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Stimmenfänger. Ein Hörspiel (des Jahres) am Sonntag


epd Ein karger Bühnenraum zwischen anthrazit und schwarz. An der Rückwand eine Projektion - ein Testbild im groben Streifenraster, mittendrin eine helle Sonne, ein weißer Kreis. Ein Spielort. Kammerspiele Frankfurt.

Das Spiel im Ort: ein Hörstück. Eines, das preisgekrönt wurde. Als "Hörspiel des Jahres", Auszeichnungsadresse: Die Akademie der Darstellenden Künste in Frankfurt, die außer den auditiven auch die visuellen Künste lobt und preist: beim herbstlichen Fernsehfilm-Festival in Baden-Baden.

Spielt die Mediengrenze überhaupt noch eine große Rolle? Doch, schon. Auch wenn viele Künstler das Prinzip Crossover auf ihre Fahnen schreiben, auch wenn elektronische Bilder und Theater und Tanz und Töne auf ihre Schnittstellen untersucht und in immer neuen Ansätzen collagiert werden.

Aber hier, auf der Bühne, ist das Testbild nichts als eine schmückende Garnitur, ein uneingelöstes Versprechen. Denn das Stück, aus zwölf Monats-Kürungen dann zum Top-Titel des Jahres gemacht, ist reine Sprache, sonst gar nichts. Sprache aus rasant vorgetragenen steilen Sätzen, die den Hörer ab der ersten Sekunde überfallen. Und nicht nur das. Diese Satzkaskaden, teilweise mit allen Utensilien aus dem medienkritschen/-theoretischen Baukasten bestückt, sie kommen daher als Kreuzzug einer hochvirtuosen Verbalität. Ein Hörbann? Ein Hörzwang?

Erst nach der Hälfte der gut 40 Hörminuten gibt's kleine Atempausen, lassen sich Lücken, Widerhaken heraushören. Doch selbst dann ist es schwer, sich selbst - über den einordnenden Verstand - einzuhaken, die Sinnpartikel zu verbinden, die pausenlosen Einfallsketten, die winzigen Pointen-Einsprengsel auf eine Linie zu bringen. Außer der, die da heißt: Linearität in der Zeit. Und der, die ganz explizit (Politik!) einen Konflikt umschließt: den zwischen Palästinensern und Israelis.

Die Rede ist von "Die Stimme des Hörers", ein Stück, das Eran Schaerf für den Bayerischen Rundfunk geschrieben hat - als Fiktion eines noch fiktiveren Senders, der clever aus nichts als einem Generator besteht, mit dem Meinungen, Stimmen, Beiträge eben des Publikums gesammelt werden - Interaktivität, das Zauberwort des engagierten Mittuns, verliert sich in einer Endlosschleife der Beliebigkeit.

Eran Schaerf, bildender Künstler, hat das Ganze für die "Intermedium2" geschrieben, jene audiovisuelle Werkstatt, die - vorangetrieben vom Bayerischen Rundfunk und vom Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe (kurz: ZKM) - etwaige Grenzen zwischen den Mediengenres sprengen möchte. Ein Labor, das eher auf Performance setzt, jene schillernde Kunstform, die den Vollzug im Hier und Jetzt meint - und meilenweit entfernt ist von den konventionellen Bezügen eines herkömmlichen Verbreitungsmediums.

Eine Werkstatt als geschlossene Gesellschaft, als Gefängnis der ästhetisch Vorwärtstreibenden? Nein, so ist's ganz und gar nicht, wissen die Laborgäste. Ein Stück im Radio als offene Antriebsmaschine? Das wiederum, belegt "Die Stimme des Hörers", muss auch nicht sein.

Aber, bitte, wie immer, gibt's zum Contra auch das Pro. Ein "Ton extremer Prätentiosität", so weit getrieben, "dass man sich nur noch ausgeschlossen fühlen konnte": O-Ton Jörg Drews, als das Schaerf-Stück beim "Hörspielpreis der Kriegsblinden" durchfiel. Dagegen Jochen Meißner, der für die Akademie-Jury das Loblied sang: "Wir hatten das Glück, ein Stück von Eran Schaerf prämiieren zu können, das seine Konzeption in reinster Form verwirklicht."

Eine Konzeption pur, ohne "jedes Zugeständnis an die Hörgewohnheiten des normalen Nebenbei-Radiohörers, wie auch des passionierten Hörspiel-Hörers". Die äußerste Reduktion - also: nur eine Stimme für alle und alles im collagierenden Sammel-Sender - mache das Stück zum ausgesprochenen "Anti-Pop-Hörspiel", also zum Gegenpart von Christoph Schlingensiefs "Rosebud": das den Kriegsblinden-Preis bekam.

Ein ästhetischer Richtungsstreit mit Zähnen und Klauen? Ach, eher nicht. "Die Stimme des Hörers" ist in der ununterscheidbaren Additionsmanie ein Unikum, weit entfernt von medienkritischer Komplexität wie - z.B. - in "Radio Inferno" von Andreas Ammer/FM Einheit. Am Ende blieben das Testbild, rot leuchtende Preis-Rosen - und eine schöne Sonntagsdiskussion. Die Stimme des (überschaubaren) Publikums.   

uka



epd medien Nr. 19, 12. März 2003





 
 

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