalters MBC (Middle East Broadcasting Center), bei "Big Brother" handle es sich keineswegs um "Kulturimperialismus". Im nächsten Bild sah man eine verschleierte Frau beteuern, BB anzuschauen heiße nicht, "dass wir es akzeptieren". Jeder Angriff von Israelis auf Palästinenser, so fuhr sie sinngemäß fort, bringe die jungen Leute zur tradierten arabischen Kultur zurück.

Amüsement bis zum Tod

Gleichwohl fürchtet Gregor Meiering, Nahost-Berater in Amman, langfristig um die Unverwechselbarkeit der arabischen Kultur. Die "neuen" Medien seien nicht notwendigerweise auch die "guten". Zwar hätten sie das Meinungsmonopol der staatlichen Propagandasender zertrümmert, das Publikum sei längst in Scharen zu panarabischen und ausländischen Sendern geflohen. Es müsse jedoch gefragt werden, ob es besser sei, unter dem Monopol eines Berlusconi zu leben als unter dem Monopol einer Regierung.

Letztlich sei, so Meiering, die staatliche Zensur lediglich durch die Zensur des Marktes abgelöst worden. Am Ende drohe alles, was in der arabischen Öffentlichkeit geschehe, sich in Banalitäten zu verwandeln. Nutzer wie Medienproduzenten seien dort mit denselben kulturellen Herausforderungen konfrontiert wie die Menschen der westlichen Welt. Bei ungünstigem Ausgang würden "die zunächst so viel versprechenden Veränderungen auf dem Mediensektor in eine Situation münden, in der ein arabischer Neil Postman vor dem Amüsement bis zum Tode warnt", sagte Meiering.

Nachtrag: Die spanische Zeitung "El Mundo" berichtete am 1. Juni dieses Jahres über die öffentliche Hinrichtung dreier Männer in Kuweit. Sie waren wegen der Entführung, Vergewaltigung und Ermordung eines sechsjährigen Mädchens zum Tod durch den Strang verurteilt worden. Den Bericht illustrierten zwei Fotos der Agentur AFP: Das erste zeigte die Abnahme der Erhängten vom Galgen, das andere zwei verschleierte junge Frauen mit gezückten Mobiltelefonen. Bildunterschrift: Zwei junge Frauen beim Fotografieren der Exekution.

 


 



epd medien Nr. 53, 10. Juli 2004





 
 

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