Kultur
Das Werk "Badende am Kruepelsee" (um 1918/22) von Kurt Tuch ist ab 19.07.17 im Zentrum fuer verfolgte Kuenste in Solingen zu sehen.
© epd-West / Sonja Tuch/Zentrum fuer verfolgte Kuenste
Wertschätzung von "doppelt verfolgten Künstlern"
Zentrum für verfolgte Künste erinnert an NS-Aktion "Entartete Kunst"
Solingen (epd). Schon die Titel der Werke machen die Zeitkritik der Künstler deutlich: "Sieg der Gerechtigkeit - Untergang des Unstern Hitler" von Oscar Zügel von 1934/36 oder "Genotzüchtigte Kunst III Josef Goebbels" aus dem Jahr 1930. Die beiden Werke sind Exponate der Ausstellung "Vor 80 Jahren: Die NS-Aktion Entartete 'Kunst'". Das Zentrum für Verfolgte Künste im Kunstmuseum Solingen erinnert ab dem 19. Juli mit einer Ausstellung an zahlreiche, heute unbekannte Künstler, die von den Nationalsozialisten diffamiert wurden.

"Die Mehrzahl der über 200 Gemälde, Lithografien, Zeichnungen und Skizzen stammen von Künstlerinnen und Künstlerinnen, die von den Nationalsozialisten verfolgt, verboten oder ermordet wurden und deren Namen und Werke zu unrecht bis heute kaum oder gar nicht mehr bekannt sind", erläutert Ausstellungskurator Jürgen Kaumkötter am Mittwoch vor Ausstellungsbeginn.

Zu sehen ist etwa ein Holzschnitt von Ewald Dülberg von 1920, der eine Kreuzigungsdarstellung zeigt, die sich an afrikanischen Masken orientiert. Der Titel: "Er erniedrigte sich selbst und war gehorsam bis zum Tod." Die Schau zeigt auch Arbeiten von Richard Haizmann, César Klein, Ludwig Meidner, Heinrich Stegemann, Bernhard Kretzschmar, Albert Birkle, Rudolf W. Heinisch oder Hans Ludwig Katz.

Der Zeitpunkt der Ausstellungseröffnung ist vom Solinger Kunstmuseum nicht zufällig: Am 19. Juli 1937 gaben die Nazis mit dem Start der verunglimpfenden Schau "Entartete Kunst" in München "die Jagd auf alle Bereiche der modernen Kunst frei", sagt der Kunstsammler Gerhard Schneider, der zahlreiche Exponate zur Verfügung gestellt hat. Über 700 beschlagnahmte Werke von mehr als 120 Künstlerinnen und Künstlern wurden vor 80 Jahren von den Nazis in München unvorteilhaft gehängt und mit Schmähschriften versehen. Im Fortgang ihrer "Säuberungswelle" entfernten die Nazis dann rund 20.000 Werke von über 1.600 Kunstschaffenden als "degeneriert" und "volksverderbend" aus Museen und Sammlungen.

Im Zentrum der Solinger Ausstellung stehen nicht die Künstler, die bereits vor der NS-Machtergreifung berühmt waren und die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wieder in die Museen und Sammlungen einziehen konnten. Der Fokus liegt auf den Künstlern, die erst am Beginn ihrer Karriere standen und von denen viele in ihren Werken scharf mit dem Nationalsozialismus ins Gericht gingen und deshalb aus den Museen entfernt und vergessen wurden, wie der Direktor des Kunstmuseums Solingen, Rolf Jessewitsch, erläutert.

Er verstehe die Ausstellung deshalb nicht zuletzt auch als "Wertschätzung" gegenüber diesen Künstlern, die "doppelt verfolgt wurden", sagt Jessewitsch. Einmal, als man sie in die Schublade "entartet" gesteckt und viele ihrer Werke zerstörte habe, zum zweiten Mal nach 1945, als man den meisten von ihnen den Respekt und die Anerkennung versagte und sie vergaß. "Die Nachkriegsgesellschaft versäumte es, sie und ihr Schaffen in den deutschen Kulturkanon zurückzuholen", kritisiert auch Kurator Jürgen Kaumkötter.

Gezeigt werden vor allem Neuerwerbungen der Bürgerstiftung für verfolgte Künste - Else-Lasker-Schüler-Zentrum - Kunstsammlung Gerhard Schneider. Die Werke konnten mit Hilfe einer Finanzspritze in Höhe von einer Millionen aus dem Etat der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien erworben werden.

Bis 10. September haben Besucher der Ausstellung Gelegenheit, nicht nur ein diffamiertes und verdrängtes künstlerisches Erbe der jüngeren Geschichte kennenzulernen. Sie können sich auch ausführlich über das Leben der Künstler, über ihr Schicksal während der NS-Zeit und nach 1945 informieren.

Von Andreas Rehnolt