MEDIEN
AKTUELLES HEFT
INTERVIEWS
MEDIENLINKS
SERVICE
WEB-ARCHIV
DAS RESSORT
HOME
SUCHE
ADRESSEN
PRODUKTE
LINKS
SITEMAP
Dokumentation
Film
Medien
Sozial
Bayern
Hessen
Niedersachsen-Bremen
Nord
Ost
Rheinland-Pfalz/Saarland
Südwest
West
Bilddatenbank
Grafikdatenbank
Die Nachrichten-Agentur
Anzeigen
Freie Stellen
Kontakt
Impressum
   
Abonnieren Sie unsere Newsletter! Druckversion Empfehlen Sie die Seite weiter! Bestellen Sie direkt!
  Recherche mit Makel
"Das Märchen vom blühenden Arbeitsmarkt", Reportage von Günter Ederer (ARD/HR, 9.4., 23.15-0.00 Uhr)


epd    Im Märchen ist die Welt zwar oft finster, aber wenigstens überschaubar. Im letzten Teil seiner Trilogie über die Misere des deutschen Sozialstaates hat sich Günter Ederer den dicksten Brocken vorgenommen: den Arbeitsmarkt. Genüsslich zitiert er die Versprechen "der Herrschenden" auf ihrem "Thron", die Arbeitslosigkeit zu halbieren (Kohl) oder wenigstens "massiv zu senken" (Schröder).

Und dann das: In Görlitz, zwölf Jahre nach der Wende und nach reichlich Subventionen, liegt die Erwerbslosigkeit noch immer bei 25 Prozent. 20.000 Bewohner sind seit weggezogen - und ebenso viele haben sich jenseits der Neiße neu angesiedelt. Dort verdient die Friseuse nur die Hälfte und das befürchtet auch der Kreishandwerksmeister nach der Grenzöffnung.

Für Ederer ist das aber kein Schock, sondern Hoffnung auf eine Preisbereinigung "etwa auf dem Niveau der bisherigen Schwarzarbeit". Seine wie gewohnt im saloppen Ton erzählten Beispiele laufen auf ein radikales Abspecken im Lohnniveau und bei Arbeits- und Sozialrecht hinaus. Denn auch das jüngste Konjunkturprogramm der Regierung für die Kommunen helfe "Nachbarstaaten und der Schwarzarbeit": Auf einer Baustelle der Stadt Mainz fand er nur Ausländer. Und in Betrieben, wie einem Galvanisierungsbetrieb in Sinn, könnten 24 Stellen nicht besetzt werden.

Ederer greift bei seinen Interviews allerdings resolut durch die Auswahl der Interviewten ein. Keine Gewerkschafter, keine Politiker, nur der Betriebsrat einer Göttinger Elektrofirma, der partout nicht freigestellt sein will, wenn der Betrieb mehr als 200 Mitarbeiter habe. Das kann sich die Chefin nicht leisten und der Betriebsrat sekundiert: "Wir müssen sehen, dass wir wettbewerbsfähig bleiben." An anderer Stelle klagt ein Ex-Bundes-wehrsoldat darüber, dass er in seinem früheren Betrieb nur fest angestellt werden dürfe und so das Teilzeitangebot nicht wahrnehmen könne. Die Gesetze schützten den Arbeitslosen vor der Arbeit, meint er. Und seine Chefin will die Teilzeitbeschäftigung in einem Musterprozess durchsetzen.

Ein anderes Tabu: die "Sozialauswahl", derzufolge junge Arbeitnehmer zuerst entlassen werden müssen. Dazu lässt Ederer einen Leistungsträger zu Wort kommen, der es deshalb als Pech empfindet, nicht alt oder behindert zu sein. Nur seine beiden Kinder schützten ihn vor der Entlassung: "Aber ich will nach meiner Leistung bewertet werden." Das sind schon markante Töne für einen Sender wie den Hessischen Rundfunk, der das Etikett "Rotfunk" in vielen Bereichen längst abgeschüttelt hat - lange vor dem Antritt des neuen Intendanten.

Ederers Reportage ist eine Gratwanderung, eine Investigativ-Recherche auf den ersten Blick über unangenehme Fakten: etwa dass in Ostdeutschland ohne Subventionen auch in Zukunft nichts laufen werde. Und dass es noch schlimmer komme, wenn erst einmal alle Fassaden renoviert seien - von Häusern, die längst unbewohnt seien. Als Kronzeuge sagt Florian Gerster von der eingangs als "Trutzburg" bezeichneten Bundesanstalt für Arbeit: Es sei "eine Illusion, dass mehr soziale Gerechtigkeit auch mehr Aufbau Ost bedeutet". Den eigentlich zuständigen Aufbau-Ost-Beauftragten der Bundesregierung, Rolf Schwanitz, lässt Ederer hingegen nicht zu Wort kommen.

Und dann schildert er die Zukunft, die in Dänemark liegt: kein Arbeitgeberanteil zu den Sozialversicherungen, einwöchige Kündigungsfrist, ein Arbeitsamt, das gezielt für angebotene Jobs wie Lagerarbeiter ausbildet und die Arbeitspflicht nach einem Jahr. Damit, so Ederer, hätten die Dänen nur fünf Prozent Arbeitslosigkeit und würden 2006 schuldenfrei sein, könnten dann massiv in die Bildung investieren. Ein Märchen? Zumindest ein Gedankenanstoß für den überregulierten deutschen Sozialstaat.

Schade nur, dass auch Ederer nicht die ganze Wahrheit erzählt. Denn der Kämpfer gegen die Sozialstaats-Lobby wird selbst von einem Interessenverband unterstützt: der "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft", über die laut Abspann auch Videos und weitere Infos erhältlich sind - unter der Internet-Adresse www.chancenfueralle.de. Initiatoren der Initiative sind die Arbeitgeberverbände der Metall- und Elektroindustrie, Kuratoriumsvorsitzender ist der Ex-Bundesbankchef Prof. Hans Tietmeyer.

Diese Verbindung erklärt unversehens, warum dem Autor so viele offene Türen in so wenigen Branchen offen standen, und auch, warum hier nur die Kritiker und liberalen Marktreformer zu Worte kamen mit ihrer Kernthese, ein flexiblerer Arbeitsmarkt mit gelockertem Kündigungsschutz müsse her. Diese persönlichen Verbandelungen sind ein schwerer Makel, mit dem Ederer mutwillig seinen Ruf als unabhängiger und kenntnisreicher Wirtschaftsjournalist untergräbt. Und auch der HR gerät ins Zwielicht, der im Abspann einer Industrie-Lobby eine Werbeplattform bietet. 

Dieter Deul



epd medien Nr. 28, 12. April 2003





 
 

© epd Hinweis zum Urheberrecht

 

 
Evangelischer Pressedienst, Emil-von-Behring-Straße 3, 60439 Frankfurt am Main
info@epd.de