Soziales
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Leihen statt kaufen
Leih-Läden wollen Umwelt und Geldbeutel schonen
Wuppertal, Maintal (epd). Kleine rostbraune Flecken breiten sich auf dem Werkzeug aus. Doch mit dem Schneideisen lassen sich noch immer einwandfrei Schrauben herstellen, sagt Florian Grünert. "Ich bin handwerklich allerdings überhaupt nicht begabt", gesteht er. Womöglich der Grund, weshalb er das Schneideisen für den kuriosesten Gegenstand im "Leihladen" in Maintal bei Frankfurt am Main hält, den er mit vier weiteren Initiatoren gegründet hat. Dinge, die nur selten gebraucht werden, einfach nur borgen - das ist die Idee des nach eigenen Angaben ersten Leih-Ladens Hessens.

"Alles hier im Raum - sogar der Tisch und die Stühle - sind gespendet", erklärt der 34-Jährige und legt das Schneideisen zurück in eines der bunten Schwerlastregale, die im ganzen Geschäft aufgestellt sind. Den Raum im Gewerbegebiet neben einem Discounter haben die Ehrenamtlichen mietfrei von der Stadt bekommen. Nur noch das laute Rauschen der Lüftung erinnert daran, dass hier zuvor der Eingang eines Getränkemarktes war. Seit Dezember ist der Leih-Laden jeden Freitagnachmittag für zwei Stunden geöffnet.

Nach gut zwei Monaten finden auf den Gestellen längst nicht mehr alle gespendeten Haushaltswaren, Gartengeräte und Spielwaren Platz: Mehrere Paar Skier lehnen an der grauen Wand; ein Skateboard, ein Kinderwagen und ein Fitnessrad stehen auf den gesprenkelten Fliesen.

"Das Schönste wäre, wir hätten ganz viele Sachen im Bestand, aber keine mehr im Laden stehen", sagt Grünert. Bislang aber spendeten mehr Menschen Gegenstände, als sie Sachen ausliehen. Etwa 35 Mitglieder zahlen Grünert zufolge den monatlichen Mitgliedsbeitrag von zwei Euro, für den sie so viel ausleihen dürfen, wie sie mögen. Das Prinzip ähnele einer Bücherei, erklärt er - "nur ohne Bücher."

Der wohl erste Leih-Laden in Deutschland öffnete 2010 in Berlin-Prenzlauer Berg. Inzwischen gibt es sie auch in Leipzig, Bochum, Heidelberg und Würzburg. Der Trend "Mieten statt Besitzen" stößt auf Zuspruch: Ein Viertel aller Konsumenten glaubt laut einer Studie der Unternehmensberatung KPMG, dass es in Zukunft unwichtiger wird, Dinge zu besitzen. Und die Mehrheit der Konsumenten hat bereits ein Mietmodell genutzt und wünscht sich branchenübergreifend mehr Angebote.

Auch große Firmen entdecken das Borgen für sich: Tchibo bietet seit Ende Januar Miet-Kleidung für Kinder und Ikea-Chef Jesper Brodin erklärte im vergangenen Oktober, dass der Konzern überlege, seine Möbel demnächst auch zu verleihen.

Im Maintaler Leih-Laden geht die Tür auf, ein Mann kommt mit seiner Tochter herein: "Wir wollen einfach nur mal gucken." Die Teenie-Tochter inspiziert die Regale, bei den Brettspielen bleibt sie stehen. Rund zehn Minuten später steigen beide wieder ins Auto - ohne etwas ausgeliehen zu haben. "Viele gucken sich unsere Sachen an, kommen in der nächsten Woche wieder und leihen sich erst dann was aus", erklärt Grünert.

"Menschen teilen und tauschen seit eh und je", erklärt Karoline Augenstein, die als Juniorprofessorin am Zentrum für Transformationsforschung und Nachhaltigkeit in Wuppertal über "Sharing Economy" forscht. Durch das Internet habe das bekannte Prinzip Aufschwung erhalten, Menschen auf der ganzen Welt nutzen beispielsweise das Privatbetten-Portal Airbnb. "Gerade bei den großen Anbietern stellt sich aber die Frage, ob statt der Wiederbelebung des Teilens und Tauschens in Zeiten des Internets nicht eher eine zunehmende Kommerzialisierung stattfindet."

Das ist bei den Leihläden anders: "Viele dieser Geschäfte bleiben bewusst in der Nische", sagt Augenstein. Denn wenn sie ihre Reichweite vergrößerten, ginge das Miteinander der Ladenmitglieder verloren. Auch das Maintaler Geschäft versteht sich als ein Treffpunkt für Menschen, sagt Florian Grünert.

Noch wichtiger ist dem Initiator aber, dass das Leihen die Umwelt schützt. "Otto Normalverbraucher nutzt viele Dinge nur maximal einmal im Jahr", sagt er. Laut dem Verbraucherservice Bayern befinden sich in jedem deutschen Haushalt durchschnittlich ungenutzte Gegenstände im Wert von etwa 1.000 Euro. Für die Produktion all dieser Sachen werden Ressourcen wie Wasser, Strom und Metalle verschwendet, klagt Grünert.

"In dem Moment, in dem ich Sachen leihe, tausche oder gemeinsam nutze, mindere ich meinen Besitz und schone knappe Ressourcen", sagt Christine Wenzl, Expertin für Nachhaltigkeit beim Umweltverband BUND. Dennoch seien Leih-Läden nur "ein Tropfen auf dem heißen Stein". Für eine wirkungsvolle Veränderung müsse die Politik handeln. In Schweden zum Beispiel hat die Regierung Ende 2016 die Steuern auf Reparaturen gesenkt, um der "Wegwerf-Mentalität" entgegenzuwirken.

Florian Grünert weiß, dass er mit dem Leih-Laden nicht allein die Umwelt retten kann - für ihn sei das Geschäft bislang nur ein Test. Privat hat er sich dem minimalistischen Lebensstil schon verschrieben: "Je weniger ich besitze, desto besser geht es mir", sagt er. An diesem Freitagabend nimmt er nach Ladenschluss den Dauerrenner des Leih-Ladens mit nach Hause: eine Sackkarre.

Von Patricia Averesch