Ethik
Kirchenvertreter warnen vor Selektion durch vorgeburtliche Diagnostik
Düsseldorf, Bonn (epd). Kirchenvertreter warnen vor der Last, die die vorgeburtliche Diagnostik für werdende Eltern mit sich bringen kann. Vor dem Auftakt der "Woche für das Leben" erklärte der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Manfred Rekowski, in Düsseldorf: "Eine Gesellschaft, die dem biblischen Menschenbild gerecht wird, ist inklusiv, nicht selektiv." Durch neue Analysemethoden gerieten werdende Eltern zunehmend unter Druck, sagte Rekowski. In dieser Situation könnten die kirchlichen Beratungsstellen ihnen wichtige Unterstützung geben.

Auch die Ärztin Katharina Rohmert vom Bundesverband pro familia in Frankfurt am Main hob die Schwierigkeiten hervor, mit denen Pränataldiagnostik verbunden sein kann. Die Tests lieferten "keine Beweise", sagte sie. Bei der "Woche für das Leben", die die evangelische und die katholische Kirche in Deutschland ausrichten, steht in diesem Jahr die Pränataldiagnostik im Mittelpunkt.

Präses Rekowski äußerte Sorgen mit Blick auf eine Selektion: "Wenn Untersuchungen auf bestimmte Krankheiten flächendeckend zum Einsatz kommen, hat das weitreichende Konsequenzen". Er sehe die große Gefahr, dass das Recht auf Leben immer stärker von bestimmten gesellschaftlich normierten Kriterien abhängig gemacht wird, sagte der leitende Geistliche der zweitgrößten evangelischen Landeskirche.

Neue diagnostische Möglichkeiten vor der Geburt könnten Paare unter großen Druck setzen, hatten auch der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, und der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, in einem gemeinsamen Vorwort im Themenheft zur Aktionswoche geschrieben. Teils begegne ihnen eine Mentalität, dass ein mit Krankheit oder Behinderung geborenes Kind heute "nicht mehr nötig" sei. Die Theologen betonen: "Jedem Kind kommt die gleiche Würde zu, unabhängig von allen Diagnosen und Prognosen." Die Kirchen böten Möglichkeiten der Unterstützung, Beratung und Begleitung an, hieß es.

Die Medizinerin Katharina Rohmert ermutigte ebenfalls dazu, das Beratungsangebot für Schwangere stärker zu nutzen, etwa in den Einrichtungen auch von Diakonie und Caritas. Es wäre hilfreich, Paare würden sich bereits informieren, bevor sie die Tests machen, "aber das ist eher die Ausnahme", sagte sie dem Evangelischen Pressedienst (epd). Das Googeln im Internet helfe meist nicht.

Die Medizinerin hob den ambivalenten Charakter der vorgeburtliche Diagnostik hervor: "In den allermeisten Fällen bleibt ein Test ohne Befund, dann ist die Pränataldiagnostik ein Segen", sagte Rohmert. "Der Fluch fängt da an, wo ein Befund nicht eindeutig ist, erst mal sind es ja Verdachtsbefunde." Die pränataldiagnostischen Tests lieferten zunächst nur Hinweise auf mögliche Schädigungen, "es sind ja keine Beweise". Pro familia zufolge kommen 95 bis 97 Prozent aller Kinder gesund zur Welt.

Die diesjährige "Woche für das Leben" steht unter dem Motto "Kinderwunsch. Wunschkind. Unser Kind!" und dauert bis zum 21. April. Mit der Initiative werben die evangelische und katholische Kirche seit 1994 gemeinsam für die Schutzwürdigkeit des menschlichen Lebens in allen seinen Phasen. Eröffnet wurde die Aktionswoche am 14. April mit einem Gottesdienst im Trierer Dom.