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  "Junge Leser sind informationsorientiert"
Ein epd-Interview mit dem Medienwissenschaftler Günther Rager


epd  Seit sechs Jahren erforscht eine Gruppe von Wissenschaftlern um den Journalistik-Professor Günther Rager, warum Jugendliche Zeitung lesen oder nicht. Das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Projekt ergab unter anderem, dass das Leseverhalten der Eltern die Jugendlichen stark prägt. Die Wissenschaftler fanden außerdem heraus, dass Unterhaltung für die Jugendlichen bei der Zeitungslektüre eine wichtige Rolle spielt und dass sich junge Leser vor allem für Themen interessieren, die einen unmittelbaren Bezug zu ihrem Alltagsleben haben. Diemut Roether sprach mit Günther Rager über Strategien der Zeitungen, für junge Leser attraktiver zu werden. - Über einen Kongress im Rahmen des "Forum Lokaljournalismus",  in dem das Thema Jugend und Zeitung ausführlich erörtert wurde, berichtet im folgenden Beitrag Leonardt Krause.

epd  Statistiken zeigen, dass das Interesse von Jugendlichen an Zeitungen in den vergangenen Jahren sehr stark zurückgegangen ist. Sie forschen an der Universität Dortmund seit sechs Jahren über Jugendliche als Zeitungsleser und haben kürzlich gesagt: Wenn es den Zeitungen nicht gelingt, die Jugendlichen als Leser zu gewinnen, kommt eine Krise auf sie zu, die noch schlimmer ist als das, was sie zurzeit durchleben.

Rager: Ja, verschiedene regelmäßige Umfragen haben übereinstimmend ergeben, dass sich die Zahl der Jugendlichen - also der 14- bis 19-Jährigen -, die täglich Zeitung lesen, in den letzten zehn Jahren halbiert hat. Vor zehn Jahren las noch jeder zweite Jugendliche täglich die Zeitung, jetzt nur noch jeder vierte. Und fragt man die Jugendlichen, ob das Medium verzichtbar ist, sind die Ergebnisse noch verheerender. Da kommt auf die Zeitungen eine schwere Krise zu, weil sie dadurch in eine Abwärtsspirale hineingeraten: Nicht nur die Werbeeinnahmen sind rückläufig, sondern auch die jüngere Leserschaft. Das bedeutet, dass sie für die werbetreibende Wirtschaft nicht mehr so attraktiv sind und so weiter ...

Was stört die Jugendlichen Ihren Forschungsergebnissen nach an der Zeitung?

Viele Jugendliche stört gar nichts, die Zeitung ist ihnen einfach egal. Die Zeitungsmacher wären schon froh, wenn sich die Jugendlichen darüber aufregen würden. Die Zeitung ist für viele junge Leute ein altmodisches Medium, und manche Zeitung macht es ihnen auch leicht, auf sie zu verzichten. In den Befragungen sagen die Jugendlichen, dass vieles von dem, was in der Zeitung steht, sie nicht interessiere. Über das, was sie interessiert, wird hingegen zu wenig berichtet.

Alltagsthemen bevorzugt

Auf der Hitliste der Jugendlichen steht seit vielen Jahren ganz oben "Unglücke, Katastrofen, Unfälle". Aber sie interessieren sich natürlich auch für Themen wie Gewalt unter Jugendlichen, Berufsperspektiven oder Arbeitslosigkeit. Jugendliche interessieren sich mehr für nutzwertorientierte Themen, für Alltagsthemen als für institutionelle Politik, wie sie Parteien oder Gewerkschaften verkörpern. Die jungen Leser interessiert das Thema Gewalt nicht abstrakt, sie wollen wissen, wie gefährdet sie selbst auf dem Schulhof sind. Alkohol- und Drogenkonsum ist auch ein Thema, über das Jugendliche mehr lesen wollen. Natürlich auch das Thema Sex in allen Variationen, Kino oder Musikcharts. Das vermissen sie in der Zeitung.

Deswegen lesen sie ja "Bravo" ... Was können die Zeitungen denn tun, damit sie mehr von Jugendlichen gelesen werden?

Wir haben uns in unserer Forschung einerseits für die Sozialisationsfaktoren interessiert: was ist an der Erziehung oder am persönlichen Werdegang entscheidend, ob jemand Zeitungsleser wird oder nicht? Andererseits haben wir gefragt, was man am Produkt verändern kann. Wie wir herausgefunden haben, hängt die Frage, ob Jugendliche Zeitung lesen, ganz stark davon ab, ob es zu Hause eine Zeitung gibt und ob sie regelmäßig gelesen wird. Auch die Schulbildung ist entscheidend. Und schließlich hängt es vor allem bei Mädchen davon ab, ob die Freunde und Freundinnen ganz besonders die eigene Mutter Zeitung lesen oder nicht. Das sind wichtige Faktoren. Wichtig ist aber auch, ob die Jugendlichen Spaß am Lesen haben.

Lesen Mädchen immer noch weniger Zeitung als Jungen?

Es ist nicht mehr so gravierend wie es noch vor zehn Jahren war. Dass Jungen immer noch ein bisschen mehr Zeitung lesen als Mädchen, erklären wir uns damit, dass viele Jugendliche ihr Interesse für die Zeitung über den Sport entdecken. Die Zeitungen berichten viel über Sportarten, die Jungen interessieren - etwa Fußball oder Handball. Mädchen sind eher an Sportarten interessiert, die in Zeitungen keine große Rolle spielen - alles, was mit Pferden zu tun hat, zum Beispiel.

Jugendseiten als "Lockangebot"

Gelingt es den Zeitungen, die spezielle Jugendseiten machen, Jugendliche damit anzusprechen?

Wenn die Jugendseiten gut gemacht sind, können sie sehr erfolgreich sein. Die Jugendseite ist in der Tat ein "Lockangebot" für Jugendliche. Wir haben auch festgestellt, dass die Jugendlichen sehr selektiv vorgehen, wenn sie die Zeitung lesen. Im Allgemeinen lesen sie immer die erste oder die letzte Seite des Zeitungsbuches. Alle Seiten dazwischen haben eigentlich kaum eine Chance, von Jugendlichen wahrgenommen zu werden. Wenn es darum geht, wo für Jugendliche der richtige Platz in der Zeitung ist, wäre das immer am besten auf der ersten oder letzten Seite eines Buchs. Wichtig ist außerdem eine jugendgerechte Gestaltung.

Was bedeutet das?

Jugendliche sprechen gut auf Blickfänge an, also auf große optische Elemente wie Bilder. Die Gestaltung der Seite ist sehr wichtig, die meisten jungen Leser bevorzugen ein einfallsreicheres Layout - wie etwa in den Wochenendbeilagen ...

Jugendliche wollen gute Fotos

Reicht es also, viele Fotos auf eine Seite zu setzen, um Jugendliche anzusprechen?

Er sollten besonders gute Fotos sein. Jugendliche haben einen sehr hohen Qualitätsanspruch an Fotos, sie haben auch mehr Verständnis für Bildsprache oder für grafische Elemente wie Farbleitsysteme als Erwachsene. Wir haben den Jugendlichen Testseiten vorgelegt, bei denen wir einzelne Elemente verändert hatten - Bilder oder Überschriften. Auf einer Seite hatten wir einen Artikel über den Wahlkampf mit einem Foto illustriert, auf der anderen gab es einen Cartoon zum gleichen Thema. Die Seite mit dem Cartoon kam signifikant besser an als das Foto. Die Artikel blieben identisch, aber in der Beurteilung mittels Schulnoten wurden die Artikel unter dem Cartoon viel besser bewertet als die unter dem Foto.

Bedeutet das, dass es in erster Linie eine Frage der Präsentation ist, ob Jugendliche Zeitung lesen oder nicht?

Die jugendnahe Optik ist unseren Erkenntnissen nach sehr viel wichtiger als etwa eine jugendgerechte Sprache. Wenn wir Jugendlichen unterschiedliche Zeitungen in die Hand geben, stellen wir fest, dass sie in der Regel zu "moderner gestalteten" Zeitungen greifen: Sie bevorzugen also die "Welt", oder die neu gestaltete "Frankfurter Rundschau" und lassen die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" eher liegen. Wichtig ist wie gesagt, dass Zeitungen mit grafischen Elementen und mit Farbe arbeiten. Jugendliche legen sehr viel Wert auf Farbe.

Einfache, verständliche Sprache

Was die Sprache angeht, so haben wir den jungen Lesern bei Tests unterschiedlich geschriebene Artikel vorgelegt und festgestellt, dass sie in erster Linie informationsorientiert sind. Eine spannend geschriebene Geschichte hat sie weniger interessiert als eine informative, einfach und verständlich geschriebene.

Was bedeutet das für die normale Zeitungssprache: Spricht sie Jugendliche an oder nicht?

Mindestens ein Drittel der Jugendlichen sagt, die normale Zeitungssprache sei zu schwer verständlich. Jugendliche bevorzugen in der Regel relativ kurze Artikel - das heißt aber nicht, dass ein gut aufgemachtes Thema nicht auch mal eine ganze Seite haben dürfte. Wir haben auch Überschriften getestet und kamen dabei zu erstaunlichen Ergebnissen: Ein Artikel über Taschengeld war einmal mit "Studie über Taschengeld" überschrieben und einmal mit "Sparen ist out, jobben ist in". Wir waren selbst überrascht, welche Überschrift besser ankam.

Jeder Journalist würde sagen, "Sparen ist out, jobben ist in" zieht mehr junge Leser in den Artikel rein.

Ja, aber bei den Jugendlichen kam die trockene, informative Überschrift "Studie über Taschengeld" viel besser an. Die Überschrift "Breit in die Böschung" ist bei unseren Testlesern durchgefallen, während die Überschrift "Unfall durch Haschisch" gut ankam. Daran sieht man, dass sich die jungen Leser schnell informieren wollen, wenn sie Zeitung lesen. Auch Vorspänne kamen bei unseren Testlesern daher meist sehr gut an.

Themen jugendgerecht darstellen

Ihre Erkenntnisse legen nahe, dass es nicht ausreicht, spezielle Seiten für Jugendliche zu machen, die genauso "langweilig" aussehen wie die anderen Zeitungsseiten auch. Wäre es besser, spezielle Beilagen zu machen, die sich optisch abheben?

Ich würde nicht sagen, dass Zeitungen Beilagen für Jugendliche machen sollten, sondern dass in der Zeitung jugendgerechte Angebote sein müssen. Eine tägliche Jugendseite wäre viel besser als eine Beilage! In der Tageszeitung sollte es möglichst täglich mindestens einen Artikel geben, der Jugendliche thematisch anspricht. Man muss jungen Lesern einen Grund geben, täglich in die Zeitung zu schauen. Jugendseiten sind gut, weil Jugendliche sich auch abgrenzen und etwas Eigenes haben wollen. Aber um Jugendliche für die Zeitung zu interessieren, ist es hilfreich, wenn auch auf anderen Seiten andere Themen jugendgerecht dargestellt werden.

In der Schweiz ist ja gerade eine Sonntagszeitung für Kinder auf den Markt gekommen. Könnte denn in Deutschland eine eigene Zeitung für Jugendliche Erfolg haben?

An einem Sonntag hätte sie mit Sicherheit wenig Erfolg. Nach unseren Forschungen erreicht alles, was in Wochenendbeilagen für Jugendliche gemacht wird, die Zielgruppe nicht. Offensichtlich haben die Jugendlichen am Wochenende anderes zu tun, als Zeitung zu lesen. Eine spezielle Jugendzeitung könnte durchaus Erfolg haben. Es gibt viele Jugendliche, die sich für das interessieren, was in ihrer Umgebung passiert, und es gibt viele Themen, die Jugendliche insgesamt interessieren - wie Taschengeld, die aktuelle Mode oder Charts. Aber die Beilagen, die nur auf Musik und Film setzen, kommen unserer Erfahrung nach nicht so gut an wie die, die auch über lokale und regionale Themen berichten.

Zeitung als Lesetraining

Was haben Jugendliche überhaupt davon, dass sie Zeitung lesen?

Das kommt natürlich auf die Zeitung an ... Im besten Fall: Themen, die sie interessieren und spannende Artikel. Auf jeden Fall aber Wissen über Politik und etwas, was sie nirgendwo sonst so umfassend bekommen: Informationen über lokale Ereignisse. Die Zeitung eröffnet die Chance zur Teilhabe am öffentlichen Leben - nicht nur beim Thema Politik, sondern auch im direkten Umfeld. Und dann bekommen sie noch einige Dinge, die sie nicht unmittelbar abfordern. Denn schließlich ist die Zeitung ein gutes Trainingsmedium für das Lesen und zum Auswählen von Informationen. Das sind Schlüsselkompetenzen.

Lohnt es sich überhaupt noch, Zeitung für Jugendliche zu machen? Müsste man ihnen nicht eher etwas Eigenes im Internet anbieten?

Auf jeden Fall sollte man Jugendlichen etwas im Internet anbieten. Aber im Augenblick würde ich keiner Zeitung Hoffnungen machen wollen, dass junge Leute von sich aus auf die Homepage einer Zeitung zugreifen. Eher klicken sie die Internetangebote von Illustrierten, Magazinen oder Fernsehsendern an. Die Zeitungen müssen hart kämpfen, um sich gegen die Konkurrenz im Internet zu behaupten. Wenn sie jungen Nutzern dort etwas bieten wollen, sollte das etwas Nutzwertiges sein, was die anderen nicht haben.

Zeitung plus Internet

Unabhängig davon haben alle die Erfahrung gemacht, dass Internetangebote durch Zeitungen oder Zeitschriften bekannt gemacht und gefördert werden müssen. Es ist kein Zufall, dass die großen Magazine auch die meisten Zugriffe im Internet haben, aber trotzdem noch als gedruckte Zeitschriften erscheinen. Die "New York Times" macht es ja vor: Sie ist eine brillante Zeitung mit einem brillanten Internetauftritt. Ich glaube aber nicht mehr, dass wir alle Jugendlichen erreichen werden, oder dass man langfristig solche Reichweiten erreichen kann wie bisher.

Bei "jetzt", dem Jugendmagazin der "Süddeutschen Zeitung", hat die Kombination von Internet und Zeitschrift ja sehr gut funktioniert: Es gab eine "community", also eine "Gemeinde", die sich rund um die Zeitschrift gebildet hatte. Diese Leser nutzten das Internetangebot für eigene Beiträge, die dann teilweise im Magazin erschienen. War es ein Fehler des Süddeutschen Verlags, "jetzt" einzustellen?

Meine persönliche Meinung ist: Ja. Die "Süddeutsche" hatte "jetzt" mit so viel Mühe, Witz und Intelligenz groß gemacht, dass es einfach schade war, das Magazin einzustellen. Ich war nie wirklich überzeugt davon, dass ein Magazin das richtige Instrument ist, um junge Leser an die Zeitung heranzuführen. "jetzt" war hervorragend gemacht, aber in seiner Präsentation und was die Inhalte anging, war es sehr "zeitungsfern". Ich bin daher nicht sicher, ob Jugendliche, die "jetzt" gelesen haben, später auch die "Süddeutsche" lasen. Das ist eben die Gefahr, wenn man ein tolles, aber zeitungsfernes Produkt macht. Spaß gemacht hat es trotzdem. Und die Beilage wurde von der großstädtischen Jugend, an die sie sich richtete, gut angenommen.

Was bringen Projekte wie "Zeitung in der Schule"?

Wir glauben, dass solche Projekte eine große Chance für Tageszeitungen sind, überhaupt auf sich aufmerksam zu machen. Sie erreichen mit diesen Projekten immer mehr Schüler, die die Zeitung von zu Hause gar nicht mehr kennen.

Wie früh sollten solche Projekte ansetzen?

Bislang richteten sich die meisten Projekte dieser Art an 14- bis 16-Jährige. Wir haben aber in unseren Forschungen festgestellt, dass Zeitungsleser auffallend häufig sagen, dass sie bereits im Alter von acht oder zehn anfingen, Zeitung zu lesen. Einige sagten, sie seien über die Kinderseiten zur Zeitung gekommen, die ja früher in den Zeitungen nicht wirklich ernst genommen wurden. Zeitungen sollten also durchaus auch mit Grundschulen Projekte planen.


 



epd medien Nr. 6, 28. Januar 2004





 
 

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