epd Michael Rosenblum ist ein eher unscheinbarer, fast asketisch wirkender Mann: Klein, drahtig, schwarz gelockte Haare. Er trägt Brille, schwarze Jeans, ein dunkles Jackett, darunter ein schwarzes T-Shirt. Wenn Michael Rosenblum anfängt zu reden, wird schnell klar, dass die priesterlich anmutende Kleidung kein Zufall ist: Dieser Mann hat eine Mission. Mit Hilfe der digitalen Videokamera will er das Fernsehen revolutionieren - nicht mehr und nicht weniger.
Man muss Michael Rosenblum gesehen haben, um zu verstehen, warum so viele sonst eher nüchterne Programmplaner und Fernsehmacher auf einmal zu ehrfürchtigen Jüngern werden, wenn sie eine von Rosenblums Veranstaltungen besucht haben. Auch Jan Metzger, der Leiter von "hessen fernsehen" war beeindruckt, als er Rosenblum vor zwei Jahren in Barcelona kennenlernte, wo der Amerikaner seine Lehre vom Video-Journalismus verkündete. "Er hatte was von einem Wanderprediger", erinnert er sich. Am 31. Oktober hatte Metzger den "Guru des Videojournalismus", wie viele ihn nennen, eingeladen, beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt seine Vision von der Zukunft des Fernsehens vorzutragen.
Und Rosenblum, der mit gut einer Stunde Verspätung aus England eintrifft, redet sich am Ende eines langen Tages in dem düster getäfelten Konferenzraum schnell in Fahrt: "Nachrichtensendungen sehen überall auf der Welt gleich aus", sagt er: "Da sitzt ein Mann hinter einem Pult, vor einer Blue-Box, und spricht. Und danach läuft ein Film, in dem Häuser zu sehen sind, "'Talking Heads' und ein Aufsager eines Reporters. Das ist langweilig! Überall der gleiche Mist!"
DV-Kameras: Die Gutenberg-Presse von heute
Die kleinen digitalen Videokameras sind die Zukunft des Fernsehens, sie werden es besser und spannender machen - davon ist Rosenblum überzeugt: "Diese Kameras sind die Gutenberg-Presse von heute. Sie geben jedem die Möglichkeit, im Fernsehen zu veröffentlichen. Sie werden das Fernsehen demokratisieren. Und wenn ihr Fernsehmacher das nicht glauben wollt, werdet ihr eines Tages tot sein."
Demokratisierung des Fernsehens: Da klingt Brecht an und die alte Sehnsucht, dass jeder Empfänger auch zum Sender werden kann. Und es werden Ängste wach, dass in Zukunft noch mehr beliebige, schlecht gemachte Filme voller Wackelbilder im Fernsehen zu sehen sein werden.
Der HR hat sich vor zwei Jahren entschlossen, auf die neue Technologie zu setzen. 20 so genannte DV-Kameras wurden angeschafft, berichtet Bernd Kliebhan, der das Projekt Videoreporter betreut. Als erste wurden Hörfunkkorrespondenten im Umgang mit den neuen Kameras geschult, denn sie sollen vor allem im Regionalen Bilder einfangen - in Orten, die bislang nicht in den Regionalnachrichten vorkamen, weil sich die lange Anreise für ein Fernsehteam nicht lohnte. Das Netz der Hörfunkkorrespondenten ist in Hessen viel dichter als das der Fernsehkorrespondenten. Weil sie schneller am Ort des Geschehens sind, hat jetzt auch die Schülerdemo in Heuchelheim oder der Protest gegen eine Schwimmbadschließung in Erbach eine Chance, in der "hessenschau" gesendet zu werden.
Zuschauerbindung dank Bildern aus der Region
Für den HR bedeutet dies eine stärkere Zuschauerbindung in der Region: "Die Leute haben schon nach vier Wochen gemerkt, dass sie auf einmal auch in der ‚hessenschau' zu sehen sind", berichtet Frank Lehmann, der als Hörfunkredakteur im Odenwald seit Juni mit der DV-Kamera dreht. Der gelernte Fotograf empfindet die Kamera als "unglaubliche Bereicherung" seiner Arbeit.
Gegenüber der üblichen Digi-Beta-Kamera hat die DV-Kamera einen klaren Vorteil: Sie kostet etwa ein Zehntel. Die Qualität der Bilder bezeichnet Kliebhan als "absolut sendbar". Mit DV-Kameras aufgezeichnete Bilder würden häufig mit denen von Digibetas kombiniert, ohne dass ein Unterschied auffalle. "Die Alternative zu den Bildern, die mit DV-Kameras gemacht werden, ist: gar keine Bilder zu haben", meint Kliebhan. Er ist überzeugt, dass sich die neue Technologie deswegen rasch durchsetzen wird. Und noch einen Vorteil hat die DV-Kamera in Kliebhans Augen: Weil sie so klein und unscheinbar sei, komme man näher an die Leute ran.
Doch bei den Beiträgen für ein Reisemagazin, die Kliebhan vorführt, wird schnell klar, dass die neue Technologie nicht automatisch neue Inhalte mit sich bringt. Die Bilder mögen zwar aus größerer Nähe gedreht worden sein, doch die Einwohner von Guayana, die in der Reportage zu sehen sind, bleiben - wie in herkömmlich gedrehten Reisemagazinen auch - Kulisse vor Palmen und Wasserfällen. Zu Wort kommen sie auch vor der DV-Kamera nicht.
VJ-Guerilla in Franken
Bereits 1994, lange vor dem HR, begann der BR, kleine DV-Kameras für die Berichterstattung einzusetzen. "Wir waren damals die VJ-, die Videojournalismus-Guerilla", sagt Redakteur Peter Sauer vom Studio Franken. Auch in Franken sei es das Ziel gewesen, mehr Bilder aus den Regionen einzufangen und zu senden. In einer schwerfälligen öffentlich-rechtlichen Anstalt wie dem BR sei es damals schwierig gewesen, Teams spontan und außerhalb der üblichen Arbeitszeiten einzusetzen.
Inzwischen arbeiteten sieben Hörfunkkorrespondenten und acht Fernsehjournalisten mit den kleinen Kameras, die auch für heikle Reportagen - etwa beim Thema Prostitution im Grenzbereich zu Tschechien - eingesetzt würden. "Man muss mit der neuen Technik arbeiten wollen", sagt Sauer, "nicht jeder gute Journalist ist auch ein guter VJ."
BBC: "Wir wollen neue Geschichten erzählen"
Während der HR überwiegend auf die schnellen Nachrichtenbilder setzt, verbindet die BBC, die sich neuerdings auch von Rosenblum beraten lässt, ein anderes Konzept mit der neuen Technologie: "Wir machen das nicht, um Geld zu sparen", sagt Mike Arnold, Senior Manager Nations and Regions der BBC. "Wir wollen andere Geschichten erzählen, mehr Intimität herstellen."
Die Filme, die er vorführt, zeugen tatsächlich von einer neuen Erzählhaltung: In einem der Seminare entstand eine skurrile Reportage über Trainspotter, die ein Video-Journalist mehrere Tage lang begleitet hatte. Vor der kleinen Kamera öffneten sich die Männer und erzählten, wie schwer es ist, mit diesem Hobby - sie sammeln Bilder und Daten von vorbeifahrenden Zügen - ernst genommen zu werden. "Er ging einfach zur Birmingham Station und wartete", berichtet Mike Arnold, "das hätte ich ihm mit einem normalen Kamerateam nicht erlaubt."
"Die neue Technologie gibt den Journalisten die Freiheit, Fehler zu machen", predigt Rosenblum. Bislang funktioniere Fernsehen so: Kamerateams würden nur zu solchen Ereignissen geschickt, bei denen hundertprozentig eine Story zu erwarten sei. Weil die Technik und die Teams so teuer seien, werde nur über die Dinge berichtet, von denen man schon vorher wisse, dass sie passieren. Das mache das Fernsehen so langweilig und so vorhersehbar.
Videojournalismus braucht ein Konzept
Veranstaltungen wie die mit Michael Rosenblum sollen im HR dazu beitragen, die Vorbehalte gegen die neue Technologie abzubauen. "Damit der Videojournalismus sich durchsetzt, braucht man ein Konzept", meint Bernd Kliebhan. Der WDR sei mit seinem Versuch, Ein-Mann-Teams einzuführen, vor fünfzehn Jahren nicht nur daran gescheitert, dass die Technik damals noch zu kompliziert war. Er habe auch versäumt, die Leute im Umgang mit der Technik zu schulen.
Der Sender setzt daher inzwischen bewusst auf einen Austausch zwischen Technikern und Redakteuren: In Zusammenarbeit mit der Zentralen Fortbildung für Programmmitarbeiter von ARD und ZDF (ZFP) werden nicht nur Journalisten im Umgang mit Kamera und Schnitt-Laptop geschult; auch Cutter und Kameraleute haben die Möglichkeit, sich journalistisch fortzubilden: Sie lernen, Interviews zu führen und zu Bildern zu texten.
Roberto Tossuti ist einer der Kameramänner, die beim HR zur Zeit die neue Technologie erproben. Doch selbst er, der von sich sagt, dass er die "Kameraarbeit mittlerweile blind" macht, hält es für schwierig, gleichzeitig durch den Sucher zu gucken, auf den Tonpegel zu achten und dem Interviewten noch zuzuhören. "Als Reporter muss ich die Fragen stellen, die emotional zur Situation passen, das funktioniert nicht mehr, wenn man sich so auf die Technik konzentrieren muss."
Im Fernsehen ist alles schon einmal da gewesen
Tatsächlich ist - wie meist im Fernsehen - der Ton das größte Problem. Interviews und Kommentare von Protagonisten müssen in der Regel mit einem zusätzlichen Mikrofon aufgenommen werden, damit sie überhaupt sendbar sind. Rosenblum ficht das nicht an: "Dass jemand nur Ton oder nur Kamera macht, wird es in ein paar Jahren im Fernsehen nicht mehr geben", prophezeit er.
"Es ist interessant, was Rosenblum auslöst", sagt Tessuti, "das Fernsehen hat im Moment ein Orientierungsproblem, weil alles schon mal da gewesen ist." Ein Guru wie Rosenblum, der behaupte, er erfinde das Fernsehen neu, komme da gerade recht.
Die BBC hat der Guru bereits überzeugt. Der britische Sender glaubt an den Ein-Mann-Journalismus. Insgesamt 700 Mitarbeiter sollen in den kommenden Monaten in so genannten "Boot Camps" von Rosenblum geschult werden, um künftig als Videoreporter nach Storys zu jagen. Vielleicht gelingt es der renommierten Anstalt ja tatsächlich, den Videojournalismus qualitativ voranzubringen.
Video-Journalismus als Sparmodell
Bislang war er eher ein Sparmodell für regionale und lokale Fernsehstationen. Telebärn, zum Beispiel, laut Eigenwerbung der zweitgrößte Regionalsender der Schweiz, arbeitet seit sieben Jahren ausschließlich mit Videojournalisten, die selbst drehen, schneiden und texten. Insgesamt seien 25 bis 30 bei Telebärn beschäftigt, sagt Markus von Känel, der Chef vom Dienst. Täglich produzieren sie etwa eine Stunde Programm.
Die Videojournalisten, berichtet von Känel, erlernten ihr Handwerk in der Regel in dreimonatigen Praktika, anschließend seien sie fit für die Praxis. Bei den Schweizer Regionalsendern seien auf diese Weise in den vergangenen Jahren so viele Videojournalisten ausgebildet worden, dass der Markt in der Schweiz bereits "übersättigt" sei.
Auch das Schweizer Fernsehen DSF setze inzwischen Videojournalisten ein, sagt von Känel, vor allem für Jugend- und Musiksendungen. Trotz der guten Erfahrungen ist auch von Känel überzeugt, dass eine Person den Job nie so gut erledigen könne wie drei. Der Qualitätsunterschied zu den "großen Sendern" sei sichtbar.
Der Mann, der den Kugelschreiber hält
Rosenblum hält nicht viel von dem Gedanken, dass ein Team mehr vermag als ein einzelner Autor. Er ist der Meinung, der Videojournalismus bringe die Kreativität und die Autorschaft zurück ins Fernsehen. "Bücher werden auch nicht von Verlagsangestellten geschrieben", meint er. Gerne vergleicht Rosenblum die Kamera mit dem Kugelschreiber des Pressejournalisten: "Stellen Sie sich vor, Sie wollten eine Reportage schreiben und müssten erst in der Disposition nach einem Kugelschreiber fragen und nach einem Mann, der den Kugelschreiber hält ... Jeder Redakteur sollte seine eigene Kamera haben und damit drehen. Dann hätten wir spannendes Fernsehen!"
Auch André Zalbertus, der Gründer der Produktionsfirma AZ Media in Köln, gehört zu Rosenblums Jüngern. Seit Februar bildet seine Firma 13 Video-Journalisten aus. In dem 18 Monate dauernden Volontariat werden die Journalisten technisch und journalistisch geschult: Das "Boot Camp" mit Michael Rosenblum gehört ebenso dazu wie Texten fürs Fernsehen oder Rechercheseminare. Die Ausbildung koste AZ Media "einen siebenstelligen Betrag", sagt Zalbertus. Eine öffentliche Förderung gebe es nicht. Die Volontäre erhalten während ihrer Ausbildungszeit ein "Taschengeld".
"Gute Werbung braucht eine gute Story"
Die fertigen Videojournalisten will Zalbertus vorwiegend im Lokalfernsehen einsetzen. Sein Ziel: Auch die Werbespots von lokalen Unternehmen sollen in Zukunft von Videojournalisten produziert werden. "Gute Werbung braucht eine gute Story", sagt Zalbertus - und Journalisten hätten nun mal gelernt, Geschichten zu erzählen. Der Trend ist für ihn eindeutig: "Journalisten werden vielseitiger einsetzbar."
Gute Geschichten hat auch Michael Rosenblum auf Lager: Als das Fernsehen erfunden wurde, habe es keine Gesetzestafel gegeben, auf der geschrieben stand: "Du sollst einen Kameramann haben." Im Land Gutenbergs und Luthers kommt es gut an, wenn er erzählt, wie die Druckerpresse vor fünfhundert Jahren die Welt revolutionierte und wie wichtig es für Luther war, seine Thesen öffentlich zu machen. Die Frage, wer dank der neuen Technologie wen verdrängt, interessiert ihn nicht. Das böse Wort Rationalisierung kommt ihm nicht über die Lippen.
Kameramann Tossuti glaubt nicht daran, dass alles besser wird, wenn jeder drehen kann. Es würden ohnehin viel zu oft die gleichen Geschichten erzählt, meint er. Natürlich sei es manchmal absurd, wenn ein Drei-Mann-Team mit einer 70.000 Euro teuren Digibeta anrücke, um 30 Sekunden aufzunehmen, "die nach einer halben Stunde schon wieder vergessen sind", sagt er. Doch für ihn verschärft der Videojournalismus den Verdrängungswettbewerb: "Die DV-Kamera trägt bei zur Entprofessionalisierung."
epd medien Nr. 90, 16. November 2002